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Trigger mich nicht! Unerwünschte Automatismen im Gehirn

Wortopolis Kolumne by Britta Stender

 

Kennt ihr das? Dass ihr in irgendeiner Situation auf einmal vollkommen unverhältnismäßig reagiert? Von jetzt auf gleich geht ihr in die Luft, fangt an zu heulen oder bekommt Panik? Ihr erlebt einen ganz plötzlichen Stimmungsumschwung und um euch herum wird mit Befremden, Empörung oder Unverständnis reagiert? Zack! Ihr wurdet getriggert!

 

Trigger hier, Trigger dort, Trigger überall – welcher Trigger ist gemeint?

 Das Wort „Trigger“, zu Deutsch 'Auslöser', wird in den verschiedensten Bereichen verwendet. Es gibt Trigger in der Medizin, bei Waffen, in der Elektronik, sogar eine serbische Heavy-Metal-Band heißt „Trigger“, wenn man Wikipedia Glauben schenken darf. Ist mir aber egal. Denn hier geht es nur um Trigger im psychologischen Sinne. Und damit spreche ich von Reizen, die dein emotionales Gedächtnis auf den Plan rufen und mehr oder weniger stark die Kontrolle über deine Gefühle übernehmen lassen. Das kann bei heftig traumatisierten Menschen so weit gehen, dass sie komplett in die Trauma-Situation abtauchen (= Flashbacks) und sich später gar nicht mehr an ihre getriggerte Reaktion erinnern. Sie verdrängen (= dissoziieren) sie vollständig aus ihrem Bewusstsein, spalten sie gewissermaßen ab. Aber auch der psychisch 'normal' belastete Mensch kennt in der Regel solche Trigger-Reize.

Was sind Triggerreize?

Trigger, können alle möglichen Arten von Sinneseindrücken sein. Bewusst und auf die nette, harmlose Weise passiert das, wenn durch den Reiz gezielt eine Erinnerung geweckt wird. Ein bestimmter Blumen-Duft erinnert uns zum Beispiel an das erste Date mit unserer großen Liebe im botanischen Garten oder eine Melodie daran, wie Mama uns ein Schlaflied vorgesungen hat. Für einen Moment ist man mit seinen Gefühlen wieder ganz in der Situation von damals. Ach, wie schön! Psychologisch auffällig oder interessant sind allerdings eher die Trigger, bei denen die Reiz-Reaktions-Sache absolut unbewusst passiert. Plötzlich werden wir von Gefühlen überschwemmt, ohne den Grund dafür zu kennen, häufig sogar, ohne unseren Gefühlsumschwung selbst bewusst wahrzunehmen.

 

 

Das emotionale Gedächtnis und das Unglück mit dem Eisberg

Wie wird das Unterbewusstsein getriggert?

 

Werden wir mal ein wenig theoretischer: Grundsätzlich kann man unser Gedächtnis in einen impliziten (nicht-deklarativen) und expliziten (deklarativen) Teil unterscheiden. In erstem werden Informationen so abgespeichert, dass sie unbewusste und automatische Reaktionen hervorrufen, im zweiten als abrufbares Wissen (Termine, binomische Formeln und ähnliches). Mich interessiert vor allem das implizite Gedächtnis. Das hat es nämlich faustdick hinter den Ohren und lässt unser Geschwafel von freiem Willen oft ganz schön alt aussehen. Es ist schier unglaublich, wie viel auf der unbewussten Ebene abläuft. Gehen, Radfahren, Autofahren zum Beispiel. Wem ist es schon mal passiert, dass ihm plötzlich bewusst wurde, auf dem vollkommen falschen Weg zu sein, weil automatisch eine gewohnte Richtung eingeschlagen wurde. (Schade, dass ich nicht Kali bin, ich bräuchte jetzt all ihre Hände, um mich zu melden). Viele, viele Dinge passieren im Alltag voll automatisch. Und das ist auch wichtig so, weil unser kümmerliches Bewusstsein nicht mal ansatzweise in der Lage wäre, alles auf einmal zu steuern. Ihr versteht jetzt die Anspielung mit dem Eisberg in der Überschrift? Das Unbewusste liegt unter dem Wasser verborgen, das Bewusste ist die niedliche kleine Spitze über der Oberfläche. So, und die Titanic ist jetzt der Triggerreiz, der unser emotionales Gedächtnis rammt. Die dramatischen Folgen kennt ihr alle. Gut, das Bild hinkt etwas, aber ich fand es so schön … Wir können auch einfach sagen: In unserem Kopf gibt es einen unsichtbaren Autopiloten.

