Fortsetzungsroman

Hier findet ihr meinen Fortsetzungsroman über die Abenteuer von Liguster Zwingelwicht. Etwa alle vier Wochen kommt ein neues Kapitel hinzu.

Viel Spaß beim Lesen!

Wünsche und Anregungen zum weiteren Verlauf der Geschichte sind übrigens herzlich willkommen!

Liguster Zwingelwicht

aktuell

8. Kapitel

Erwischt

 

„So, so“, sagte da auf einmal eine Stimme, die klang, als würde ein uralter Baum sprechen. „Es ist also so weit.“

Liguster und Lori fuhren herum und sahen eine alte Wichtin im Eingang stehen. Mit beiden Händen stützte sie sich auf einen knorrigen Stab und fixierte sie mit einem stechenden Blick aus ihren unheimlich hellen Augen.

„Aruna“, stotterte Lori. „Wir haben … wir sind …“

„Still!“, unterbrach die Alte Lori mit ihrer rauchigen Stimme drohend. „Ich weiß, was ihr habt und was ihr seid. Darüber werden wir nach dem Fest mit der Regentin sprechen.“

Liguster straffte unwillkürlich den Rücken und hob trotzig sein Kinn. Es war nicht das erste Mal, dass er bei etwas Verbotenem erwischt wurde und wie immer würde er die Strafe aushalten, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Egal, was diese gruselige Alte sich ausdenken würde, er konnte sich nicht vorstellen, dass sie Malizia in Sachen Bosheit das Wasser reichen konnte. Also erwiderte er ihren Blick mit steinernem Gesichtsausdruck und minutenlang geschah gar nichts, außer dass sie sich schweigend musterten. Er spürte, dass Lori neben ihm immer unruhiger wurde und meinte fast, ihren lauten Herzschlag hören zu können. Doch ihm machte die Situation nichts aus. Er kannte es nicht anders, als in Ungnade gefallen zu sein. Viel mehr als vor diesem ‚Gespräch mit der Regentin‘ graute ihm vor dem, was in der Prophezeiung stand. ‚Goldauge beflüstert‘, ‚auf Bienenpelz fliegt‘ – wer sollte damit anders gemeint sein als er? Und wieso, vertrollt nochmal, stand irgendetwas über ihn auf einer uralten Schriftrolle und das auch noch an einem Ort, an dem er nie zuvor gewesen war? Er würde die Strafe für das unerlaubte Betreten der Bibliothek hinter sich bringen und dann musste er zu Freerk. Der wusste garantiert irgendetwas und konnte ihm vielleicht erklären, was zum großen Mutterbaum hier vor sich ging. Vielleicht konnte sich die Alte jetzt endlich mal rühren und sie einsperren, mit ihrem Stock verprügeln oder was auch immer?! Je eher das hier vorbei war, umso besser. Er spürte es in seinem ganzen Körper: Er musste weg von hier, die Zeit lief. Liguster spannte seine Muskeln noch etwas mehr an. Gleich würde etwas geschehen, das fühlte er. Na los, sollte es doch. Er war auf alles vorbereitet. Doch das, was dann wirklich passierte, damit hätte er nie gerechnet: Die schmalen, von tiefen Falten zerfurchten Lippen der Alten verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln und die stechenden Augen begannen freundlich zu funkeln.

 

„So, du musst also weg von hier und ich bin eine gruselige Alte, was?“ Sie lachte heiser in einer erstaunlich tiefen Stimmlage. „Ja, junger Hoffnungsträger, du musst weg, sehr bald sogar und noch viel weiter weg als du denkst und vielleicht bin ich auch eine gruselige Alte.“ Sie sah ihn mit einem Blick an, der fast fürsorglich wirkte und vollkommen unerwartet irgendetwas tief in seinem Inneren berührte. „Aber vorerst musst du dich ausruhen. Und für dich …“ Aruna wandte sich an die nervös von einem Bein aufs andere tretende Lori, „für dich, Fünfte aus dem Herrscherhaus, gilt das Gleiche.“ Aruna seufzte und schien auf einmal um weitere hundert Jahre gealtert zu sein. „Veralore, bring deinen jungen Freund zu einer der freien Waben und dann leg dich schlafen. Morgen früh wenn der erste Sonnenstrahl auf die Kuppelspitze trifft, erwarte ich euch beide ihm Thronsaal.“

Mit diesen Worten drehte sich die Alte um und schlurfte davon. Kaum war Aruna außer Sicht, warfen sich Lori und Liguster einen kurzen Blick zu und machten beide gleichzeitig den Mund auf, um über die Prophezeiung und Aruna und den nächsten Morgen zu reden, als wie durch Magie ihre Münder wieder zuklappten und sich trotz aller Anstrengungen nicht wieder öffnen ließen.

