KOLUMNE | 05. September 2017

 

Plastikfasten & Co - Macht mich Müll vermeiden zum Öko-Freak?

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel über eine sogenannte Zero-Waste-Familie gelesen. Was das heißt? Na, Zero = O, Waste = Müll, Null Müll, eben. Wenn man ein wenig recherchiert, findet man dann immer wieder die Referenzgröße ‚Marmeladenglas‘, sprich: der nicht weiter verwertbare Müll von einem ganzen Jahr soll in ein Marmeladenglas passen. Beachtlich! Erzeugt doch sonst im Schnitt jeder Deutsche pro Jahr eine halbe Tonne Müll. Wie funktioniert sowas? Stoffbeutel alleine reichen da nicht. Nein, Extrem-Müllvermeider nutzen Popoduschen statt Klopapier, selbstgemachte Kosmetik und Klebe aus Mehl, Stärke und Wasser. Klingt schon sehr nach unrasierten Achseln und Birkenstocksandalen, oder? Aber, kein Grund, sich abschrecken zu lassen. Im Gegenteil!

 

 

Wall-E und Lawrence von Arabien

Nachdem ich den besagten Zero-Waste-Artikel gelesen hatte, fing ich an, bewusst auf Müll, insbesondere auf Plastik zu achten. Mannomann, Leute, es ist überall. In Teppichen und Vorhängen, in Elektrogeräten und Armaturen, in Lebensmittelverpackungen und Flaschen. Wenn Plastik auf einmal lebendig und intelligent wird (durch kosmische Alienstrahlung, oder so), dann haben wir nicht die geringste Chance. Was ich an dieser Plastikfülle aber besonders bemerkenswert finde, ist, dass man sie überhaupt nicht wahrnimmt. Dafür gibt es allerdings eine einfache Erklärung. In der Neurowissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von der kognitiven Blindheit oder auch Unaufmerksamkeitsblindheit. Bestimmte Dinge sehen wir einfach nicht, weil unser Gehirn nur eingeschränkte Verarbeitungskapazitäten hat. Und das scheint auch für die ganz alltäglichen Dinge zu gelten. Wir alle sind mit Plastik aufgewachsen und deswegen fällt es uns schlicht nicht auf.

Wie ein Mensch, der langsam seine Sehkraft zurückerlangt, nehme ich jetzt jeden Tag mehr Plastikprodukte in meinem Alltag wahr. Zahnpastatuben, Q-Tipps, Microplastik in Kosmetik… Plastik ist einfach überall.

Tja, es ist schon so: Bildung hat tatsächlich eine Art Jesus-Effekt und macht Blinde plötzlich sehend.

Und auf einmal erscheint mir das Szenario aus dem Disney-Pixar-Film Wall-E gar nicht mehr so abwegig: der Planet versinkt in Müllbergen, während die Überlebenden der Menscheit, verfettet und ahnungslos, in einem Kreuzfahrt-Raumschfiff durchs All treiben. Ich für meinen Teil finde da den Öko-Freak dann auf einmal doch gar nicht mehr so unattraktiv.

Ein wenig ist die Wall-E-Nummer sogar heute schon Realität. In der etwas oberflächlichen und pseudo-informativen Dokumentation Plastic Planet zum Beispiel wird das Filmset von Lawrence von Arabien gezeigt, mitten in der Sahara. Glaubt es oder glaubt es nicht, da ist alles voll mit Plastikmüll, immer dort, wo es an einem kargen Sträuchlein hängenbleibt. In der Sahara! Auf einmal konnte ich mir vorstellen, dass Plastikmüll tatsächlich vielerorts Tiere killt, in dem es sie erstickt oder in deren Mägen zu Verstopfungen führt. Kleiner Hinweis: Spätestens jetzt ist es Zeit für eine unbehagliche Gänsehaut.

 

Plastic all over the world

Den heutigen Kunststoffen ähnliche Materialien gibt es schon weitaus länger als man denkt. Durch Erhitzen und Erkalten von Magerkäse stellte man beispielsweise schon im 16. Jahrhundert Kasein (Kunsthorn) her. Der erste vollsynthetisch industriell hergestellte Kunststoff auf Erdölbasis entstand dann vor rund 100 Jahren und hieß Bakelit. Seitdem hat das leichte, supereinfach form- und färbbare, stabile und kostengünstige Plastik die Welt im Sturm erobert. Heute kommt kein Industriezweig ohne Plastik aus und wir finden es in allen Lebensbereichen. Es ist ja auch wirkich extrem praktisch.

