KOLUMNE | 19. September 2018

 

FOMO, oder was?! Smartphones und die Angst, etwas zu verpassen

 

Es ist nur ein paar Tage her, da erlebte ich auf einem Grundschulelternabend den eindringlichen Appell einer Mutter, die Anschaffung von Smartphones für Kinder gründlich zu überdenken. Es drohe Ausgrenzung anderer Kinder, Mobbing, Zugang zu blutrünstigen Spielen, etc. Wunderbar, Wasser auf meine Mühlen! Das nutzte ich natürlich gleich, um weiter in die Kerbe zu schlagen, die fatalen Folgen von Smartphones für die psychische Gesundheit von Kindern anzudeuten und den Begriff „FOMO“ ins Spiel zu bringen. Habt ihr den schonmal gehört? FOMO? The „fear of missing out“? Solltet ihr! Und euch gleich auch selbst einmal kritisch hinterfragen. Seid ihr „Fomotiker“?

 

 

Was ist FOMO?

Ich selbst bin das erste Mal vor gar nicht allzu langer Zeit über diese Abkürzung gestolpert. Das war in einem Nido-Artikel mit exklusiven Auszügen aus dem Buch „Me, My Selfie and I“ von der Psychologin Jean M. Twenge (Ausgabe April/Mai 2018). Der Begriff soll allerdings schon jahrelang in aller Munde sein.

 (Na ja, dass ich davon bisher nichts gehört habe, will nichts heißen. Ich habe damals auch nichts von dem Eisbären Knut mitbekommen und mit meinen arglosen Nachfragen für ungläubige Gesichter gesorgt … Also, falls ihr alle schon wisst, was FOMO ist, seid nachsichtig mit mir. Und lest die Kolumne trotzdem!)

 

Twenge forscht seit Jahrzenten über Generationenunterschiede in den USA und stellte dann um 2012 herum den Beginn drastischer und sprunghafter Veränderungen in ihren Statistiken fest. In Punkten wie zum Beispiel Lebenszufriedenheit, Depressionen oder dem Gefühl des Ausgeschlossenseins zeichneten sich ganz neue Rekordwert ab. Auf der Suche nach der Ursache für diese Entwicklung landete sie beim Smartphone, das sich zu dieser Zeit flächendeckend ausbreitete. So, und was hat das jetzt mit FOMO zu tun? FOMO ist die Abkürzung für die Angst, etwas zu verpassen (= fear of missing out), was es zwar schon immer gab, durch die Nutzung von sozialen Netzwerken via Smartphone aber extrem befeuert wird. Die Auswertung von 60 000 Datensätzen durch die Uni Bonn im Jahr 2015 ergab zum Beispiel, dass durchschnittlich alle 18 Minuten zum Smartphone gegriffen wird. Bei Jugendlichen soll die Smartphone-Nutzung noch extremer sein. Warum? Na, wegen FOMOOOOO! FOMO führt also zu einer erhöhten Smartphone-Nutzung und die erhöhte Smartphone-Nutzung wiederum führt zu Unterbrechungen des „Flow“ (= dem intensiven Konzentrieren auf eine Aufgabe) und daraus resultierender Unproduktivität, zu Einsamkeit, Depression, geringer Lebenszufriedenheit, Suchtverhalten etc.

Zu reißerisch, wenig differenziert, fast schon militant?

*Zweifelnd gekräuselte Stirn und Nase*

Na gut! Dann also: Es ist möglich (!), dass ein Alltag, in dem das Smartphone eine extrem wichtige Rolle spielt, unglücklich macht, die Entstehung psychischer Probleme fördert und die geistige Entwicklung behindert.