„Ich habe gesagt, ihr sollt schlafen gehen“, hallte von irgendwoher Arunas knorrige Stimme durch die Luft.

Lori rollte mit den Augen, zuckte mit den Schultern und winkte dann Liguster, der sie mit großen Augen entgeistert anstarrte, hinter sich her.

 

Am nächsten Morgen brauchte Liguster nicht erst geweckt zu werden. Zu seiner Überraschung war er sofort eingeschlafen und noch vor dem ersten Morgengrauen frisch und erholt aufgewacht. Von der Bibliothek aus hatte ihn Lori über einige geschwungene Treppen auf eine zweite Ebene geführt. Einmal rund um das Hügelinnere lief ein breiter Arkadengang mit kunstvollen Verzierungen an den zierlichen Säulen. In regelmäßigen Abständen wurde die von den Blumen bewachsene Hügelwand von sechseckigen wichtgroßen Löchern unterbrochen. Ein feiner Vorhang von hauchzarten und vielfarbig schillernden Pflanzenfäden ergoss sich vor jeder aus den Ranken und schützte den Raum hinter dem Durchgang vor fremden Blicken. Liguster hätte Lori gerne nach all dem hier gefragt. Wie es gebaut worden war, was das für Pflanzen waren und was sich in den Räumen befand. Doch sein Mund ließ sich nach wie vor nicht öffnen. Also war er Lori einfach weiter stumm durch den Arkadengang gefolgt bis sie schließlich abrupt stehengeblieben war und auf die nächste Tür gedeutet hatte. Sie hatte Liguster kurz angesehen, auf ihren Mund gedeutet, abermals mit den Schultern gezuckt und war gegangen.

 

Jetzt würde sie gleich wiederkommen und ihn holen. Und vielleicht würde er dann endlich mehr erfahren. Seit seinem Blickduell mit Aruna und ihrem freundlichen Lächeln fühlte er sich eigenartig zuversichtlich, ja geradezu entspannt. Es würde sich schon alles aufklären. Wozu sich Sorgen machen? Gut gelaunt schwang Liguster seine Beine von der Liege und sah sich neugierig um. Der Raum hatte eine eigenartige Form. Jede Seite der sechseckigen Tür setzte sich nach innen weiter fort. Dadurch waren der Boden und die Decke sehr schmal und die Wände hatten in der Mitte einen Knick nach außen. In einem dieser Knicke war die Liege angebracht und ihr gegenüber befand sich ein schmaler Tisch, auf dem genauso ein matt leuchtender Stein lag wie in der Bibliothek. Was das wohl für ein Stein war? In Gundelfingen hatte er so etwas jedenfalls noch nie zu Gesicht bekommen. Na ja, genauso wie alles andere hier. Liguster stand auf, um den Stein genauer in Augenschein zu nehmen, da klickte es auf einmal leise hinter ihm. Erschrocken fuhr Liguster herum und sah erstaunt, dass sich die bemooste Liege nach unten geklappt hatte und stattdessen eine Art von stabilem Wurzelgeflecht sanft vom oberen Teil der Wand herunterschwang. Was war das? Vorsichtig ging Liguster näher und beugte sich über das seltsame Gebilde, in dem er interessiert unzählige feine Löcher entdeckte. Gerade wollte er sich wieder dem Lichtstein zuwenden, als aus den Löchern auf einmal ein feiner Wassernebel strömte. Erschreckt zuckte er zurück, nur um darauf verzückt still zu halten und das gleichzeitig liebkosende und erfrischende Gefühl des Nebelschleiers auf seiner Haut zu genießen. Beim großen Mutterbaum, das war unglaublich. Nach einiger Zeit hörte die Nebelproduktion wie von selbst auf und er fühlte sich wunderbar wach und erfrischt. Das Moos glitzerte in einem tiefen Grüngold und die Luft schmeckte so sauber und lebendig wie nach einem weichen Sommerregen. Warum hatte er gestern nur gedacht, dass er hier weg musste. Eigentlich war es doch ganz nett hier. Diese – wie hatten sie es noch genannt – Wabe war offensichtlich frei und … In diesem Moment hörte er ein leises Klingen vom Eingang wie wenn man an verschieden straff gespannten Spinnenfäden zupfte.