Leider landen lt. Greenpeace jährlich 13 Millionen Tonnen von diesem praktischen Material im Meer. Und da ist die Langlebigkeit und Stabilität von Plastik dann wiederum alles andere als praktisch. Es gibt mittlerweile sogar kontinuierlich kreisende ‚Müllstrudel‘ in den Meeren, die Namen tragen wie ‚Great Pacific Garbage Patch‘. Müllstrudel mit Namen - ich finde, das muss man erstmal sacken lassen. Wie kommt der ganze Müll überhaupt ins Meer? Als Quellen führt Greenpeace Industrie und Schifffahrt an, aber auch Freizeitaktivitäten an Gewässern und anderes. Ts, ts, ts. Da will man nur mal entspannt am Flussufer grillen, lässt vielleicht eine Winzigkeit an Müll zurück und dann soll daraus gleich ein pazifischer Müllstrudel entstehen? Schockierend!

Also ist es wohl besser, man lässt keine Winzigkeit zurück. Man trennt seinen Müll und bezahlt brav Flaschenpfand. Schon ist man aus dem Schneider und hat mit diesen ominösen Müllstrudeln nichts mehr zu tun. Schließlich wird alles fein säuberlich sortiert und – wenn man den Handelsversprechen Glauben schenkt – wieder der sogenannten Wertstoffkette zugeführt. Jedenfalls landet es nicht im Meer... Doch was lehrt uns die Erfahrung? Was zu schön klingt, um wahr zu sein, ist meist auch nicht wahr. Und was besonders einfach ist, ist häufig alles andere als verantwortungsbewusst. Was aber ist denn jetzt so ‚böse‘ an dem Wunder-Material Plastik?

Was gegen Plastik spricht

Ein großes Argument, das gegen Plastik spricht, ist die Geheimniskrämerei um die genauen Inhaltsstoffe. Sowas ist ja immer verdächtig. Zwar gelten als gesundheitlich bedenklich generell nur lösliche Stoffe, die in die Nahrungskette eingehen können. Und da Plastik fest ist, spricht die Industrie Kunststoff diese Gefahr häufig ab. Aber natürlich zersetzt sich auch Plastik irgendwann. Es braucht eben nur sehr lange. Eine Einwegwindel z.B. etwa 200 Jahre. Das Bundesamt Umwelt meint sogar, dass Plastik nur immer kleiner werde, richtig abgebaut aber nie. Hier seht ihr zu der Müll-Meer-Thematik eine kleine Infografik vom Bundesamt:

 

Zumindest für einige Kunststoffe ist mittlerweile klar, dass sie gesundheitsgefährdende Stoffe enthalten. Unfruchtbarkeit und Krebs sind zum Beispiel Krankheiten, die häufiger mit Plastik in Zusammenhang gebracht werden. Generell ist alles was stark nach Chemie stinkt, mit Vorsicht zu behandeln. Wenn schon Kunststoff, dann möglichst hochwertig und für den dauerhaften Einsatz. Der BUND rät beispielsweise von folgenden Stoffen kategorisch ab (ihr erkennt sie an der entsprechenden Kennzeichnung auf dem Produkt, Dreieck aus Pfeilen mit der Abkürzung drunter):

  • Polyvinylchlorid (PVC) – Es kommt als Hart- und Weich-PVC vor. Probleme: Weichmacher gelten als gesundheitsschädlich. Bei der Produktion und Entsorgung kommt es zu Gesundheits- und Umweltproblemen. Typische Produkte: Bodenbeläge, Abflussrohre, Kunstleder, Schwimmreifen, Vinyl-Tapeten, etc.
  • Polystyrol (PS) – Probleme: Recycling und Entsorgung sind schwierig. Typische Produkte: Joghurtbecher, Styropor, Verpackungsfolien, Kabelisolierungen.
  • Polyurethan (PU) – Probleme: Recyling und Entsorgung sind schwierig, bei der Verbrennung entstehen giftige Gase. Typische Produkte: Elastan (Textilfaser), Schaumstoff für Matratzen, Küchenschwämme, Autositze, etc.
  • Polyethylenterephthalat (PET) – Probleme: PET soll mit der Zeit gesundheitsschädigendes Acetaldehyd und Antimontrioxid an Flüssigkeiten abgeben. Außerdem können aus PET-Flaschen hormonell wirksame Stoffe ins Wasser übergehen. Typische Produkte: Getränkeflaschen, Polyester (Textilfaser), Verpackungen für Lebensmittel, etc.
  • Polycarbonat (PC) – fällt bei der Kennzeichnung unter "07, Other", Probleme: PC setzt die hormonell wirksame Substanz Bisphenol A (BPA) frei. Dieses BPA wird in Zusammenhang gebracht mit Störungen der Sexual- und Gehirnentwicklung. Typische Produkte: Trinkflaschen, CD-Hüllen, Mikrowellengeschirr, etc.

