BUCHREZENSION | 03. Oktober 2018

 

Jonathan Franzen: Die Korrekturen

Ausufernder Epos mit brillanten Psychogrammen, schonungslosen Einblicken und einer ausgewogenen Balance zwischen Humor, Spott und Anteilnahme.

 

 

 

 


 

„Die Korrekturen“ sind bereits 2001 unter dem amerikanischen Originaltitel „The Corrections“ erschienen. Sie wurden mehrfach preisgekrönt und brachten Franzen den internationalen Durchbruch. Und das zu Recht! Jonathan Franzen … eine kurze Pause der Huldigung und des leichten Schmunzelns hat dieser Name durchaus verdient. Warum? Weil man jedem seiner Sätze den großen und humorvollen Geist anmerkt, der dahinter steht. Das heißt nicht, dass sein belletristisches Schaffen für den Leser pure Freude bedeutet. Sein Schreiben ist wie Wasser, das in jede Ritze dringt. Es breitet sich aus, verästelt sich, entfernt sich in tiefste Untiefen und abgelegenste Landstriche. Mit anderen Worten: Franzen neigt in seinen „Korrekturen“ zum Abdriften in teilweise ermüdende und anstrengende Exkurse. Das jedoch erscheint als genau so gewollt. Denn auch den scheinbar absurdesten Themen widmet er sich mit einer Hingabe, die erahnen lässt, dass er um nichts in der Welt auf diese Passagen verzichtet hätte. Auch entsteht erst dadurch die – zugegeben riesige – Grundlage wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge, in die sich seine Geschichte über die Lamberts aus dem mittleren Westen der USA einbettet. Exzessiv widmet sich Franzen allen Themen, mit denen seine Figuren verstrickt sind: von Börsenspekulationen und politischen Unruhen, von der Pharma-Industrie, Gentechnik und der Bewältigung von Gewaltverbrechen bis hin zu Kreuzfahrten und der Midland Pacific Eisenbahngesellschaft, deren technische Abteilung Albert Lambert vor seinem Ruhestand geleitet hat.

 

Der knapp achthundert Seiten starke Roman befasst sich in sieben großen, aufeinander folgenden Abschnitten mit den einzelnen Mitgliedern der Familie Lambert. Albert, eine strenge, tyrannische Version des Homo faber, von Schopenhauer geprägt (‚die Welt als Strafanstalt‘, ‚die Frau als Unterworfene‘, ‚das Dasein als Plage‘) und anrührend, schockierend und eindringlich dargestellt in seiner zunehmenden Demenz, ist das Familienoberhaupt. An seiner Seite lebt die romantisch veranlagte Enid, von Prunk und Äußerlichkeiten leicht beeindruckbar, liebesbedürftig und enttäuscht, nörgelnd, nervend und mit einer hinterlistigen Bauernschläue ausgestattet. Ihr Ansinnen, die Familie für ein letztes gemeinsames Weihnachtsfest in St. Jude, dem fiktiven Wohnort der Lamberts, zusammenzubringen, bildet ein lockeres Band für den Plot. Denn keines der erwachsenen Kinder lebt mehr hier. Chip, das mittlere Kind, wegen eines Verhältnisses zu einer Studentin entlassener Literaturprofessor in schmieriger Lederkluft und mit einer ausufernden Sexualität (die sich tatsächlich einmal intensiv einer Chaiselongue widmet), ist der personifizierte Verlierer, intellektuell und doch der ewig Dumme, konsumkritsch und dennoch luxusaffin. Der älteste Sohn Gary, depressiv, paranoid und chronisch wütend ist als einziges der Lambert-Kinder verheiratet und Vater dreier Söhne. Sein ‚ganzes Leben ist als Korrektur des Lebens angelegt, das sein Vater führte‘ und das bedeutet, er muss die ‚Zähne zusammenbeißen und Spaß am Leben haben‘ und wenn er dazu auch noch so viel trinken und sich kaufen muss. Das jüngste Kind der Lamberts ist Denise, Starköchin, paradox perfektionsbesessener und pragmatischer Workaholic in der sinnlichen Welt der kulinarischen Lüste, gleichgültig gegenüber dem materiellen Luxus, sexuell und emotional hochgradig verwirrt. Überhaupt spielt Sexualität eine wichtige Rolle in den „Korrekturen“ als unmittelbarer Spiegel der beeinträchtigten Familienstruktur. Enid erlebt Sex als Inbegriff von Mangel und Zurückweisung, bei Albert ist Sexualität ein qualvoller, verwerflicher Trieb und für die Kinder ist Sex geradezu ein Suchtmittel oder eine Medizin und grotesk verzerrter Ausdruck der Sehnsucht nach Liebe.

