KOLUMNE | 21. Dezember 2015

 

Das Ende vom Geld und der Rest vom Monat

"Warum ist am Ende vom Geld noch soviel Monat übrig?" Mit dieser rethorisch fragenden Redewendung bin ich bereits aufgewachsen. Und mal abgesehen von den Geissens & Co.: wer kennt das Problem nicht?! Eigentlich sollte es doch genau anders herum sein: der Monat ist vorbei, der neue Gehaltsscheck winkt und man hat noch massig Geld zum Verprassen, Sparen oder Feuer machen ... Stattdessen ist so ungefähr in der Mitte des Monats - natürlich vollkommen unerwartet - das Konto leer...

So ein Scheiß! Welche Abbuchung habe ich denn jetzt schon wieder vergessen? Oder ist das ominöse sockenfressende Monster auf Abwege geraten und über mein Konto hergefallen? Leider zeigt die panische Kontrolle der Kontoauszüge dann stets: nein, es ist alles korrekt. Kleinvieh macht eben auch Mist....

 

Tja, wenn das liebe Geld nicht wär, wär das Leben eine ganze Ecke entspannter (oder auch nicht - dann hätte der eine mehr Muscheln als der andere oder mehr Bäume oder mehr Essen... irgendwas ist ja immer...)

 

Und damit wären wir bei der dieswöchigen Redewendung Nummer zwei: "Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär ich längst schon Millionär." Dieser Satz hat mich schon häufig schwer beschäftigt. Einmal weil ich es wirklich erstaunlich finde, das sich eine Redewendung darum dreht, dass ein einzelnes kleines Wort quasi lebensverändernde Auswirkungen haben soll (Wortopolis, die Macht sei mir Dir), zum Anderen weil sich in dieser Wortspielerei ein interessanter philosophischer Kern verbirgt. "Wenn" ist nämlich nicht irgendein Wort. Es hat etwas von einem Dimensionstor in eine andere Wirklichkeit genau wie das grammatische Konjunktiv. Hätte, würde und könnte katapultieren einen im Nu in eine Traum-Realität der verschenkten, verpassten, ersehnten Möglichkeiten. Von profanen Wünschen nach mehr Geld am Ende des Monats bis hin zu wirklich dramatischen Entscheidungen und Fügungen in unserem Leben - das Wörtchen "wenn" hat es wirklich faustdick hinter den Ohren.


Die Überlegungen gehen aber noch weiter. Denn - jetzt mal so ganz hypothetisch gesponnen - wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär ich dann wirklich schon Millionär? Würde die Nicht-Existenz eines "Wenn" in unserer Sprache voraussetzen, das unsere innere Grundhaltung eine andere wäre? Würden wir dann handeln statt träumen? Esoterische Bestseller wie The Secret, Die Prophezeiungen von Celestine oder Bestellungen beim Universum gehen genau davon aus. Zwischen der Art und Weise unserer Denkweise und den Ereignisse unseres echten Lebens bestehe nach esoterischer Gedanken-verändern-die-Welt-Mentalität demnach eine enge Verbindung. Gedankliche Ziele im Konjunktiv hätten demnach gar keine Chance Realität zu werden. Sie wären dazu verflucht immer Wünsche, Träume, Sehnsüchte, eben in der Wenn-Dimension gefangen zu bleiben. Es lohnt sich also durchaus, über die Verwendung und Bedeutung von einzelnen Wörtern mal nachzudenken.

 

Aber was fängt man dann mit diesen Überlegungen an? Die Esoterik-Ratgeber empfehlen, reale Wünsche auch real zu formulieren. Kein Konjunktiv, keine Passiv-Konstruktion, kein Wenn. Weder in der geäußerten noch in der gedachten Sprache. Da gehört eine aktive Formulierung hin, wie: "Ich habe am Ende vom Monat noch massig Geld über!" Daneben bin ich allerdings auch ein bekennender Fan der unbegrenzten Möglichkeiten im Wenn-Land. Träumen, spinnen, fantasieren - das gehört zum Leben einfach dazu. In diesem Sinne: Es lebe das Wenn und "Ich bin schon längst Millionär!".


Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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