KOLUMNE | 21. März 2016

 

Die Möhrifizierungsgefahr: Fast Food & Lebensmittel aus dem Labor

Schon gehört? Jamie Oliver soll ein Gerichtsverfahren gegen McDonald’s gewonnen haben! Die Frikadellen bestünden nicht aus Fleisch, sondern aus einer giftigen Ammoniak-Fett-Mischung. Dieser aktuelle Post auf Facebook spülte wahre Sturzbäche auf meine Mühlen im Dienste der gesunden Ernährung! Grund genug, mir das mal genauer anzuschauen – mit überraschendem Ergebnis …

 

Die Wahrheit zur Anti-Fast-Food-Propaganda

Denn als ich die Jamie-Oliver-McDonald's-Story nachprüfte, wurde ich schnell sehr stutzig. Warum finde ich bei der Welt, der Zeit, der Süddeutschen, der FAZ nicht ein Sterbenswörtchen darüber? Wurden die alle mit Unsummen zum Schweigen gebracht? Skandalös! Die einzige Berichterstattung erfolgte über diverse Pseudo-Nachrichtenmagazine (info-direkt.eu, derwaechter.net, leverage-magazine.com, etc.). Sehr verdächtig! Ein wenig Recherche mehr und ich sah endlich klar (hilfreich bei dubiosen Meldungen im web ist auch immer ein kurzer Blick auf ZDDK/mimikama):

Nein, die Burger-Pattys bestehen und bestanden nicht aus Ammoniak und Fettpasten. (Schade, hätte doch so schön ins Bild gepasst…) Es ging vielmehr um den Zusatz von Lean Finely Textured Beef (LFTB) zu dem regulären, aus Muskelfleisch hergestellten Hackfleisch. Bei LFTB handelt es sich, grob gesagt, um sonst unverkäufliche Fleischabfälle, die zerkleinert, von Fett getrennt und in Ammoniak gewaschen werden. Dabei entsteht Ammoniakwasser (E527), der ph-Wert steigt und Bakterien werden abgetötet. Heraus kommt ein grellrosa Fleisch-Brei, auch 'Pink Slime' genannt. In den USA durften bis zu 15 Prozent der Burger-Frikadellen vollkommen legal aus diesem Füllstoff bestehen. (Vom Prinzip der vollständigen Verwertung aus gesehen auch nicht schlechter, als die Millionen Tonnen von Fleischresten zu verbrennen oder wegzuschmeißen. Faktisch bestand dadurch aber tatsächlich ein Teil der Burger aus Abfall...)

 

Nein, Jamie Oliver hat kein Gerichtsverfahren gewonnen. Allerdings war er mit seiner Kampagne gegen den 'Pink Slime' von McDonald’s erfolgreich. Die Fast-Food-Kette verzichtet seit 2012 auf den rosa Fleisch-Schleim in seinen Frikadellen. Einen Zusammenhang mit der Jamie-Oliver-Kampagne bestreitet der Konzern allerdings.

 

Nein, der 'Pink-Slime-Zusatz' betraf zu keiner Zeit die McDonalds-Filialen in Deutschland.

 

Und Fast Food ist trotzdem nicht gut!

Es ist echt verrückt: als wäre Fast Food an sich nicht schon angreifbar genug, werden Fakten verdreht und manipuliert. Diese gezielte Fehlinformation zum Aufhetzen der Massen trägt üble Züge von Propaganda. Auch ‘ne Form des 'Pink Slimes'…

ABER, nur weil Fast-Food-Hasser sich der unlauteren Manipulation von Fakten bedienen, um ihre Kampagnen gegen Fast Food anzuheizen, ist das Image der Fast-Food-Industrie noch lange nicht reingewaschen (höchstens antibakteriell tadellos – wegen des Ammoniaks…). Alles was in der Masse und zu Dumpingpreisen produziert wird, kann einfach nicht gut sein. Jedem, der auch nur eine Sekunde darüber nachdenkt, muss klar sein, dass die günstigen Preise nur über billige Rohstoffe funktionieren. Schließlich geht es hier nicht um wohltätige Organisationen, sondern um Unternehmen, die einen maximalen Gewinn erwirtschaften wollen. Das heißt: Fleisch von Tieren aus Massentierhaltung, Käse, der nur zu 49 Prozent aus Käse besteht, Füllstoffe, zum kostengünstigen Strecken teurerer Rohstoffe und diverse Helferlein aus dem Labor gehören zu den unabdingbaren Grundlagen.

Aufschlussreich ist die Zutatenliste von McDonald’s (danke für die Transparenz). Da kann man dann zum Beispiel auch sehen, dass Pommes Frites mit Dinatriumdiphosphat (E450a) und Dextrose (= Zucker) angereichert sind und in Öl mit dem Antischaummittel E900 frittiert werden. (In den USA stecken noch eine ganze Reihe mehr seltsame Stoffe drin, s. einen Artikel vom stern). Da lobe ich mir doch die guten Röstkartoffeln aus dem Ofen: Kartoffeln, Öl, Salz. Fertig. Lecker.

 

Warum wir über unser Essen nachdenken sollten...

So und jetzt heben wir das Thema mal auf ein ganz anderes, geradezu philosophisches Niveau: Die TV-Köchin Sarah Wiener hat in einem TV-Beitrag mal gefragt (sinngemäß), wie ein Mensch, der nicht mal in der Lage sei, sich über das Gedanken zu machen, wovon er sich täglich ernähre, was er sich quasi in sein Innerstes einverleibe, wie so ein Mensch in der Lage sein solle, sich überhaupt mit irgendeinem Thema kritisch auseinanderzusetzen. Ich finde diese Aussage gar nicht mal so unberechtigt. Das ist wie ein Über-den Tellerrand-Schauen ohne vorher auch nur einen Blick auf den Teller geworfen zu haben.