Und warum kaufen Eltern ihren Kindern Smartphones dann oft schon in der Grundschule? Auch dafür bietet FOMO eine Erklärung. Denn neben dem Effekt, dass die Kinder mit den elektronischen Teilen immer wunderbar beschäftigt und ruhig sind, fürchten die Eltern, dass ihre Kinder ohne Smartphone ausgeschlossen werden. Alle anderen haben ja schießlich ein Smartphone, oder? Tragisch, dass das FOMO-Phänomen genau dadurch angestachelt wird. Nicht zuletzt deswegen, sind Smartphones, Tablets & Co. für Kinder von Leuten im Silicon Valley, die sich so richtig gut mit der Materie auskennen, häufig tabu (z.B. bei Steve Jobs, vgl. auch den Artikel Warum unsere Kinder kein Smartphone brauchen).

 

Warum überhaupt Smartphones?

Ich selbst muss gestehen, äußerst anfällig für FOMO zu sein. Schon bei einem kurzen Hänger bei der Arbeit greife ich nach dem Handy, um zu sehen, ob ich etwas verpasst habe. Dabei meine ich mit ‚verpasst‘ vor allem die Infos, die in irgendeinem Zusammenhang mit mir selbst stehen. Likes, Anfragen, Mails, Erwähnungen, etc. Denn die ‚positive soziale Interaktion‘ schüttet mal eben ein wenig Dopamin (Glückshormone) in unserem Gehirn aus. Hoppla! Der Griff zum Smartphone wird damit zum potentiellen Kick, der Blick aufs Display zu einer Belohnung. Kein Wunder, dass psychosomatische Institutionen wie die Schön Klinik mittlerweile auch die Handy-Sucht behandeln.

 

Lange Zeit habe ich mich geweigert, ein Smartphone zu besitzen. Und von sozialen Netzwerken wollte ich schonmal gar nichts wissen. Tja, und dann hatte ich durch Zufall so ein Ding. Und auf einmal konnte ich mit einem Handy (!!!) Kinokarten buchen, bezahlen und per QR-Code am Einlass vorzeigen. War das nicht vor ein paar Jahren noch ein einfaches Telefon??? Ich hatte einen wunderbaren Kalender mit Suchfunktion, Nachrichten schicken war noch nie so einfach wie per WhatsApp, ich konnte zu jeder Zeit und überall mal eben etwas im Internet nachrecherchieren (bei meiner letzten kurzen Fahrt als Beifahrerin: „Heinz Böckler“ und „Einsteinium“) – kurz: Smartphones sind extrem praktisch. Und als ich dann durch das Selfpublishertum zum „Networken“ quasi gezwungen war, kam das ganze digitale Kommentieren, Liken, Antworten, etc. dazu. Hallo, FOMO, da bist du ja … und was fühlst du dich bloß eklig zwanghaft an. Du nervst mich, FOMO!

Einer der entscheidenden Gründe, warum die sozialen Netzwerke überhaupt erfolgreich sein und zu Dopamin-Ausschüttungen führen können, ist der Trieb des Menschen nach Gemeinschaft. Wer sagt, er ist lieber alleine, lügt sich in die Tasche. Hallelujah, was für eine bequeme Lösung bietet da diese perfekte Nähe-Distanz-Kombi von digitalen Freundschaften. Zack, im Handumdrehen hat man Kontakt, nicht zu nah, nicht zu verbindlich, und wunderbar einfach. Passt einem jemand nicht, entfreundet man sich, sperrt ihn und sendet irgendjemand anderem eine neue Anfrage. So einfach waren soziale Kontakte noch nie. Doch fatalerweise ist diese soziale Gemeinschaft nur eine Illusion, die am Ende das reale Einsamkeitsgefühl eher verstärkt (siehe auch meine Kolumne zum Thema Datenschutz). FOMO trägt dazu als „Rezept für Einsamkeit“ bei, wie Twenge es nennt. Denn mit der Angst, etwas zu verpassen, hängt das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, eng zusammen. Man sieht, was andere erleben, wie wieder andere darauf reagieren und gerät fast automatisch in ein Vergleichsverhalten. Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl der wegen Depressionen stationär behandelten Unterfünfzehnjährigen zwischen 2000 und 2015 verzehnfacht und die der Fünfzehn- bis Vierundzwanzigjährigen versiebenfacht. Ob das was mit der Smartphone-FOMO-Neid-Spirale zu tun hat? Psychologen wie Twenge vermuten das: „Physisch leben die Teenager heute sicherer als früher, psychisch aber sind sie unreifer, verwundbarer.“ (Nido, S. 104)

