KOLUMNE | 02. Mai 2016

 

Mentalmagie, NLP & Glaubenssätze - so leicht manipuliert man das Gehirn

Das zu tun, was man für richtig hält, die Freiheit des eigenen Willens – das sind relativ moderne Errungenschaften der Zivilisation und des Friedens. Für uns in den westlichen Industrieländern ist es meist vollkommen selbstverständlich. Fragt sich nur, wie frei und individuell wir in unserem Denken und Verhalten tatsächlich sind? Oder anders gefragt: Wie leicht lässt sich unser Gehirn manipulieren, ohne dass wir das mitbekommen? Die erschreckende Antwort ist: pipieinfach!

 

Gehirn umprogrammieren? Kein Problem!

Linguisten und Psychologen haben unlängst die einfachen Mechanismen der Manipulation entlarvt. Die Werbung freut sich! Und nicht nur die. Auch Leute mit ambitionierten Weltbeherrschungsplänen à la Hitler waren oder sind über die Möglichkeiten der Gehirnmanipulation vollkommen aus dem Häuschen. Hitler griff zum Beispiel auf das Buch „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon zurück, um einen Massenkult rund um seine Person und seine Ideologien zu erzeugen. Hat ganz gut funktioniert, würde ich sagen... Welche Möglichkeiten sich da auftun!

In unserem heutigen Alltag gibt es etwas anderes: das neurolingustische Programmieren (NLP). NLP gehört heute zum Basiswissen für Menschen, die im persönlichen Kontakt etwas verkaufen möchten. Führungskräfte, Makler, Verkäufer, Sektenanwerber (Scientology) – alle werden in NLP geschult. Stark vereinfacht erklärt, funktioniert es so: erst einmal wird ein Rapport, das heißt eine Beziehung hergestellt. Dazu wird der Gegenüber einfach etwas 'gepaced'. Beim so genannten 'Pacing' spiegeln wir unseren Gesprächspartner. Schlägt er die Beine übereinander, tun wir es auch. Kratzt er sich am Kopf, machen wir es nach. Das erzeugt Sympathie. Ist das erst einmal geschafft, kann man mit dem 'Leaden' beginnen. Jetzt tut der Gesprächspartner das, was ich vormache. Die Marionettenfäden sind geknüpft (diabolische Lache aus dem Off). Der englische Mentalmagier Derren Brown zeigt in dem hier eingefügten Video, wie es dann mit dem 'marionettisierten' Gegenüber weitergehen kann. Er bringt den ahnungslosen Passanten dazu, ihm anscheinend vollkommen freiwillig, Schlüssel, Telefon und Uhr zu überlassen. Der arme Mann wirkt lediglich etwas verwirrt. Kein Wunder. Mit einer einfachen Kombination aus verbalen und non-verbalen Reizen verursacht Derren Brown bei seinem Opfer tatsächlich so etwas wie einen kurzfristigen Gedächtnisverlust. (Kurze philosophische Frage am Rande: wäre diese Technik Rettung oder Untergang vieler Beziehungen???) YouTube-Tipp: Mental-Magie erklärt (Mentalist Derren Brown - Street Scam) (4:59 min) (INFO: Eigentlich finde ich eingebettete Videos toll, aber wegen der EU-Datenschutzverordnung und weil ich mich nicht nicht unbeabsichtigterweise an der Jagd auf eure Daten beteiligen möchte, gibt es nur noch Tipps zum Selberyoutuben bei mir)

 

Neurolinguistische Programmierung also, ja? Versucht man ein wenig mehr über diese Methode zu erfahren, wird man sofort mit einem, von Kritikern bemängelten 'aggressiven Marketing' für NLP überschwemmt. Workshops, Seminare, Vorträge – NLP verspricht „Wege zu einem glücklichen und erfolgreichen Leben“. Und ach ja, Leute dazu bringen, etwas zu tun, das sie eigentlich gar nicht wollen, das lernt man auch ein bisschen. Das heißt dann allerdings nicht manipulieren, sondern modellieren. Raffiniert!!! (Kleiner diabolischer Lacher)

 

