KOLUMNE | 29. Februar 2016

 

Edgy It-Pieces für trendy Fashionistas: der Mode-Blubb

Als ich beschloss über das so genannte ‚Fashion-Wording‘ zu schreiben, dachte ich noch: das wird ‘ne ganz leichte Nummer. Aber dann geriet ich unversehens zwischen die emotional aufgepeitschten Fronten von selbsternannten Deutschrettern und unbedarften Denglisch-Speakern...

 

Aber bleiben wir zunächst beim Fashion-Wording. Am Anfang meiner Arbeit als Texterin waren mir Modetexte ein Gräuel. Ich habe zwar nichts gegen Mode, ganz im Gegenteil: ich steh‘ auf schöne Dinge und eine ansprechend zusammengestellte Garderobe (kurze Übersetzung für Fashionistas: Hey, ich liebe angesagte Fashion-Pieces und ein stylishes Outfit). Aber diese Glitzer-Grinse-Barbie-Modewelt war und ist mir doch sehr suspekt. Und auch wenn ich Gefahr laufe, mich jetzt als Mode-Banause zu outen: Eine Handtasche ist für mich ein Sack, in den man seine Sachen stopft und kein Statussymbol, für das ich Hunderte oder sogar Tausende ausgeben würde. Wenn ich eine Jeans mit Rissen und Löchern sehe, ist es für mich eine kaputte Jeans, keine edgy Denimwear mit coolen Destroyed-Effekten im Vintage-Look. Dennoch fand ich irgendwann Gefallen an dieser effekthaschenden Sprache der „Fashion-Welt“. Sie ist so übertrieben, fast schon verzweifelt darauf aus, angesagt und cool zu sein… Irgendwie so, als würde ein peinlicher Vater sich in dem Jugendslang seiner Kinder versuchen. „Mann, yo, Bro, was geht? Lad' doch deine Gang mal in unsere Homebase ein. Grillen und chillen, du verstehst, haha! Mama macht Hackbraten.“

 

Deswegen freue ich mich mittlerweile immer, wenn ich mal wieder ein Modeprojekt auf den Schreibtisch bekomme. Denn dann kann ich wunderbar sprachlich 'abspasten' (ich entschuldige mich vorsorglich, sollte sich jemand durch dieses politisch unkorrekte Wort beleidigt fühlen). Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man bei der Textproduktion aus dem Vollen schöpfen darf und Einschübe wie „Wow!“, oder „Edgy!“ ebenso erlaubt sind wie die ganze fantastische Welt des Fashion-Wordings. Das sind vor allem englische Begriffe wie trendy, stylish, cool, hip, Look, Style, Vintage, Casual, Business oder (mein heimlicher Favorit) It-Pieces. Es gibt aber auch laufend neue Wortschöpfungen. Jorts sind zum Beispiel eine Kombi aus Jeans und Shorts, Yummies (Young Urban Males) sind der männliche Gegenpart zu Fashionistas und der Blurt ist eine Wortzusammensetzung aus Bluse und Skirt für sowas wie ein langes Blusenkleid. Ich sag‘ nur: edgy!

 

Auf gmx habe ich neulich mal den Ausdruck „Mode-Blub“ gelesen. Damit wurde der „Sprech aus der Denglisch-Kiste“ von Germanys next Topmodel bezeichnet. Beispiel: „Zusammen werden die Emotionen Sexy, Happy und Wütend geübt“. Wunderbar, der Begriff ist gekauft! Ich hänge nur noch ein B mehr dran, um die lautmalerische Qualität des Ausdrucks zu unterstreichen. Ich verstehe den Ausdruck „Blubb“ nämlich als hohle Blase, eben wie so einen Unterwasser-Blubb von einem Fisch (nicht wie meine Internetrecherchen ergeben haben als Abkürzung für: „Babe, lass uns bumsen bitte…“ –, was es alles gibt…). Ich weiß, die ‚Deutschretter‘ unter euch können gerade gar nicht glauben, dass eine promovierte Germanistin vom Mode-Blubb begeistert ist. Aber es bringt nun einmal echt Spaß, mit diesem „Fashion-Sprech“ (was für ein furchtbarer Begriff!!!) herumzuhantieren. Besonders gerne bastele ich deutsche und englische Begriffe zusammen, etwa so: „Ab ins tägliche Styling-Abenteuer. Auf uns warten trendige It-Pieces für einen coolen Casual-Style oder einen smarten Business-Look. Let’s go!“ Das darf man natürlich nicht einfach normal lesen. Richtig witzig wird es erst wenn man es mit einem leicht amerikanischen Teleshopping-Akzent überbetont oder alternativ in einem ganz harten Deutsch ohne jede Betonung spricht. Einfach mal probieren!