 

Dabei kann dieses Nachdenken über Ernährung (über kritischen Konsum im Allgemeinen) einen allerdings auch in die Verzweiflung treiben und dazu bringen, sich wie ein Kleinkind die Ohren zuzuhalten und laut zu schreien: „Ich will das nicht hören. Lalalalalalalaaaa…“. Denn machen wir uns nichts vor. Selbst bei der Karotte vom heimischen Feld fängt es schon an. Welche Schadstoffe gehen vom Boden und über den Regen in das Gemüse über? Was ist mit Dünger und Pestiziden? Kommt die Karotte oder der Karottensamen vielleicht noch aus einem Dritte-Welt-Land und muss man sich über dortige Arbeitsbedingungen, Umweltbestimmungen, Auswirkungen des Transports auf die Ökobilanz, etc. Gedanken machen? Welche Zusatzstoffe nehme ich mit der industriell verarbeiteten Karotte aus dem Kühlregal oder dem Tiefkühlschrank zu mir? Aromen, Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, Anti-Oxidationsmittel oder Zuckerzusätze? Und dann (dramaturgische Pause) dann gibt es da noch die Karotte aus dem Labor!

 

ZEIT ONLINE berichtet (spannender Artikel über Essen aus dem Labor) von einer Karotte, die labortechnisch auf einen hohen Kalzium-Gehalt frisiert wird (40 Prozent mehr). Das würde das Wurzelgemüse vielleicht sogar zu einer Alternative für Milchprodukte machen. Ein Segen für unsere laktoseintoleranten Mitbürger – ein Fluch für den boomenden Absatzmarkt der laktosefreien Produkte (wahrscheinlich wird das Labor bereits von entsprechenden Unternehmen observiert und Auftragskiller stecken in den Startlöchern...). Aber zurück zum 'kritischen Konsum'. Müssen wir uns beim Essen einer Labor-Möhre nicht fragen, was die Eingriffe in die Struktur und die 'Seele' der Karotte beim Verzehr mit uns machen? Verändert sich dadurch vielleicht unser Erbgut und werden wir langsam aber sicher auch zur Möhre? (Mit der orangen Gesichtsfarbe fängt es an und wenn dann der Drang nach grünen Haaren unaufhörlich zunimmt, tja...)

 

Labor-Food mit idealistischen Zielen

Von der Möhrifizierungsgefahr mal abgesehen, hören sich viele Versuche der Lebensmitteltechniker allerdings sehr interessant an. Mir war gar nicht bewusst, dass es neben

  • der künstlichen Anreicherung mit Aromen, weil das Produkt nach gar nichts schmeckt,
  • der Zuckerfizierung zum Übertünchen unangenehmer Geschmäcker und zur Aktivierung des Belohnungszentrums im Gehirn,
  • der Aufplusterung, Konsistenzveränderung, Haltbarmachung, Füllstoffanreicherung und
  • der optischen Aufhübschung durch Farbstoffe, etc.pp.

auch noch sowas wie einen Forschungsidealismus im Lebensmittellabor gibt: Food-Design jenseits von Konsumenten-Manipulation und Geldmacherei der Lebensmittelindustrie. Nein, es scheint, als würden da einige Forscher wirklich versuchen, die Probleme des Welthungers und der Massentierhaltung mit all ihren fatalen Folgen zu lösen. In Norwegen arbeitet man zum Beispiel am Retorten-Fleisch. Da kann man aus einer Zelle Rindfleisch in 50 Teilungszyklen mal eben eine Tonne Rindfleisch herstellen. Wow.

 

Das ist dann natürlich Nahrung aus dem Labor pur. Hier wird in Form gepresst, gefärbt, Aroma zugefügt. Der Gehalt an Mineralstoffen, Fettsäuren, Vitaminen wird nach Bedarf gesteuert. Das hat schon was von Frankensteins Monster... Ob das gesund ist? Wer weiß. Dafür aber vielleicht eine Chance, um gegen die Massentierhaltung mit all ihren ethischen und ökologischen Problemen anzukommen.

Genauso lassen sich vielleicht Krebs und Diabetes durch genetisch manipuliertes Gemüse in den Griff bekommen. Der Vitamin-A-Mangel in armen Ländern könnte durch genmanipulierten Reis kompensiert werden… Labor-Essen für eine bessere Welt! Klingt fast zu schön, um wahr zu sein!

Nun, so spannend ich das alles finde, jagt mir der Gedanke an dieses Frankenstein-Futter doch noch eine Gänsehaut über den Rücken. Deshalb fühle ich mich derzeit noch sicherer bei der Theorie, dass die Lebensmitteltechnologie zu einem geheimen Verschwörungsplan à la Akte X gehört. Gen-Food, das in die menschliche DNA eingreift und uns zu gefügigen und komsumwilligen Bürgern zombifziert…Wir werden sehen, wer am Ende Recht behält...

 

Abschließend wieder etwas zum Mehr-Erfahren: ein Film, der viele zu Wort kommen lässt und wenig kommentiert, ein Buch, das (lt. DeutschlandRadio-Rezension) kritisch Bilanz zieht, ohne ideologisch zu sein und ein Kochbuch, das dafür umso ideologischer ist (aber Kochbücher dürfen das!)...

 



Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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