 „Hallo?“, fragte er und merkte erst da, dass er seinen Mund wieder öffnen konnte.

 „Wir müssen in den Thronsaal“, hörte er die Stimme von Lori, die allerdings alles andere als gut gelaunt klang und ihn kurz darauf genervt zur Eile antrieb.

 

Der Thronsaal befand sich nicht weit von der Bibliothek entfernt in einem eher unscheinbaren Gebäude aus rotem Lehm. Der Grundriss war wie so vieles hier in Solbixgrund sechseckig. Die Wände hatten etwa die fünffache Wichthöhe und im oberen Drittel waren mehrere Reihen sechseckiger Fenster eingelassen, in denen bunte Scheiben saßen. Das Dach war flach und dicht bewachsen mit dem goldenen Moos, das auch den Boden überzog. Wie bei dem Hügeleingang und dem alten Teil der Bibliothek rankten sich auch hier die seltsamen Pflanzen um den Eingang und streckten ihre farbenprächtigen Blütenkelche in alle Richtungen. Liguster fühlte sich von der Nebeldusche noch immer geradezu beschwingt und folgte Lori mit einem breiten Lächeln in das Innere des Gebäudes. Während sie durch einen breiten Gang eilten, von denen links und rechts mehrere Waben abzweigten, rückte er seine rote Mütze gerade und strich seinen Überwurf aus Grashalmen glatt. Lori hatte auf dem ganzen Weg kein Wort gesagt und wirkte furchtbar angespannt. Was sie nur hatte? Nach seinem eigenen kleinen privaten Morgennebel konnte man sich doch einfach nur fantastisch fühlen.

 

„Da seid ihr ja“, hallte ihnen Arunas tiefe entgegen, sobald sie den großen Saal betraten, der von innen weitaus spektakulärer als von außen aussah. Betroffen sah sich Liguster um. Bunte Lichtstrahlen fielen durch die zahlreichen kleinen Fenster in den Raum und erfüllten die Luft mit einem farbigen Schillern. Rings herum an den Wänden standen moosgepolsterte Bänke und ihnen direkt gegenüber drei reich verzierte und bunt bemalte, hohe Stühle. In der Mitte saß eine Wichtin mit Unmengen von gelben Haaren, die sie wild auf ihrem Kopf aufgetürmt hatte und runden, leuchtend gelb glitzernden Wangen. Rechts neben ihr sah Liguster die alte Aruna. Ihr silbern schimmerndes Haar floss glatt an ihr hinunter und bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrem zerfurchten Gesicht. Und ganz links saß ein langer schlaksiger Wichtel mit verstrubbelten honiggelben Haaren und müden Augen, die sich bei ihrem Eintreten liebevoll auf Lori richteten. Liguster ließ seinen Blick einige Mal irritiert zwischen Lori und den beiden gelbhaarigen Heidelingen auf den Stühlen hin und her wandern. Die Ähnlichkeit war offensichtlich und das hieß … ja, das hieß wohl tatsächlich, dass Lori ein Mitglied des Herrscherhauses war. Bisher hatte Liguster jede Andeutung in diese Richtung für sich als blühende Phantasie oder Wichtigtuerei verbucht. Selbst Arunas Anrede „Fünfte aus dem Herrscherhaus“ hatte er nicht ernst genommen, sondern für eine Art spöttische Bemerkung gehalten. Mitglieder eines Herrscherhauses waren doch nicht so wie Lori. Die waren überheblich und vornehm und redeten ganz bestimmt nicht mit einem einfachen Zwingelwicht wie ihm. Automatisch rückte er einen Schritt von Lori ab und warf ihr einen schnellen, befangenen Blick zu.

 „Veralore, Liebes, warum hast du uns nichts von deinem unbekannten Freund erzählt und einfach nach der Prophezeiung gefragt? Du weißt, wie gefährlich die Firnblumen sind!“, sagte die Herrscherin von Solbixgrund trotz ihrer weichen, melodischen Stimme in einem äußerst vorwurfsvollen Ton.

