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13. Kapitel

Fortsetzungsroman Liguster Zwingelwicht by Lilu S. Kestlinger

Gefangen und gefunden

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Liguster warf Lori einen ratlosen Blick zu. »Und wohin jetzt?«
Sie standen schon seit einigen Minuten wie angewurzelt vor dem Tor zu Solbixgrund und ließen ihre Blicke in alle Richtungen schweifen. Jeder von ihnen trug eine mit Vorräten gefüllte Samenkapsel und einen Wasserschlauch an Riemen aus geflochtenen Pflanzenfasern über der Schulter. Heidelinge, die an ihnen vorbeigingen, musterten sie neugierig.
»Keine Ahnung«, erwiderte Lori schulterzuckend, »du bist doch der Auserwählte.«
Von wegen, dachte Liguster. Dennoch straffte er seine Haltung und murmelte mit gerunzelter Stirn: »Na, dann!«
Vollkommen ziellos marschierte er drauflos, über den sandigen Boden der Dünenheide, an duftenden Heidepflanzen vorbei, das dröhnende Summen der Bienen über seinem Kopf. Lori trottete schweigend hinterher. Scheinbar ewig wanderten sie so durch die Dünenheide, ohne dass irgendein nennenswertes Ereignis geschehen wäre. Bei jedem größeren Insekt, dem sie begegneten, riss Liguster plötzlich die Hand nach oben und blieb abrupt stehen. Dann wartete er ab, ob irgendetwas passierte. Schließlich hatte Aruna gesagt, sie sollten sich finden lassen, nicht, dass sie selbst ein Reittier finden sollten. Aber nichts geschah. Sie trafen auf drei Grillen, zwei Heuschrecken, vier Schmetterlinge und kreuzten eine Ameisenstraße. Über ihnen flogen unzählige Bienen und Hummeln vorbei, beachteten sie jedoch nicht im Geringsten. Loris Laune sank von Stunde zu Stunde und ihr anfängliches Schweigen war längst halblauten Schimpftiraden und bissigen Bemerkungen gewichen.
»Sag mal, weißt du eigentlich, was du hier tust?«, fragte sie schließlich mit vor der Brust verschränkten Armen. »Bei allen guten Nimfen und dem heiligen Heidehügel zusammen, so aussehen tut es nämlich nicht. Die letzte Grille hätten wir doch nehmen können. Die hat ganz nett ausgesehen, finde ich. Was bitte stimmte denn mit der nicht? Wir wären längst fertig, hätten ein Reittier und könnten ganz entspannt zurückhüpfen. Oder das Tagpfauenauge, das einige Sandgläser lang um uns herumgeflattert ist. Fliegen wäre doch auch nicht schlecht. Hast du nicht erzählt, dass du schon mal auf einer Biene geflogen bist? Davon summen hier nun wirklich genug herum. Warum nehmen wir keine von denen?«
»So einfach ist das nicht«, murmelte Liguster düster und stapfte weiter, ohne sich auch nur umzudrehen.
»Und wieso nicht? Bei den Schnegeln hat es doch auch geklappt. Du bist hinmarschiert, hast ein paar höfliche Worte gewechselt und – zack – warst du hoch zu Schnegel. So funktioniert das bei Li, dem Auserwählten. Er sucht sich ein Tier aus, schwingt sich rauf und – suuusch – los geht’s Richtung Horizont, auf in die Freiheit.«
»Wie gesagt«, knurrte Liguster, den Blick stur nach vorne gerichtet, »so einfach ist das nicht.«
»Und WIESOOOO nicht?«
 Liguster drehte sich ruckartig zu Lori um, ging jedoch rückwärts weiter.
»Hast du vielleicht schonmal ein Tier sprechen hören? Nein? Wenn du es genau wissen willst: Ich auch nicht! Das funktioniert nicht so, wie du es dir denkst. Es geschieht eben einfach, ob das ihrer hochwohlgeborenen Prinzessin Veralore von Bixgrund nun passt oder nicht. Und außerdem, hör auf diesem Auserwählten-Ge...« Der Rest von Ligusters Vortrag ging in einem überraschten Keuchen über.
»Oh, vertrollt! Li, du bist in ein Spinnennetz gelaufen!« Lori sprang eilig auf ihn zu und versuchte, ihm mit gebührenden Abstand zu den klebrigen Fäden an seinem Gürtel herauszuziehen. Ohne Erfolg. »Zappel nicht so, sonst verwickelst du dich nur noch mehr darin.«
Liguster hielt kurz inne und atmete tief durch. Aus den Augenwinkeln probierte er, das Spinnennetz zu begutachten. Es glitzerte in der Sonne und war dabei so fein und mehrschichtig in vielen Ebenen verwoben, dass es fast wie eine weiße Decke aussah. Und an der klebte er fest. Er spürte, dass nur einige der Fäden wirklich klebrig waren, aber das reichte auch schon. Energisch stemmte er sich noch einmal nach vorne und verzog sein Gesicht. Autsch, die Fäden rissen an seiner Haut. Das war jetzt mindestens genauso unangenehm wie peinlich. Wie konnte er nur so ein Dummling sein und in ein Baldachinspinnennetz laufen?! Die waren ja nun wirklich kaum zu übersehen, so wie es sich kreuz und quer zwischen den Halmen spannte. Na toll! Vielleicht war die Netzweberin ja selbst so nett, ihn zu befreien. Er konnte es zumindest versuchen.
»Hallo? Ich bin aus Versehen in dein kunstvolles Netz gelaufen, verehrte Spinne. Könntest du mich vielleicht daraus befreien?«
»Li, was machst du denn?! Sei still! Dich haben wohl alle guten Nimfen verlassen!«, zischte Lori mit weit aufgerissenen Augen. »Willst du etwa, dass die Spinne kommt, dich vergiftet und aussaugt?« Lori schüttelte sich.
»Tun Spinnen das mit Heidelingen?«, frage Liguster interessiert nach. »Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass eine Spinne einem Zwingelwicht auch nur ein Härchen gekrümmt hätte.« Er musterte die offensichtlich sehr aufgebrachte Lori mit einem amüsierten Blick. »Das Einzige, was mir hier passieren könnte, wäre, dass ich im Netz hängenbleibe und verhungere, im Regen ertrinke oder vom Blitz getroffen werde.«
In dem Moment ging eine hauchzarte Vibration durchs Netz und eine zarte dunkelbraune Baldachinspinne, ungefähr so groß wie eine Ameise huschte auf sie zu. Ihr schmaler Hinterleib war weiß, dunkel geflammt an der Seite und mit einer blattartigen Zeichnung auf der Oberseite. Die feingliedrigen, langen Beine staksten zielsicher und sanft über das Netz und hielten ein Stück vor dem jungen Wicht zögernd inne. Ihre Mundwerkzeuge bewegten sich leicht auf und ab und ihr Augen funkelten Liguster aufmerksam an. Liguster seufzte.
»Ja, ich weiß«, sagte er und grinste, »ich bin ein ganz schöner Dummling. Tut mir sehr leid, dass ich dein Netz beschädigt habe. Vielleicht kann ich dir ja helfen, es zu reparieren, wenn ich mich wieder bewegen kann.«
Ein leichtes Vibrieren ging durch den Spinnenkörper, als würde sie lachen und Lori, die sich mit einem Hechtsprung hinter einem Grashalm in Sicherheit gebracht hatte, runzelte misstrauisch die Stirn. Gleich packt sie ihn und saugt ihn aus, dachte sie und erschauerte. Sie sah sich nach einer Waffe um, mit der sie die Spinne von Liguster fernhalten und ihn retten könnte, fühlte sich aber gleichzeitig wie gelähmt. Vor Spinnen hatte sie Angst. Eine schreckliche, unkontrollierbare Angst. Sie ekelte sich vor diesen Bestien, mit ihren haarigen Beinen, ihren bösartigen Fallen und ihren tückischen Augen. Als die Spinne sich Liguster weiter näherte, schrie sie entsetzt auf und schloss die Augen. Kurz darauf hörte sie seltsame Laute. Ein Glucksen, Gurgeln, Keuchen. Beim heiligen Heidehügel, saugte sie ihn etwa schon aus?! Vorsichtig spähte sie zu dem Netz hinüber und sah den Zwingelwicht sich inmitten der acht Spinnenbeine winden. Ach, du Große Mutter ... mit dem Funkeln der Fäden vor Augen und dem flötenartigen U-U-U eines Wiedehopfes im Ohr sank Lori zu Boden und in die dunkelste Nacht.

