FORTSETZUNGSROMAN | 07. März 2018

 

Liguster Zwingelwicht

9. Kapitel

Fleißig, fleißig wie die Bienen

 

Schwer atmend stützte sich Liguster auf seine Knie und schloss die Augen. Wie gerne würde er sich jetzt in seine kleine Wabe zurückziehen, sich von dem Nebel – oder wie sie es hier nannten – Tau-Schleier erfrischen lassen und seine müden Muskeln ausruhen. Aber da spürte er zum wiederholten Male heute die Stockspitze von Quanjo in seiner Seite.

 

„Losz du faules Gerippe. So wird dasz nichts. Du sztirbst schon, kaum biszt du aus dem Hügel raus. Losz, losz, losz. Sztreng dich mal ein biszchen an!“

 

Noch immer vollkommen außer Atem machte Liguster einen kleinen Schritt zur Seite, um dem schmerzhaft piekenden Stock des Heidelings zu entgehen.

 

„Ja, ja“, japste er und schielte zu dem stämmigen Wicht, der mit seinem Hinkefuß und seinem Lispeln zunächst eher Ligusters Mitleid erregt hatte. Das hatte sich jedoch sofort geändert, als er mitbekommen hatte, dass Quanjo bei den Heidelingen wie ein Held verehrt wurde und sich bei dem regelmäßigen Training als echter Tyrann entpuppte.

 

„Wasz heiszt hier: ja, ja. Beweg dich. Fleiszig, fleiszig wie die Bienen. Die junge Herrin hat dich gleich überrundet, du Schlappwicht!“

 

Liguster stöhnte auf, als ihn die Stockspitze erneut in die Seite stach.

 

„Ist ja gut“, antwortete er und richtete sich auf. Kurz spähte er nach Lori aus, die wirklich schon wieder fast eine ganze Runde geschafft hatte. Die mit ihrem: fleißig, fleißig wie die Bienen. Mittlerweile konnte Liguster nur allzu gut verstehen, worüber sich Lori immer beschwerte. Allerdings schien sich diese ständige Betriebsamkeit auch in einer beeindruckenden Schnelligkeit und Ausdauer bemerkbar zu machen, auf die man einfach nur neidisch sein konnte. Schwerfällig setzte sich Liguster wieder in Bewegung. Wie er diesen Parcours mittlerweile hasste. Erst kam die Laufstrecke mit tückischen Löchern und dünnen Halmen über tiefen Gruben. Dann musste er schwimmen. Schwimmen! Er hatte immer gedacht, dass Wichte im Wasser nichts zu suchen hatten, bis er im Unterricht von den Seepixies gehört hatte. Wichte im Wasser! Unglaublich. Schwimmende Wichte! Mühsam hatte er das Schwimmen gelernt und hielt sich auch jetzt noch nur mit erheblichen Schwierigkeiten über Wasser. Dann kam das Springen von Seerosenblatt zur Seerosenblatt wie ein Wasserläufer. Und das war – beim großen Mutterbaum – nur der erste Teil des Parcours. Hätte Liguster gerade mehr Atem zur Verfügung, hätte er erneut abgrundtief geseufzt als er den ersten dünnen Halm erreichte. Unter dem Halm war eine Grube mit übelriechendem Schlamm, in den er schon mehr als einmal hineingefallen war. Der getrocknete Matsch juckte unangenehm auf der Haut. Aber davon durfte er sich jetzt nicht ablenken lassen. Der Halm war wirklich vertrollt dünn und schwankte bei jedem noch so winzigen Luftzug. Liguster streckte seine Arme zur Seite und balancierte vorsichtig.

 

„Du musst schneller sein“, rief auf einmal Loris Stimme hinter ihm. „Nicht nachdenken. Einfach schnell drüber laufen.“

 

Liguster stutzte kurz. In diesem Moment sprang Lori hinter ihm schon auf den Halm, und zwar mit so viel Schwung, dass der Halm nachgab und unmittelbar darauf wieder nach oben schnellte. Liguster wurde in die Luft geschleudert und stieß einen erschreckten Laut aus. Da spürte er, wie ihn etwas an der Hand griff und hinter sich herzog. Einen Augenblick lang segelte er durch die Luft. Dann schlug er unsanft auf dem Boden auf. Lori half ihm auf die Beine und sah ihm mit einem gequälten Lächeln an.