Lori zuckte mit den Schultern und sah trotzig auf den Boden. Ihre Mutter seufzte. „Immer musst du den schwierigen Weg wählen. Nie ist dir etwas aufregend genug und ständig gehst du unnötige Risiken ein. Am liebsten würde ich dich gar nicht gehen lassen.“

Jetzt schnellte Loris Blick nach oben. „Gehen lassen?“, fragte sie misstrauisch. „Wieso gehen lassen?“

Ihre Mutter seufzte noch einmal und lächelte sie traurig an. Dann sah sie zu Liguster: „Ich bin Myrrha Bixgrund, zehnte Regentin von Solbixgrund und Bewahrerin des alten Wissens. Im Namen aller Heidelinge heiße ich dich, Fremdling, in unserer Mitte willkommen, auch wenn der Einbruch in unsere geheime Bibliothek in unserer höchsten Festnacht alles andere als einen guten ersten Eindruck gemacht hat.“ Sie warf Liguster einen strengen Blick zu und fuhr fort: „Allerdings haben dich die Firnblumen hineingelassen und auch Aruna scheint nicht den geringsten Zweifel daran zu haben, dass du der Eine bist. Und dass du zusammen mit der Fünften aus dem Herrscherhaus aufgetaucht ist, spricht ebenso dafür. Also …“ Myrrha klatschte in die Hände und sagte mit einem gezwungenen Lächeln: „Fleißig, fleißig wie die Bienen. Wir haben viel zu tun. Ihr müsst innerhalb des nächsten Mondlaufs abreisen und bis dahin auf alles vorbereitet sein.“

 

 

 

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Liguster Zwingelwicht von Anfang an lesen

1. Kapitel

Liguster

Sein Name war Liguster. Er hasste diesen Namen. Liguster! Was war das nur für ein dämlicher Name! In der Sprache der Zwingelwichte hieß das soviel wie Schreihals. Toll. Wer hieß schon gerne Schreihals!? Konnte er nicht einfach einen unaufälligen Allerweltsnamen haben wie Boblom oder Rübilas? Nein, natürlich nicht. Die schönen Namen waren ja den Wichten vorbehalten, die von ihren Eltern geliebt wurden. Etwas, das bei ihm schon alleine deswegen nicht möglich war, weil er gar keine Eltern hatte. Vor fast sechzehn Jahren war er mitten in der Nacht als nacktes, vollkommen unterkühltes und wie am Spieß schreiendes Baby von zwei betrunkenen Idioten unter einem Farnblatt gefunden worden, auf halber Strecke zwischen der etwas zwielichtigen Waldspelunke "Zum Fliegenpilz" und den Toren der Stadt. Immerhin waren die Typen noch klar genug im Kopf gewesen, um ihn direkt im Findelkindheim abzugeben. Und dabei hatten sie es offensichtlich sehr lustig gefunden, steif und fest zu behaupten, er heiße Liguster. Der Trottel im Nachtdienst wiederum hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als den Namen tatsächlich in die Aufnahmepapiere zu schreiben und damit offiziell seinen Status als allgemein anerkannte Lachnummer zu besiegeln.