 

Generation Selfie: Das arme ‚Ich‘

Herzen und hochgereckte Däumchen für einen Post zu bekommen, ist neurologisch wie das Konzept der ‚warmen Dusche‘ aus der Grundschule. Dabei sitzen alle Kinder im Kreis, eines wird ausgewählt und nun regnet es von den anderen lauter positive Kommentare über den Ausgewählten. Toll! Dopamin pur. Kein Wunder, dass man von diesen warmen Duschen nie genug bekommen kann und sie sich dort holt, wo man sie besonders schnell und einfach erhält: in den sozialen Medien. Das wird dann problematisch, wenn man kaum noch an etwas anderes denken kann und die Toleranzschwelle für den Dopamin-Kick stetig steigt. Das heißt, man braucht mehr davon. Also inszeniert man sich, wann immer es geht und macht die berühmt berüchtigten ‚Selfies‘, denen die aktuelle Generation junger Menschen ihren Beinamen verdankt: Selfie-Generation. Sie ist die Zuspitzung einer sogenannten individualistischen Kultur. Schau mich an. Hier bin ich. Siehst du mich? Sieh mal, auf diesem Bild bin ich glücklich. Da bin noch glücklicher und da erst, da bin ich sowas von glücklich. Hallo, hallo. Siehst du, wie glücklich ich bin? Oh, so viele Herzchen und Däumchen, dann bin ich ja wirklich glücklich. Toll!

 

Für mich zeigt sich darin ein ‚Ich‘, das alles andere als stabil ist und seinen Wert von anonymer Bestätigung geradezu abhängig macht. Likes sind schließlich sichtbare und untrügliche Beweise dafür, wie großartig und beliebt das ‚Ich‘ ist und das kann dann kurzfristig sogar unsichere, einsame und depressive Ichs überzeugen, die besonders anfällig für FOMO sind. In diesem Kontext hat die Generation Selfie für mich weniger von Egozentrik an sich, als von Verzweiflung und akuter Vereinsamung. Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Beate Großegger auf jugendkutur.at sieht die Selfie-Kultur als Ausdruck einer erfolgsorientierten Inszenierungsgesellschaft, die nach zwei Regeln funktioniert:

  • Regel 1: „Das, was du tust, was du bist und was du hast, musst du auch herzeigen, sonst zählt es nicht“
  • Regel 2: „Erfolg hat, wer sich gut präsentieren kann.“

Wie immer, wenn ich über dieses Thema schreibe, darf an dieser Stelle der Satz nicht fehlen: Das ist gruselig! Und ich möchte darauf hinweisen, dass kalte Duschen bekanntlich die Abwehrkräfte stärken.

 