 

„Komm schon, wir müssen noch diesen Parcours hinter uns bringen, bevor wir aufhören dürfen. Lass es uns durchziehen.“

 

„Du bist doch schon längst fertig“, antwortete Liguster und rieb sich die schmerzenden Stellen seines Körpers.

 

Lori schüttelte den Kopf. „Wir müssen zusammen abschließen. Die Gemeinschaft zählt vor dem Einzelnen.“

 

„Ist das etwa auch so ein Bienen-Ding?“

 

Lori zuckte mit den Schultern. „Kann schon sein. Los jetzt, du fauler Wicht.“

 

Kurz darauf strampelte Liguster im Wasser und hielt sich prustend und schnaufend einigermaßen an der Oberfläche. Jeder Muskel in seinem Körper brannte vor Anstrengung und er war so müde, dass er kurz mit dem Gedanken spielte, einfach aufzugeben und sich auf dem Grund des Wassergrabens für immer zur Ruhe zu legen. Aber das war natürlich nicht wirklich eine Option. Also quälte er sich bis zum Rand des Grabens und war dankbar, dass Lori sich nach allen Kräften bemühte, ihm zu helfen. Jetzt musste er springen. Gut. Das fiel ihm leicht. Die Zwingelwichte sprangen ohnehin von Ast zu Ast wie die Eichhörnchen. Springen konnte er. Also ging Liguster federnd in die Knie und stieß sich ab. Geschmeidig landete er auf dem nächsten Seerosenblatt, von dem Lori gerade abgesprungen war. Doch ihr Sprung war zu schwach und sie würde wohl eine unfreiwillige Wasserlandung hinlegen. Gerade noch bekam Liguster sie an der Taille zu fassen, zog sie im Sprung an sich heran und landete gemeinsam mit ihr weich auf dem Blatt.

 

„Danke“, flüsterte Lori. Erst jetzt fiel Liguster auf, wie erschöpft Lori aussah. Das war auch kein Wunder. Immerhin hatte sie bestimmt zwei Runden mehr als er absolviert und er fühlte sich schon wie von einer Kröte zerkaut und wieder ausgespuckt.

 

„Keine Ursache“, antwortete er. „Die Gemeinschaft zählt vor dem Einzelnen, oder wie war das?“ Schon nahm er einen kurzen Anlauf und zog Lori mit sich, als er sich in die Luft zum nächsten Blatt erhob.

 

Nachdem sie sich anschließend durch ein dunkles Tunnelsystem getastet, über Felsen gestiegen und an einer Steilwand hochgeklettert waren, über schwimmende Moosteppiche gerannt und fleischfressenden Pflanzen ausgewichen waren, waren sie endlich am Ende des Parcours angekommen.

 

„Der halbe Mondlauf iszt um und dasz ist das Beszte, wasz ihr hinbekommt?“, donnerte Quanjo und fuchtelte mit seinem Stock drohend in der Luft herum. „Und daran hängt dasz Schicksal der geszamten Wichtheit! Beim heiligen Heidehügel, dasz iszt eine Katastrophe.“ Quanjo verzog dermaßen gequält sein Gesicht, dass Liguster für einen Augenblick dachte, er hätte einen Tollkirschen-Krampf und würde gleich tot umkippen. Aber dann schüttelte Quanjo nur ergeben den Kopf und sagte: „Wir szehen unsz in zwei Szonnenläufen wieder. Und dann sztrengt ihr euch gefälligszt mehr an.“ Leise vor sich hin murmelnd drehte er sich um und humpelte davon.

 

Liguster und Lori sahen sich kurz an und fielen dann wie auf Stichwort gemeinsam nach hinten in den Sand. Eine Zeitlang sagte keiner von ihnen ein Wort und man hörte nur ihren heftigen Atem, das allgegenwärtige Summen der Heidebienen und das entfernte Tluii-Tluii einer Heidelerche. Der Himmel über ihnen strahlte in einem satten Hellblau und der sandige Boden der Dünenheide war herrlich warm.

 

Irgendwann drehte sich Liguster auf die Seite, stützte seinen Kopf auf seine Hand und sah Lori forschend an. Sie sah mit ihrem dreckverschmierten, gelb glitzernden Gesicht noch immer gerade nach oben in den Himmel und schien kurz davor einzuschlafen.