 Liguster kickte wütend einen Kiesel zur Seite und folgte weiter der Ameisenstraße zurück zur Stadt. Wenn er zu spät zum Aufräumdienst kam, würde er wieder kein Abendessen bekommen. Auch so konnte er sich schon auf eine Strafe gefasst machen. Denn sein blaues Auge und die aufgeplatzte Lippen in seinem Gesicht belegten nur allzu deutlich, dass er sich mal wieder geprügelt hatte. Und garantiert hatten ihn die anderen Findel längst verpetzt. Dabei hatte er sich nur verteidigt. Wie immer. Als er daran dachte, dass die vier Wichte, die ihn angegriffen hatten, deutlich schlimmer aussahen als er, zog sich dennoch ein stolzes Grinsen über sein Gesicht. Niemals würde er sich von denen unterkriegen lassen, von Lysopril und seinen Schatten. Dann war er eben Liguster, der Schreihals, Liguster, der Außenseiter, Liguster, der schwierige Junge ohne Freunde. Er reckte trotzig sein Kinn nach vorne. Er wollte auch gar nicht dazu gehören. Wer brauchte schon Freunde! Abermals holte er mit dem Bein weit aus, um einen Kieselstein so weit wie möglich in den Wald zu schießen, als er sanft in den Rücken gestubst wurde. Reflexartig ballte Liguster seine Faust und schnellte herum. Doch als er erkannte, wer da vor ihm stand, entspannte er sich sofort wieder. Es war nur eine Kundschafter-Ameise, der er jetzt Aug in Aug gegenüberstand. Welche es war, wusste er nicht. Er konnte die einzelnen Ameisen nicht auseinanderhalten. Und selbst, wenn er es gekonnt hätte, hätte er sich unmöglich so viele Namen merken können. Hatten sie überhaupt Namen? Liguster runzelte nachdenklich die Stirn. Er war sich nicht einmal sicher, ob die Ameisen selbst irgendwelche Unterschiede zwischen sich machten, zumindest wenn sie zu einer Einheit gehörten. Vielleicht teilten sie sich ja sogar ein Bewusstein, als wären sie ein einziger Geist verteilt auf Abertausende von Körpern. Die Ameise tippte ihn erneut an und neigte fragend den Kopf. Normalerweise mochten die Ameisen die Zwingelwichte nicht allzu gerne und erst recht wollten sie von ihnen nicht geritten werden. Aber bei Liguster machten sie aus irgendeinem Grund eine Ausnahme. Die Ameise knickte ihre vorderen Beine ein und Liguster schwang sich lächelnd auf ihren Rücken. Dabei achtete er darauf, mit seinen Beinen nicht die seitlichen Atemlöcher am Brustpanzer der Ameise zu verdecken. Immerhin mochten ihn die Ameisen und die anderen Tiere im Wald. Wozu  brauchte er schon Freunde unter den Zwingelwichten! Sobald er Sechzehn und damit volljährig war, würde er die Stadt verlassen und alleine im Wald leben. Dort würde er zwischen Asseln, Käfern, Füßlern, Ameisen und Schnecken viel weniger einsam sein als unter seinesgleichen in der Stadt. Nur noch genau 21 Tage, dann konnte er gehen, wohin er wollte. Liguster passte sich dem ruckelnden Gang der Ameise an und genoss den pfeilschnellen Ritt durch den Wald. Um ihn herum ragten die Grashalme hoch und schwankend in die Luft und dicke dunkelgrüne Polster lagerten sich um Baumwurzeln und Stämme. Weit, weit darüber formten die riesigen Bäume ein grünes Dach, durch das vereinzelte Sonnenstrahlen wie goldgelbe Glaslanzen hindurchstachen. Sie malten gelbe Kreise auf den Waldboden und ließen die Pollen, die wie riesige Fallschirme durch die Luft taumelten, geheimnisvoll funkeln. Der Wald schillerte in unzähligen Grün-, Braun- und Gelbtönen und die Luft roch frisch und klar. Nur noch 21 Tage und er konnte für immer hier draußen bleiben!

 Wenige Minuten später sah Liguster die große Eiche vor sich, in der sich seine Heimatstadt Gundelfingen verbarg. Er stieg vom Rücken der Ameise, ließ sich lächelnd von ihr mit den Fühlern übers Gesicht schnuppern und tätschelte ihr freundlich den Kopf. Kurz danach trat er durch das Stadttor und ließ seinen Blick nach oben über die vielen Ebenen der Stadt schweifen. Obwohl der Baum lebendig war und seine Äste in üppig grünem Blätterkleid dem Himmel entgegenreckte, war sein hohles Innere von vielen Reihen verschiedenfarbiger Pilze bedeckt, in denen die Zwingelwichte lebten. Dazwischen zogen sich Stege und Brücken und sogar ganze Plätze durch den Baum, über die sich Hunderte von Wichten schoben und drängelten. Liguster seufzte auf und marschierte nach kurzem Zögern los.

 

"Liguster Zwingelwicht!" traf ihn die keifende Stimme von Malizia Gundelgroß, kaum hatte er den Sammelpunkt für den Aufräumdienst erreicht. Die Leiterin des Findelkindheims war für eine Zwingelwichtin erstaunlich groß und hatte sich daher schon früh angewöhnt, leicht gebückt zu gehen, um nicht allzu sehr aufzufallen. Sie war eine geborene Gundelgroß und gehörte damit zu den fünf mächtigen Familien der Zwingelwichte. Jede Familie regierte eine der fünf großen Waldstädte. Die Gundelgroß hatten natürlich in Gundelfingen das Sagen, die Lifflanns in Liffstadt, die Falkinwolds in Falkfels, die Weselduks in Weselin und die Solbodix in Solbixgrund. Normalweise wäre die Leitung eines Findelkindheims unter der Würde für ein Mitglied einer Herrscherfamilie gewesen. Aber Malizia Gundelgroß war einfach irgendwie... übrig geblieben. Es hatte sie niemand heiraten wollen, sie verfügte über keine besonderen Talente und ihr Charakter war ebenso unangenehm wie ihr Anblick. Und so dachte sich wohl ein besonders boshaftes Familienmitglied, dass Malizia am besten da aufgehoben wäre, wo auch die anderen Zwingelwichte landeten, die niemand wollte, im Findelkindheim. Bei dieser Entscheidung hatte das boshafte Familienmitglied ganzs bestimmt nicht an die Findelwichte gedacht, die ganz ohne Eltern und Familie aufwachsen mussten und daher eigentlich eine extra Portion an Herzlichkeit und Fürsorge gebraucht hätten. Aber es hatte ja auch nie jemand behauptet, dass man besonders nett oder weise sein musste, um mächtig zu sein.

