BESORGT 2: Die Klopapierfrage

Wortopolis Kurzgeschichte by Edda Keyser
© Britta Stender | Wortopolis Kurzgeschichten

 

Da ham sich jetzt welche wegen Klopapier geprügelt“, nuschelt Georg Meier hinter seiner Zeitung hervor und beißt gleich nochmal von seinem Frühstücksbrötchen ab. „War sogar die Polizei da“, ergänzt er kurz darauf kauend, „leichte Verletzungen, heißt es und dass eine Anzeige wegen Köperverletzung erhoben wurde." Er legt die Zeitung zur Seite, nimmt einen Schluck Kaffee und schüttelt den Kopf. „Wat die Leute nur mit ihrem Klopapier haben, det soll man eener verstehn!“

 

Na, bei dem braunen Vormarsch in der Politik wächst eben der allgemeine Bedarf an Säuberungsutensilien“, erwidert Tom mit spöttisch verzogenem Mund, während er mit den Fingern auf sein Smartphone tippt. Er unterbricht das Tippen und streicht sich seinen langen Pony hinters Ohr. „Oder vielleicht ist es das allgemeine Gefühl, dass die Scheiße über uns zusammenbricht. Was tut man bei Scheiße? Man benutzt Klopapier!"

 

Also, Tom, wirklich“, sagte Beate Meier, „musst du dich so ausdrücken? Redest du in der Schule etwa auch so?“

 

Tom zuckt mit den Schultern. „Muss jetzt eh Schulsachen machen. In einer Stunde soll ich Mathe hochgeladen haben.“ Er verschwindet in sein Zimmer.

 

Ach, Georg, ich finde das alles wirklich furchtbar. Am liebsten würde ich gar nicht mehr einkaufen gehen. Überall diese Schutzmaßnahmen. Und es lächelt auch niemand mehr oder bleibt zum Plaudern stehen. Man fühlt sich die ganze Zeit richtig bedroht.“ Beate seufzt und nippt an ihrem Becher. „Und du sagst, die haben sich geprügelt wegen Klopapier?“

 

Georg nickt. „Sind alle irre geworden. Muss so'ne Art Corona-Kollateralschaden sein.“

 

Als Beate jetzt antwortet, klingt ihre Stimme weinerlich und zittrig: „Muss ich da wirklich rausgehen, Schatz? Das ist ja pure Anarchie. Prügeln beim Einkaufen! Und wenn mir etwas passiert?"

 

Wat brauchen wir denn?“

 

Jetzt weint Beate richtig. „Klopapier“, sagt sie und greift nach einem Taschentuch, um sich zu schneuzen.

 

Georg brummt einige unverständliche Worte und tätschelt Beate begütigend den Rücken.

 

Na, na, is doch kein Grund zu weinen, Beatchen. Wer sollte denn so einem lieben Menschen wie dir wat tun?! Die sind doch auch nich alle so. Gibt doch viele gute Menschen. Weißt du doch.“ 

 

Beate schnieft und zieht ein unglückliches Gesicht.

 

Georg seufzt. „Ich würd ja gerne für dich gehen, aber det geht ja nu nich.“ Er zeigt auf sein eingegipstes Bein wie um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. „Und Tom können wir auch nicht schicken. Der macht doch aus Protest gegen die Regierung immer genau det Gegenteil.“

 

Beate schmiegt ihr rundes Gesicht an die Brust ihres Mannes. „Von wegen Zivilisation“, sagt sie jetzt und klingt verbittert. „Tom hat schon ganz recht. Was hat er noch gesagt? Der Bedarf an Säuberungsuntensilien steigt wegen diesem ganzen rechten Gedankendreck? Immer nur an sich selber denken. Aus Krisensituationen noch Kapital schlagen und einen vierlagig abgewischten Hintern wichtiger finden als Rücksichtnahme und Menschlichkeit. Ach, Schatz." Beate schnieft. "Wenn die Leute Angst kriegen, siehst du, wie sie wirklich sind, oder nicht? Und das, was man da im Moment zu sehen bekommt, gefällt mir ganz und gar nicht. Das macht Omis Erzählungen von der Nachkriegszeit so ... so .... ach, ich weiß nicht. Greifbarer? Und dabei haben wir noch nicht mal Krieg. Ich meine, ist das ihr Ernst, prügeln wegen Klopapier?!“ 

 

Georg schweigt einen Augenblick betroffen. So kennt er seine immer optimistische, freundliche Frau gar nicht, die es liebt Schwätzchen zu halten und sogar fast Fremde herzlich umarmt. Warum die Leute sich nun gerade um Klopapier streiten, weiß er auch nicht. Weil es ein Symbol für ... na, vielleicht Zivilisation ist? Für Sicherheit? Für grundlegende Bedürfnisse? Für einen stinknormalen Alltag? Was auch immer. Nein, sie soll da nicht rausgehen. Sein Beatchen. Die argwöhnischen Blicke, das Ausweichen anderer Menschen, das verletzt sie viel zu sehr. Und wenn sie dann vor einem leeren Klopapier-Regal steht, wird sie wieder anfangen zu weinen. Er wird Anne anrufen. Sie soll ihnen nach der Arbeit etwas vorbeibringen. Ihre Tochter ist eine taffe Karrierefrau. Die wird bei leeren Regalen und Polizeiaktionen wegen Klopapier nicht das Entsetzen ihrer Mutter teilen, sondern pragmatisch an ihren eigenen Vorteil denken. Georg streicht seiner Frau über den Rücken und stutzt. Plötzlich weiß Georg nicht, was er schlimmer findet: Dass sich wildfremde Menschen um einen mehrlagigen Wohlfühlkomfort für ihren Allerwertesten prügeln oder dass das seiner eigenen Tochter mit großer Wahrscheinlichkeit vollkommen egal ist.

 

Wo sie doch mit so einer liebevollen Mutter großgeworden ist ...

 

Mechanisch streichelt Georg immer weiter über Beates Rücken. „Ich ruf gleich mal Anne an, dass die uns wat mitbringt“, sagt er und schiebt seine breite Hand weiter hoch und runter über den weichen Rücken seiner Frau. Es ist still in der Wohnung trotz offenem Fenster. Weder hört man Pausengeschrei aus der nahe gelegenen, derzeit geschlossenen Schule, noch spielende Kinder aus dem Hinterhof. Es ist auch weniger Verkehr als normal. Aber was ist jetzt schon normal, denkt Georg und dabei ziept es in seinem Kopf unangenehm, drängt ihn wieder zurück zu dem Bild von seiner Anne. Seinem kleinen, süßen Mädchen. Ist sie heute wirklich so gleichgültig und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie es ihm seine spontanen Gedanken vorhin weißmachen wollten? So weit weg von dem guten Menschen, zu dem sie sie erziehen wollten? Wie diese Klopapier-Horter, deren ganze Sorge sich im wahrsten Sinne des Wortes nur um den eigenen Arsch dreht? Wenn ja, woher hat sie das? Etwas greift nach seinem Herzen und drückt zu, langsam, schmerzhaft. Er sieht Tom vor sich, der sein Smartphone so gut wie nie aus der Hand legt und runzelt die Stirn. Seine Hand hält im Streicheln inne, Beate sitzt in sich zusammengesunken da. In seinem Kopf leuchtet eine Frage auf, die sein Herz plötzlich aus dem klammernden Griff heraus in einen schmerzhaften Galopp treibt. Wer erzieht die Kinder von heute eigentlich wirklich? Und worauf läuft das hinaus? Ja, worauf läuft das hinaus?

 

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