»Lori! Wach doch auf ...«
Wie aus weiter Ferne hörte sie Ligusters Stimme und spürte, wie ihr Körper sanft geschüttelt wurde.
»Wach auf, Lori!«
Ich bin in der Zwischenwelt bei der Großen Mutter, dachte sie, die Augen noch immer fest geschlossen. Erst hat die ekelhafte Spinne sich Li geholt und dann mich. Tragisch, noch bevor wir überhaupt auf die Reise gehen konnten, wurden wir ausgesagt und sind übergegangen. Tja, das war’s dann wohl mit der Welt der Wichte. Sie seufzte leise und verlagerte ihr Gewicht ein wenig, ein Steinchen pikste sie unangenehm in die Seite. Ich hätte gedacht, ohne Körper wäre es doch etwas komfortabler, dachte sie missmutig und beschloss, sich lieber etwas in der Zwischenwelt umzusehen als in dieser unbequemen Position liegenzubleiben. Sie öffnete die Augen und sah direkt vor sich Ligusters Gesicht und dahinter noch etwas anderes, das sich bewegte. Lori kniff die Augen zusammen und kreischte auf. Die Spinne war da! In der Zwischenwelt?
»Lori, jetzt hör doch auf!«
Liguster packte die junge Wichtin bei den Schultern und schüttelte sie energisch.
»Es ist alles in Ordnung! Das Spinnenmännchen hat mich aus dem Netz seiner Frau befreit. Und weißt du was?« Liguster grinste begeistert.
Lori sah ihn mit schreckgeweiteten Augen und starr vor Angst an, ihr Blick pendelte immer wieder zu der achtbeinigen, vieläugigen, giftgefüllten Spinne hinüber. Sie war offensichtlich nicht in die Zwischenwelt übergegangen, Liguster nicht ausgesaugt und mit dem Monstrum hinter sich in bestem Einvernehmen. Sprachlos vor Angst und Ekel schüttelte sie langsam den Kopf.
»Lori, wir haben unser Reittier gefunden.«
Kaum drangen diese Worte in ihr Bewusstsein und sie sah dazu das vergnügte Nicken der Spinne, umfing sie erneut tiefe Dunkelheit.

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