Vor diesem Hintergrund liegt das 'Plastikfasten', wie der BUND es nennt, also durchaus im eigenen gesundheitlichen Interesse. Da kann man ein wenig Freak-Sein schonmal in Kauf nehmen!

Die R's des Zero-Waste-Prinzips

 

Müll vermeiden funktioniert mit sechs einfachen R’s: reduce, refuse, repair, reuse, recycle, rot oder auf Deutsch: reduzieren, vermeiden, reparieren, wiederverwerten, recyceln, kompostieren. Die Worte selbst sind ja eigentlich schon aussagekräftig genug und verlangen bei der Umsetzung nur nach ein wenig Engagement und Einfallsreichtum. Wer trotzdem ein paar konkrete Tipps für den Start als Öko-Freak braucht, findet hier meine Highlights:

  • Mehrwegflaschen statt Einwegflaschen kaufen. Diese Umstellung ist uns ziemlich leicht gefallen und macht sich auch im Portemonnaie nicht allzu schlimm bemerkbar.
  • Statt Wattepads und Abschmink-Lotions Waschlappen, Wasser und Öl verwenden. Stofftaschentücher statt Papiertaschentüchern, etc. Das steht als nächstes auf meiner Liste!
  • Stoffbeutel statt Plastiktüten verwenden und auch zum Bäcker mitnehmen. Mit Dosen an der Fleisch- und Käsetheke einkaufen. Und auch in Modeläden keine Plastiktüten mitgeben lassen.
  • Unverpackt-Läden nutzen und unverpackte Waren kaufen. Das muss ich auch noch ausprobieren. Im Internet findest du schnell den nächstgelegenen Unverpackt-Laden. In normalen Supermärkten sparst du schon Müll, wenn du auf das Abfüllen von Obst & Gemüse in Plastiktüten verzichtest. 
  • Leihen statt kaufen, digital speichern statt ausdrucken. Ich als Vielleser lese mittlerweile E-Books. Was für eine Platzersparnis im Bücherregal! Eine Alternative ist das Ausleihen von Büchern. Das Gleiche gilt für Elektrogeräte u.a. was man nur sehr selten braucht. Häufig gibt es Leih-Optionen.
  • Dinge mehrfach verwenden und einem neuen Nutzen zuführen. Man nennt das auch ‚Upcycling‘. Schöne Beispiele: Wo Recycling auf Design trifft: Superuse
  • Müll im Laden lassen. So zwingt man die Industrie eher dazu, sich mit dem Müll-Thema auseinanderzusetzen. Der Konsument hat nämlich mehr Macht als manch einer denkt.

Und abschließend einen YouTube-Tipp für einen motivierenden Song mit den ursprünglich nur 3 R's der Zero-Waste-Bewegung, ein Buch mit vielen Tipps von einer renommierten Zero-Wastelerin und natürlich den anschaulichen Müll-Apokalypse-Disney-Film Wall-E.

YouTube-Tipp:

Jack Johnson - The 3 R's (2:45 min)

Info: Eigentlich finde ich eingebettete Videos toll, aber wegen der EU-Datenschutzverordnung und weil ich mich nicht nicht unbeabsichtigterweise an der Jagd auf eure Daten beteiligen möchte, gibt es nur noch Tipps zum Selberyoutuben bei mir ;)


Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Die Bilder im Fließtext (bis auf das mit den Pfeil-Dreiecken, das hab' ich zusammengestellt und die Grafik vom Bundesamt) stammen von www.pixabay.de

 

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