 

„Was starrst du so“, murmelte sie schließlich und gähnte verhalten.

 

„Ich denk nur nach“, antwortete Liguster ausweichend und ließ sich wieder auf den Rücken fallen. Aber das schien Lori erst neugierig zu machen.

 

„Und worüber?“, fragte sie jetzt und richtete sich ihrerseits auf.

 

Liguster zuckte mit den Schultern.

 

„Na, sag‘ schon, beim heiligen Heidehügel. Was geht in deinem Zwingelwicht-Kopf vor? Denkst du über unsere Reise nach? Oder darüber, dass du der Auserwählte sein sollst? Oder machst du dir Sorgen, weil du noch immer so unglaublich langsam und untrainiert bist?“ Lori grinste.

 

Liguster verzog sein Gesicht und spürte einen Augenblick lang wieder jeden noch so winzigen Teil seines Körpers, der pochte und brannte und sich wie verprügelt anfühlte. Dann grinste er zurück.

 

„Nö. Ich hab‘ nur gerade darüber nachgedacht, ob du später genauso, na, sagen wir, üppig, wie deine Mutter sein wirst.“

 

Lori schnaufte empört. „Ach, du bist sowas von … Dann behalt es eben für dich, du Blödwicht.“ Lori verschränkte die Arme vor der Brust und sank mit trotzig vorgeschobener Unterlippe wieder nach hinten.

 

Das trockene Heidekraut rund um die beiden Wichte knisterte in einem leichten Luftzug und unweit von ihnen fing eine Grille an, mit ihren Hinterbeinen zu musizieren.

 

„Es ist nur …“, setzte Liguster irgendwann an. „Ach, gar nichts“, brach er erneut ab.

 

Diesmal antworte Lori gar nicht, sondern schmollte weiter in Richtung Himmel.

 

Schließlich überwand sich Liguster und sagte leise und stockend: „Du bist die Fünfte aus dem Herrscherhaus, Lori. Du warst schon immer jemand Besonderes. Aber ich … Ich war noch vor einem Mondlauf weniger als niemand. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das hier alles wirklich passiert. Was soll ich schon bewirken? Das ist doch total verrückt!“

 

Lori drehte ihren Kopf zur Seite und sah Liguster interessiert an. „Wie ist man denn bitte weniger als niemand. Das geht doch gar nicht. Und als fünfte Tochter bin ich ungefähr so besonders wie ein Wacholder-Ausschlag.“

 

Liguster lachte auf. „Quatsch, du gehörst zum Herrscherhaus. Ich bin nur ein Findelwicht, den niemand ausstehen kann.“

 

„Du bist der Auserwählte“, sagte Lori. „Wenn die alte Aruna das sagt, dann ist es so. Außerdem hast du die Prophezeiung doch selbst gelesen. Du bist der Auserwählte, Liguster. Und gemeinsam werden wir das gesamte Wichtvolk retten. Ich finde das nicht verrückt, ich finde das absolut und total purpur!“

 

„Purpur?“

 

Lori nickte eifrig. „Purpur! Und morgen bei der alten Aruna erfahren wir noch mehr von dem geheimen Wissen der Heidelinge. Über die Seepixies und die Moormurkel und die Berggnome. Über unsere Aufgabe und den Rosensee, das Khadija-Moor und die Nebelberge. Weißt du, Li, ich hätte nie gedacht, dass ich mal von hier wegkomme. Weiter als bis zur Baumhöhle bin ich nie gekommen und auch das musste ich schon heimlich machen. Endlich kann ich weg von diesen nervigen Aufgaben und dieser ständigen Bewachung. Das ist auch total purpur!“

 

Liguster musste grinsen. „Purpur!“, antwortete er nur. Doch als er dann wieder daran dachte, dass ihn die Heidelinge verrückterweise für den Auserwählten hielten und wegen dieses Irrtums bei der nächsten Sommersonnenwende allesamt in Halme verwandelt werden würden, schwand das Lächeln aus seinem Gesicht und machte einem kummervollen und besorgten Ausdruck Platz.

 

Ein Kapitel verpasst?

Sämtliche Liguster-Kapitel findest du im 'mehr-lesen-ARCHIV'