KOLUMNE | 04. Januar 2016

 

Augen auf beim Eierkauf! Marketingstrategien zum Gruseln

 

Es gibt so viele Dinge, die man nicht braucht, aber unbedingt haben will.

Wieso ist das so?

Antwort A: Die Regierung führt dem Leitungswasser heimlich chemische Zusätze zu, um unser Konsumverhalten anzuregen und so das Bruttoinlandsprodukt zu steigern.

Antwort B: Außerirdische beeinflussen über bestimmte Frequenzen unser Gehirn, um uns so vollkommen mit Einkaufen und Dinge-haben-Wollen beschäftigt zu halten, dass wir von der geplanten Invasion restlos überrascht werden. (Ob  der Aluminiumhut als neues It-Piece der Fashionwelt eine Chance hätte???)

Antwort C: Wir werden mit den Marketingstrategien großer Unternehmen schon vom Krippenalter an auf ein bestimmtes Kaufverhalten und eine Markenbindung hin konditioniert, um den Unternehmensgewinn zu maximieren.

 

Welche Antwort ist nun die Richtige? Schwierig! Vermutlich setzt sich die richtige Antwort irgendwie aus allen drei Möglichkeiten zusammen. Da ich aber weder über die Geheimprojekte der Regierung, noch über eine potentielle Alien-Invasion Genaueres weiß, befasse ich mich vorerst mit Antwort C:

 

Früher dachte ich, alle Psychologiestudenten würden einmal sowas wie Therapeuten werden, eben so wie Medizinstudenten Ärzte werden. Dachte ich. In der Realität aber geht ein beachtlicher Teil derjeniger, die sich eingehend damit auseinandersetzen, wie unser Geist so tickt, in die Wirtschaft. Mission: Absatzzahlen steigern, langfristige Bindung des Kunden an das Unternehmen, Imagepflege.

 

Wie diese Art der Psychologie funktioniert, merkt man sofort, wenn man einen Shoppingsender einstellt. Nach wenigen Sekunden ist man interessiert, nach einigen Minuten überzeugt und kurz darauf fragt man sich, wie man jemals ohne den Gemüsehobel mit zehn verschiedenen Aufsätzen auskommen konnte. Wenn sich nicht spätestens jetzt der gesunde Menschenverstand einschaltet, hat man eins-zwei-drei das Telefon in der Hand und bestellt sich das Wunderteil per Express nach Hause, wo er dann anstatt riesige Berge von Gemüse in perfekt gleich große Stücke zu schnippeln im Handumdrehen zum Dauergast im Küchenschrank wird. Denn eigentlich hat man das Teil doch gar nicht gebraucht. Für die Verkaufstaktik gibt es die eingängige Formel AIDA: Attention, Interest, Desire, Action. Action heißt dann soviel wie kaufen. Na, auch schon mal "aidat" worden?

 

Wenn es ums Essen geht, hält das Marketing noch ganz andere Verkaufstricks bereit. Tricks, bei denen sich einem die Nackenhaare aufstellen. Und wieder zeigt sich die Seele des Ganzen im Wort. "Bonding", der Begriff, der eigentlich das Entstehen der Mutter-Kind-Beziehung nach der Geburt beschreibt, pervertiert im Marketing zur Bezeichnung der Markenbindung.  Unglaublich oder? Das fast schon heilige Band zwischen einem Neugeborenen und seiner Mutter soll nun als Namensgeber für die Beziehung zwischen Kunde und Unternehmen herhalten. Ebenso nett ist der Begriff "Pester Power", die Quengelkraft eines Artikels. Alle Eltern kennen diese fiese Taktik, mit der Ü-Eier und seine Schweinkram-Kameraden in Kinder-Blickhöhe im Kassenbereich platziert werden, dort wo man sich durch Wartezeiten besonders lange aufhält. Super! Nur nicht nachgeben! Standhaft bleiben! Es lebe der freie Wille und nicht das Diktat der Marketingstrategen!

 

Die absolute Krone in dieser großen, bunten, ach so einladenden Welt der durchdacht platzierten Produkte setzt dem allen jedoch das Kindermarketing auf (Achtung Spoiler: im Lebkuchenhaus sitzt eine Hexe, die Kinder frisst...). Welpenschutz war mal. Jetzt heißt es: Kinder sind nicht nur die Konsumenten von morgen, sie sind heute auch schon Entscheidungsträger in der Familie. Und die Langzeitmarkenbindung funktioniert besonders gut in einem Alter, in dem gewisse Bereiche des Gehirns noch nicht weit genug entwickelt sind, um sich gegen subtile Werbebotschaften zu wehren. Das steht tatsächlich in öffentlich zugänglichen Texten zur Werbetheorie. Ich hätte ja gedacht, solche Infos lagern hinter dicken Panzertüren 40 Stockwerke unter der Erde. Aber nein. Es darf ruhig jeder wissen, dass wir vom Kleinkindalter an manipuliert werden und das sogar auf neurologischer Ebene. (Vielleicht sind die Zombies auch schon lange da und es hat nur noch niemand gemerkt?!)

 

Die einzigen, wirklich weit verbreiteten Hinweise auf diese Massen-Gehirnwäsche gibt mal wieder ein Wortopolis an Volksweisheiten, Redewendungen und Sprichwörtern. „Augen auf, Kauf ist Kauf“, „Wer kauft, hat hundert Augen nötig“, „Wer die Augen nicht auftut, muss den Beutel auftun“, etc.

 

In diesem Sinne: Augen auf beim Eierkauf (beim Gemüsehobelkauf natürlich auch...)

 

Hier ein wenig Marketing-Input zum Fürchten:

 

Diplomarbeit:

Kinder als Zielgruppe der Werbung

Zeit online

Süße Geschäfte


Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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