 

Wenn man den ganzen Kram ernst nimmt, hat man natürlich verloren, egal ob man sich darüber empört und den Untergang der deutschen Sprache nahen sieht oder ob man diese Worte wirklich als Bestandteil seiner Alltagssprache verwendet. Kurzer Hinweis: für sehr intelligent wird man dann allerdings nicht unbedingt gehalten… Eine vokabelreiche und gewählte Sprache ist und bleibt Ausdruck von Bildung. Und Sprachwitz erfordert Intelligenz, basta. (Der Cartoon stammt von Frederik Mettjes: www.frischer-fis.ch. )

 

Warum der Mode-Blubb nun ebenso wenig ein apokalyptischer Reiter des Niedergangs der deutschen Sprache ist wie die Jugend-, Werbe-, Büro-, Computersprache oder Kanak Sprak? Ganz einfach: Sprache ist Spiel. Und so war es schon immer. Sprache muss sich entwickeln, um lebendig zu bleiben. Dabei ist es ganz egal, ob sich die Wortschöpfungen aus dem Deutschen selbst ergeben oder Lehnwörter anderer Sprachen zu Hilfe nehmen. Man darf experimentieren, verkürzen, verlängern, zusammenfügen… Erst wenn eine Sprache einen statischen Zustand erreicht, ist sie in einer Art Leichenstarre angekommen. Deswegen befremden mich diese zahlreichen aufgebrachten ‚Deutschretter‘ im Netz. Es gibt zum Beispiel den Verein Deutsche Sprache e.V. mit – nach eigenen Angaben – weit über 30.000 Mitgliedern. „Unsere Sprache ist dabei, wie ein krankes Tier zu verenden“ wird da ein prominentes Mitglied auf der Startseite zitiert. An anderer Stelle wird ein bayerisches Mitglied vorgestellt, das mit seiner bayerischen Muttersprache gerne herumexperimentiere. Irritierte Nachfrage: Ist Bayrisch Deutsch? Also als ich – eine hochdeutsch sprechende Person – mich mal einige Zeit in Niederbayern aufhielt, habe ich da wirklich niemanden verstanden. Kein bisschen! Warum also Denglisch weniger Daseinsberechtigung haben soll als Bayrisch leuchtet mir nicht ein. Etwa weil da ‚ausländische‘ Lehnworte in die ‚reine‘ deutsche Sprache aufgenommen werden? Klingt für mich nicht weniger unheimlich als die „Wir-sind-das-Volk“-Parole mit der Clausnitzer Protestler sich jüngst einem Flüchtlingsbus in den Weg stellten. Da ist mir das humorvoll liebevolle Plädoyer für die Schönheit deutscher Worte auf deutschretten.de doch deutlich lieber. Hier adoptiert man ein deutsches Wort und gelobt feierlich, die (d)englische Variante nie wieder zu gebrauchen. Auch die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V., die sich ganz ohne Hetze der Pflege und Erforschung der deutschen Sprache widmet, finde ich wunderbar. Geht doch! Einen zur Abwechslung mal amüsant zu lesenden Aufreger-Artikel über Dummdeutsch und Denglisch hat übrigens der Chefradakteur des Hamburger Abendblatts, Matthias Iken, verfasst. Dort heißt es zum Beispiel:  „Unübertroffen der deutsche Hersteller eines Rucksacks, der diesem weltweit verstandenden deutschen Wort den modischen Titel body bag umhängte. Blöd nur, dass body bag Leichensack bedeutet.“ Usw.

 

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht besteht jedenfalls kein Anlass zur Panikmache. Linguist Ulrich Schrodt bestätigt gegenüber dem Goethe-Institut, dass diese Sprachuntergangs-Szenarien kennzeichnend für das Umfeld nationalistischer Strömungen seien, aus sprachwissenschaftlicher Sicht allerdings „blanker Unsinn“. Auch Prof. Dr. Stefanowitsch von der Universität Bremen beruhigt im Hamburger Abendblatt, dass in der Sprachgeschichte kein einziger Fall dokumentiert sei, in dem eine Sprache wegen einer Überzahl an Lehnwörtern ihre Ausdruckskraft verloren hätte. Und wenn das Deutsche vom Englischen durchsetzt wird, gilt es schließlich genauso auch anders herum. Von Bratwurst über Energiewende bis hin zu Kindergarten – alles deutsche Begriffe im alltäglichen Englisch.

Und um abschließend noch einmal alle zu beschwichtigen, die Angst vor der Übermacht des Englischen haben: Das globale Englisch ist auch nicht mehr das reine Muttersprachler-Englisch, sondern ein sogenanntes Lingua-franca-Englisch, eine Vekehrs- oder Handelssprache. „My English is not the Yellow from the Egg. But it goes.“ – das ist Lingua-franca-Englisch, bei dem es nicht um ein korrektes Hochenglisch geht, sondern darum, sich irgendwie verständlich zu machen.

 

In diesem Sinne: bleibt cool und macht weiter so. Ich werde mich jetzt mal wieder mit lässigen Styles und trendigen Looks befassen...

 

Für die weitere Lektüre etwas Lustiges zum Deutsch-Englisch-Salat, etwas Praktisches für die grammatisch korrekte Verwendung von Anglizismen im Deutschen und etwas Nostalgisches zum Schwelgen und Wiederentdecken!


Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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