 

Trigger, Trigger an der Wand – Auslöser-Reize als Zauberspiegelblick in die eigene Psyche

Was verraten Trigger uns über uns selbst?

 

Das Cockpit, in dem der Autopilot des emotionalen Gedächtnisses sitzt, trägt den exotischen Namen „Amygdala“ und liegt im limbischen System. Das ist das mit der Belohnung und den vielen Hormonen und Emotionen. Tja, und wie man drauf ist, wenn der Amygdala-Pilot uns ausknockt und das Ruder an sich reißt, kann man an jedem Pubertierenden anschaulich beobachten (vgl. meine Kolumne über die Pubertät). Doch das wollen wir nicht mehr, oder? Diese Zeiten, uns wie unberechenbare Irre aufzuführen, liegen hinter uns! Und deswegen lassen wir uns auch nicht einfach triggern, sondern nutzen den Trigger, um mehr über uns zu erfahren. Finde ich zumindest. Wie das funktioniert? Hier kommt die Anleitung:

 

  • Es läuft alles seinen geregelten Gang, du pfeifst ein lustiges Liedchen vor dich hin, plauderst ein wenig oder erledigst harmlose Alltagsdinge … ZACK … auf einmal verändert sich etwas. Dein Puls schießt in die Höhe, du fühlst Beklemmungen oder sogar blanke Angst. Der erste Schritt ist, diese Veränderung wahrzunehmen. Neumodisch würde man sagen: Sei achtsam dir selbst gegenüber.
  • Schritt 2: Die Amygdala spielt eine zentrale Rolle bei der Gefahrenerkennung und Furchtkonditionierung. Trigger sind daher häufig Reize, die uns unbewusst an eine Situation aus unserer Vergangenheit erinnern, die wir als bedrohlich empfunden haben. Eine Bedrohung können dabei ganz unterschiedliche Dinge sein: ein Unfall, jemand, der uns schlägt oder beleidigt, eine Demütigung vor der ganzen Klasse oder ein höhnisches Lachen. Vielleicht ist es nur der abfällige Blick eines Elternteils, der in uns einen Gefühlssturm ausgelöst und die Situation fest im emotionalen Gedächtnis abgespeichert hat. Im zweiten Schritt geht es darum, den Trigger zu identifizieren. Was ist der Auslöser? Analysiere die Situation für dich. Welche Gefühle hattest du? Woran erinnert dich das? Versuche möglichst genau auf den Punkt zu bringen, was dich aufgeregt hat und offensichtlich immer noch aufregt. Hilfreich hierfür kann auch das Gespräch mit Leuten sein, die dich gut kennen und denen du vertraust.
  • Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Diese Weisheit greift auch hier und führt unmittelbar zu Schritt 3. Achtsamkeit und Analyse helfen dir dabei, dich besser zu verstehen. Trotzdem wird bei jedem Trigger wieder der Autopilot hinter dir stehen und versuchen, dich niederzuknüppeln, sich selbst ans Ruder zu setzen, um mit einem der drei instinktiven Reaktionen auf Gefahr zu reagieren: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Um das zu verändern, musst du in die Schaltkreise des Cockpits eingreifen und bestimmte Verbindungen ändern. Und das bedeutet: neuropsychologische Arbeit an dir selbst.

 

Trainier dein Gehirn! Was man gegen Trigger-reize tun kann

Was kann ich gegen Trigger tun?

