KOLUMNE | 14. Dezember 2015

 

Gut gebrüllt, Löwe!? Familienmahlzeit mit Wilden

Bei unseren Familienmahlzeiten fühle ich mich häufig umzingelt. Ja, tatsächlich. Umzingelt von Wilden und Schweinen! Damit meine ich neben den Tischmarnieren in erster Linie die Körpergeräusche, mit denen ich mich beim gemeinsamen Essen konfrontiert sehe. Und Besserung ist nicht in Sicht!


Regelmäßig rede ich mir bei unseren gemeinsamen Mahlzeiten den Mund fusselig, versteige mich mitunter sogar zu empörten Wutausbrüchen und drakonischen Strafandrohungen. Aber es ändert rein gar nichts daran, das jeder Rülps - vom kleinsten Bäuerchen bis zum sekundenlangen Brüll-Inferno -  ein steter Born der Freude für alle männlichen Familienmitglieder ist. Und das sind nun einmal alle außer mir. Das Schlimmste daran ist: es sind nicht nur die Heranwachsenden, bei denen man vielleicht noch Nachsicht üben könnte, weil sie noch in der Entwicklung sind und auch Tischmanieren und gute Sitte noch verinnerlichen müssen. Nein, der Anführer dieser Parade der knatternden, röhrenden und blökenden Körpergeräusche hat die Grenze der Volljährigkeit längst überschritten.

 

Soviel zur Vorbildfunktion.

 

Sicherlich hat der Körper gute Gründe für sein Verhalten. Das Aufstoßen, medizinisch "eruktieren", befreit den Magen von Luft und Gas, die sich dort überflüssigerweise aufhalten. Was soll der schließlich auch damit?! Rülpsen wirkt also gegen ein unangenehmes Völlegefühl und ist daher ein sehr sinnvoller physischer Mechanismus. Soweit so gut. Aber schließlich kann man auch nahezu lautlos hinter vorgehaltener Hand aufstoßen... sollte man meinen. Wie das Essen mit Besteck und die Erfindung eines stillen (!!!) Örtchens mit verschließbarer Tür ist auch das Schamgefühl gegenüber den Geräuschen des Körpers ein Kennzeichen der Zivilisation, der gesellschaftlichen, kulturellen Entwicklung. Tja, genau deswegen ist es wohl lustig, wenn es jemand trotzdem tut, eben weil es ein Bruch mit den Konventionen ist.

In vielen asiatischen Ländern gelten diese Körpergeräusche als vollkommen normal und zaubern so nicht einmal ein müdes Lächeln ins Gesicht. Bei uns gibt es dagegen eine ganzes Wortopolis an Sprüchen und Wortschöpfungen, die das Eruktieren in eine komödiantische Einlage verwandeln. Von der Bezeichnung als "Brüllkäfer", "Halsfrosch", "Bölkmucke", "Mundpupser" oder "orale Blähung" bis hin zu Kommentaren wie: "'Alles raus, was keine Miete zahlt", "...sprach der Löwe", "Erzähl doch noch wat von Zuhause" oder "Alles Körperbeherrschung - jeder Andere hätte gekotzt" - ist der Rülps vor allem für die männliche Spezies ein anhaltender Quell der Belustigung.


Doch diese ganzen Erkenntnisse tragen nichts zur Rettung der harmonischen Familienmahlzeit bei. Was also kann ich tun? Mir schweben da so einige Möglichkeiten vor:

  1. Im Interesse der allgemeinen Harmonie finde ich mich damit ab, dass jeder Ansatz von intellektuellem und kultiviertem Gespräch niedergerülpst wird und falle zur Festigung der familiären Gemeinschaft munter mit in den Chor der brünftigen Hirsche ein... Nee, nicht wirklich - war auch nur so ein Gedanke...
  2. Ich kämpfe weiter als ideologisch motivierte Donna Quichotte für eine zivilisierte Familienmahlzeit, während die Magenwinde meiner Anverwandten die Windmühlen der Anarchie stetig am Laufen halten. Erfolgaussichten: niederschmetternd. Wahrscheinlicher Ausgang: ein Nervenzusammenbruch meinerseits und ein zuckendes Augenlid für den Rest meines Lebens.
  3. Operation: rülpsen für die Kultur. Ich starte mit Möglichkeit 1, allerdings nur zum Schein und nur solange bis ich den Thron im Reich der Wilden und Schweine erobert habe. Vielleicht kann ich dann als neue Gebieterin endlich eine Etikette der Familienmahlzeit durchsetzen.

Vielleicht ist aber ja auch eine friedliche Koexistenz von Kultur und Körpergeräusch möglich. Und neben dem Bäuerchen (oder von mir aus auch dem 'ausgewachsenen Agrarökonom mit Trekker und Bierbauch') gibt es einen Austausch wie ich ihn mir wünsche. Über Schönes und Trauriges, Philosophisches und Kritisches, Persönliches und Gesellschaftliches... das würde mich sehr freuen und schließlich kann ein trauriger Mund auch nicht lustig rülpsen! Und für das Weihnachtsessen helfen ja vielleicht schon untenstehende Titel für das kurzfristige Durchsetzen von Tischmarnieren oder alternativ für einen weiteren Horizont in dieser Hinsicht... In diesem Sinne: Guten Appetit!

Süddeutsche Zeitung

Tischsitten weltweit: Für mich das Fettnäpfchen


Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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