 

Nach der Vorstellung der Figuren ... erst im vorletzten Kapitel ... nachdem man bereits 80 Prozent des Romans darauf hingearbeitet hat, kommt es dann zu dem Weihnachtsfest und dem Aufeinandertreffen aller fünf Familienmitglieder. Unmittelbar darauf folgt das kurze letzte Kapitel: Die Korrekturen. Worauf sich die Korrekturen dann beziehen, ist überraschend und einigermaßen verstörend. Und jeder mag für sich selbst zu einem Schluss kommen, was „Die Korrekturen“ mit Korrekturen meinen: Negative Kindheitserfahrungen, überkommene Geschlechterbilder, ein unnatürliches Verhältnis zur Sexualität, eine lebensfeindliche Grundeinstellung, eine falsche Partnerwahl, die unermüdliche Optimierung seines Selbst. Korrigiert wird in dem Roman jedenfalls von der ersten bis zur letzten Seite, vom Börsenkurs bis zum Drehbuchmanuskript, von Bauplänen bis hin zu Lebensentwürfen.

 

Das Ende, wie überhaupt das ganze Buch, hallt nach der Lektüre noch lange nach. Dabei gehen vor allem die psychischen und emotionalen Verstrickungen der Figuren nahe, von denen keine wirklich sympathisch ist und die uns in schockierender Weise dennoch an uns Selbst erinnern. Diese Psychogramme und die Besonderheiten des sozialen Beziehungsverhaltens machen den Kernwert des Buches aus. Eine Kürzung und Verdichtung auf diese Thematik, überhaupt so einige Streichungen, könnte man als sinnvoll diskutieren. Gleichsam knüpfen die zahlreichen Exkurse erst die Verbindung der Familie mit der Welt und erweitern so den Kontext vom Individuellen einer Familie zu den Strukturen einer Gesellschaft.

 

Sprachlich sind „Die Korrekturen“ ein Erlebnis. Und auch hier mag die Wasser-Metapher treffend sein. Ellenlange, kurvenreiche Ströme wechseln mit klaren, tiefen Seen und plätschernden Bächen. Dabei hat Franzen eindeutig ein Faible für skurrile Situationen und ungewöhnliche Bilder. Sein Humor erinnert in Anklängen an Woody Allen Filme, wo das Absurde banalste Alltäglichkeit ist. Zeitungspapier, das sich in ‚erotisch anmutender Verzweiflung um einen Laternenmast wickelt‘ oder der Vergleich von unangenehmer Intimität mit einer warmen Strömung im Schwimmbad – das ist typisch Franzen. Mit seinen Worten destilliert er das wahre Wesen aus den Dingen oder auch den Kern seiner Sicht auf die Welt. Insbesondere bei der Schilderung von Alberts dementem Geist, seinen Halluzinationen und dem Verlust seiner Selbst gelingt ihm dies auf eine unvergleichliche, brillante, meisterhafte Weise. Im Sinne von Literatur als dem Erkunden fremder Welt(sicht)en, ist dieses Werk daher unbedingt lesenswert.

 

Fazit: Franzens Korrekturen sind eindrucksvoll, witzig, verstörend, fordernd, intelligent und gehen bis ins noch so kleinste Detail. Das macht sie insgesamt definitiv empfehlenswert und verschafft jedem, der es mit den 800 Seiten aufnimmt, einen nachhaltigen Eindruck für seine Lektüre-Erinnerungen.