 

 

Dank der sogenannten Neuroplastizität ist es selbst im Erwachsenenalter noch möglich, neuronale Verbindungen im Gehirn zu ändern. Dabei finde ich es wichtig, sich zunächst bewusst zu machen, wie unbewusst unser Gehirn auf einen Großteil der Reize in unserem Leben reagiert. Fortlaufend werden alle Informationen unserer Umgebung gefiltert und für unsere bewusste Wahrnehmung auf das reduziert, was laut Filter relevant für uns ist. Spannende Untersuchungen haben unlängst gezeigt, dass wir nur das bewusst bemerken, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Und das, liebe Leute, ist ein wirklich wichtiger Punkt. Das, was wir als objektive Wirklichkeit wahrnehmen, gibt es gar nicht. Alles, was wir sehen, hat unseren eigenen, individuellen, subjektiven Wahrnehmungsfilter durchlaufen. Und der wiederum hängt von unserer Stimmung, unseren Gedanken, unseren Erwartungen ab. Aber, ich will nicht abschweifen. Hier ein paar Möglichkeiten, die unerwünschten Machtübernahmen des Autopiloten in den Griff zu bekommen:

 

  • Meditation – das Prinzip von Meditation ist weitestgehend bekannt: Man sitzt still, atmet bewusst und lässt seine Gedanken fließen. Genaue Anleitungen findest leicht online oder in der Ratgeber-Literatur (s. auch die Buchempfehlung unten). Durch regelmäßiges Meditieren kannst du Zugang zu deinem Unterbewusstsein finden und dir alte Verletzungen bewusst machen.
  • Konfrontation – In der Verhaltenstherapie nennt man die Konfrontation mit den auslösenden Reizen Exposition, kurz „Expo“. Wenn wir den Auslöser identifiziert haben, können wir ihn gezielt herbeiführen (auch gedanklich) und durch unsere bewusste Wahrnehmung der Situation und unserer Reaktion Einfluss auf die neuronalen Verknüpfungen in unserem Gehirn nehmen. Das ist vor allem bei Angst-Reaktionen bewährt. ABER ACHTUNG: Expositionen können auch nach hinten losgehen und die Angst noch verstärken oder verfestigen. Bei starken Ängsten sollten Konfrontationen daher ausschließlich unter professioneller Begleitung, wie der eines Psychotherapeuten stattfinden.
  • Umbewertung – Auch die Umbewertung kommt aus der Verhaltenstherapie, Stichwort: kognitive Umstrukturierung. Dabei geht es darum, die Situation aus der Vergangenheit, in die uns der Trigger zurückbringt, von der Gegenwart aus anders zu bewerten. Wie gesagt, unsere Wahrnehmung ist nur EINE Möglichkeit und diese können wir durch eine andere ersetzen. Sucht euch hierfür nach Bedarf Unterstützung, in ‚harmlosen‘ Fällen durch Selbsthilferatgeber, bei sehr starken Gefühlen bei einem Therapeuten.
  • EFT – Die Emotional Freedom Technique verbindet das Fokussieren auf bestimmte Gedanken mit einer Klopftechnik entlang gewisser Meridian-Punkte, um Blockaden zu lösen. Ich selbst habe es noch nicht ausprobiert, habe es aber schon lange vor. Einen Versuch ist es zumindest wert, meint ihr nicht? Ein bisschen rumklopfen und schon läuft der Laden wieder. Klingt doch super! Genaue Anleitungen findet ihr online oder in Ratgebern.

 


Achtung: Ich bin weder Psychologin, noch Therapeutin oder Ärztin. Meine Ratschläge sind rein persönlicher Natur, für etwaige Folgen übernehme ich keine Verantwortung und schließe jede Haftung für indirekte oder direkte Folgen der Artikel-Lektüre aus. Im Zweifelsfalle sucht euch bitte unbedingt professionelle Unterstützung.

 

Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

 

Die Bilder im Fließtext stammen von www.pixabay.de

 

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