Freier Wille? Pah, da lacht die Werbung doch drüber…

Thorsten Havener, deutscher Mental-Magier und Meister der Suggestion findet in einem Interview mit der Welt schöne Beispiele für die unfreiwilligen Reaktionen des Gehirns. Nimmt man zum Beispiel zwei gleich schwere Kisten und malt die eine Gelb, die andere Schwarz an, sind sie ‚gefühlt‘ auf einmal nicht mehr gleich schwer. Die schwarze Kiste wiegt mehr… eindeutig. Das nennt man den Priming-Effekt, der auch beim NLP eine wichtige Rolle spielt. Dabei wirkt ein Reiz so auf das Gehirn, dass nachfolgende Reize maßgeblich beeinflusst werden. Priming funktioniert über alle Sinneskanäle und wurde in vielen, vielen psychologischen Studien bereits untersucht. Kommen wir beispielsweise in einen Raum, der leicht nach Zitrone duftet, sind wir automatisch auf das Thema Sauberkeit geprimed. Man neigt eher dazu, in seinem Tagesplan Putzarbeiten unterzubringen, achtet vielmehr darauf, seinen Platz sauber zu hinterlassen, und kauft wahrscheinlich auch eher Putzmittel, als jemand, der nicht der Zitronenduft-Attacke ausgesetzt war (letzteres ist aber nur meine persönliche Vermutung). Menschen, die auf das Thema Alter geprimed werden, bewegen sich messbar langsamer (Florida-Effekt). Und riecht es nach frisch gebackenem Brot, kaufen wir mehr (ach… gibt es vielleicht deswegen in den Supermärkten jetzt überall Brot-Theken, die laufend frisch ‚bebacken‘ werden? Ich fühle mich benutzt...). Kein Wunder, dass Werbung sich dieser Möglichkeiten nur zu gerne bedient. Dazu haben sie ihre hauseigenen Psychologen (siehe auch meinen Blog-Artikel: Augen auf beim Eierkauf). Die geben sich die größte Mühe, möglichst unbemerkt in unser Hirn hineinzukriechen, um dort sowas wie Markenbindung und Kaufwunsch im Unterbewusstsein zu platzieren. Ein Marketing-Zweig, den ich gerade frisch entdeckt habe, heißt passenderweise: Neuromarketing. Echt, kein Scherz:

Hirnforschung + Marketingpsychologie = Neuromarketing.

Leute, zieht euch warm an, wir sind im Feindesgebiet unter Dauerbeschuss und merken es noch nicht einmal.

 

Es gibt allerdings auch positive Effekte. Bei einem Experiment an der Universität Njimwegen sollten die Versuchspersonen zum Beispiel einen typischen Professor beschreiben. Eine Vergleichsgruppe musste sich mit der Vorstellung von einem Vorzeige-Hooligan befassen. Tja, was soll man sagen: die Professor-Gruppe schnitt im Anschluss bei Fragen zur Allgemeinbildung tatsächlich deutlich besser ab  (Experiment von Dijksterhuis/Knippenberg). Es reicht also wohl schon, an schlaue Menschen zu denken, um selber schlauer zu werden – toll!

 

Was die können, können wir auch: Auto-Suggestion

Ist doch klar: wenn andere uns beeinflussen können, dann können wir das auch selbst! Großartige Beispiele dafür sind die Psychosomatik und der Placebo-Effekt. Beide Phänomene sind wissenschaftlich ausführlich untersucht und belegt. Es ist erwiesen: alleine unsere Überzeugung kann uns krank oder gesund machen. Das muss doch auch für unsere Lebensführung funktionieren: Erfolg im Beruf, Harmonie in der Partnerschaft und eine erfüllende Freizeit. Genau mit diesen Versprechungen ködern NLP-Coaches. Doch steckt da schon wieder so viel Geld hinter, dass mir das ganze NLP-Ausbildungs-System äußerst verdächtig erscheint. Die einfachste Form der Auto-Suggestion verwendet das, was esoterisch und spirituell angehauchte Lehren Glaubenssätze nennen. Das sind Suggestionen oder selbstbejahende Sätze (= Affirmationen), von denen man sich durch häufige Wiederholungen und das Bemühen darum, die Aussage des Satzes wirklich zu fühlen, selbst überzeugen können soll. Darauf folgt dann eine Umgestaltung der eigenen Lebenswirklichkeit. Warum nicht? Der Schlüssel zu einer glücklichen Existenz liegt demnach im positiven Denken.

Die Glaubenssätze, die im Netz kursieren, sind allerdings nichts für mich... zu weichgespült, zu kitschig, zu buäh… Ich habe mir daher ein paar eigene überlegt, die vielleicht auch den einen oder anderen inspirieren mögen:

  1. Das bisschen Haushalt macht sich von allein.
  2. Ich freue mich über Chaos, denn das ist Ausdruck der schöpferischen Urkraft, die meine Kreativität nährt.
  3. Ich bin trotz vieler Termine ganz entspannt. Denn Verspätungen sind lediglich ein Zeichen für meine charmante Lässigkeit.
  4. Ich reagiere vollkommen gelassen auf Frechheiten und Regelverstöße meiner Kinder und lasse mich einfach durch angemessene Haushaltsdienstleistungen dafür entschädigen. (s. Glaubenssatz 1)

Ich freue mich über noch mehr Glaubenssatzvorschläge...

 

Zum Abschluss wie immer etwas mehr Input-Vorschläge, die laut seriöser Rezensionen (z.B. DeutschlandRadio und Spiegel) ganz ordentlich sind. Das Buch von Coué habe ich beigefügt, weil es schon knapp hundert Jahre alt ist und die 'buäh' Glaubenssätze dadurch einen gewissen nostalgischen Charme bekommen. Viel Spaß!



Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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