Social Media als Dopamin-Dealer

Hinter all dem steckt natürlich auch mal wieder – wie sollte es anders sein – eine gehörige Portion Geld. Denn je mehr Zeit die kleinen und großen Smombies in den Fängen der Social Media Kraken verbringen, umso höhere Einnahmen erzielen diese mit ihren Werbeanzeigen. Der neurologische Effekt von Likes = Anerkennung, Kommentaren = Feedback, Teilnahme an Konversationen = Gemeinschaftsgefühl und laufend neuer Posts = Befriedigung von Neugier und Auslöser von FOMO ist also akribisch geplant. Und wie groß der Erfolg damit ist, sieht man nicht zuletzt daran, dass die kontinuierliche Smartphone-Nutzung tatsächlich schon die reale Welt umformt: Es gibt zum Beispiel in einigen Städten  (etwa Köln und Augsburg) bereits  „Bompeln“ (Boden-Ampeln), damit die vom Digital Crack abhängigen Smombies nicht einfach so auf die Straße laufen. Bompeln! Ampeln auf dem Boden! Ist es denn zu fassen! Warum gibt es das nicht schon längst für die Leute, die beim Gehen Bücher lesen wollen? Ganz einfach: Weil man in der Regel beigebracht bekommen hat, dass man auf seine Umwelt zu achten hat und dass das Lesen im Straßenverkehr daher unverantwortlich gefährlich ist. Tja, das ist seit der Erfindung des Smartphones offensichtlich nicht mehr so, denn 'Smartphones rules the world' (siehe auch meine Kolumne: Smombie-Alarm: Apokalypse durch Smartphone-Wahn?). Nicht wir müssen mehr auf unsere Umgebung achten, sondern vielmehr unsere Umwelt so einrichten, dass sie uns bei der Geräte-Nutzung nicht mehr stört. Verkehrte Welt. Bompeln … Als nächstes wandern die Smartphones dann in Form von Google Glasses auf die Nase und ‚erweitern‘ unseren Blick auf die Welt zu einer ‚argumented reality‘. Warum kommt mir eigentlich die Matrix-Trilogie von Jahr zu Jahr realistischer vor? Mmh …

 

 

Hilfe ist nahe … alles eine Sache der Perspektive

Nehmen wir bei dem FOMO-Phänomen den ersten Begriff weg, nämlich fear = Angst, dann bleibt nur noch das „of missing out“. Was wäre denn, wenn wir keine Angst mehr hätten, etwas zu verpassen, sondern diese Auszeit gezielt genießen würden? Würde das nicht ein Stück weit den Sucht-Kreislauf durchbrechen? Das haben sich vor mir auch schon andere gedacht und aus FOMO kurzerhand JOMO gemacht: joy of missing out, die Freude, etwas zu verpassen. Und das wiederum leitet uns hin zum Digital Detox (digitaler Entgiftung). Experten wie Kulturanthropologin Lena Papasabba zum Beispiel raten bei zu hohem Druck-Empfinden durch die sozialen Medien zu solch einer digitalen Diät (vgl. den Artikel Glücklich werden - so schafft es die „Generation Global). Mach zwischendurch einfach mal eine Pause von den Netzwerken und Plattformen und überprüfe, was dir ohne die virtuelle Welt weiterhin wichtig ist. So richtige Fomotiker sollten sich durchaus mal zu einem Entzug zwingen. Dabei helfen – Überraschung! – zum Beispiel Apps, die die Nutzungszeit bestimmter Funktionen begrenzen. Kinder sollten generell so spät wie möglich Smartphones bekommen, frühestens dann, wenn sie keine Kinder mehr sind. Falls sie erreichbar sein müssen, reicht ein Tastenhandy ohne Internetzugang. Ganz ehrlich, jedes Jahr, das Ihr die Entwicklung eures Kindes zum Homo Digitalis hinauszögert, tut ihm gut (auch wenn es selbst etwas anderes sagt).

 

Abschließend die üblichen, weiterführenden Tipps. Manfred Spitzer, der Vorreiter im Kampf gegen die Digitalisierung der kindlichen Lebenswelt, wird häufig als extrem oder militant abgetan und seine Argumente belächelt. Ich finde alles, was der Hinforscher sagt, hat Hand und Fuß und zu diesem Ergebnis kommen übrigens auch wissenschaftliche Buchrezensionen. Insofern ist sein Standardwerk für alle, die sich mal mit dem auseinandersetzen möchten, was die Technologie-Industrie und Medien-Junkies gerne verschweigen, ein Muss. Und dann stelle ich hier noch zwei andere Publikationen vor, über die ich bei den Recherchen für diese Kolumne gestolpert bin. Einmal die Forschungsergebnisse der Uni Bonn und dann das statistisch basierte Buch von Twenge. Tipp: Es gibt sie alle auch als Print - also macht doch einfach ein wenig Digital Detox und lest mal wieder in einem Buch zum Anfassen ;)

 



Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Die Bilder im Fließtext stammen von www.pixabay.de

 

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