 "Liguster Zwingelwicht!", zeterte Malizia gleich noch einmal und betonte damit vor allen Leuten in Hörweite, dass er ein Wicht ohne Familie war. Denn nur die Findel trugen den Nachnamen Zwingelwicht. Liguster seufzte. Was jetzt kommen würde, war ihm nur allzu bekannt. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Lysopril und seine idiotischen Freunde schadenfroh grinsten. Diese Feigwichte. Er wandte sich ihnen zu und tippte sich kurz demonstrativ auf den Arm. Dann zeigte er zu Lysopril hinüber, dessen Arm in einer Schlinge hing und formte mit seinen Lippen ein übertrieben bedauerndes stummes "Ohhhh". Lysopril funkelte ihn wütend an und Liguster verzog sein Gesicht zu einem breiten Lächeln.

 "Was gibt es da zu grinsen, du missratenes Exemplar von einem Zwingelwicht! Kein Wunder, dass dich deine Eltern nicht haben wollten. Wahrscheinlich haben sie sofort geahnt, was für ein ungehobelter und ungehorsamer Wicht du werden würdest." Malizia sah ihn mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck und unverhohlener Abscheu in den Augen an. Liguster blickte starr zurück. Wenn er jetzt auch nur den kleinsten Mucks von sich gab oder sein Gesicht in irgendeiner Weise für sich sprechen ließ, würde die Strafe nur umso schlimmer ausfallen. Und einen weiteren Abend ohne Essen konnte er sich wirklich nicht erlauben, wenn er weiter in Lage sein wollte, sich zu verteidigen.

 "Du bist trotz mehrfacher Verwarnung und ganz ohne Veranlassung auf deine Mitfindel losgegangen, du scheußlicher Grobian." Malizia schnaufte empört, als wären die Prellungen und Verletzungen von Lysopril und seinen Freunden ein persönlicher Affront gegen sie. "Zur Strafe wirst du im Anschluss an den Aufräumdienst in die Asselhöhlen gehen." Liguster blickte Malizia ohne Regung an. Zum Glück wusste die alte Hexe nicht, dass es ihm nicht das Geringste ausmachte, bei den Asseln zu sein und ihm auch körperliche Arbeit kaum etwas ausmachte. Hauptsache, er hatte seine Ruhe vor den anderen Findelwichten. Doch irgendwie schien sie etwas zu ahnen. Denn nach einem kurzen prüfenden Blick auf ihn, ergänzte sie in einem fast triumphierenden Tonfall: "Aber vorher wirst du alle Findel, die du so heimtückisch angegriffen hast, beim Abendessen als ihr persönlicher Mundschenk bedienen."

Liguster zuckte unwillkürlich zusammen, was Malizia mit einem befriedigten Nicken zur Kenntnis nahm. Dann teilte sie die Aufräumgruppen ein ohne ihn weiter zu beachten und wies den Gruppen die entsprechenden Ebenen zu. Wie immer wollte niemand mit Liguster zusammenarbeiten. Deswegen wurde er alleine losgeschickt und zwar wieder einmal in die unterste Ebene, wo es am Dreckigsten und Vollsten war. Seufzend nahm Liguster die Walnusskarre und schob sie durch die Wichtelmenge, um liegengebliebenen Zeitungsblätter, Essensreste und anderen Müll aufzusammeln. Ständig wurde er angerempelt, geschubst und beschimpft. Aber das kannte er schon. Er presste fest seine Zähne aufeinander, reckte sein Kinn nach vorne und konzentrierte sich fest auf die Zahl 21.

 

 

 

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2. Kapitel

Die Asselhöhle

Die Asselhöhle war eigentlich gar keine richtige Höhle, sondern ein riesiger toter Baumstamm, der über viele Jahre hinweg von Tausenden von Asseln grottenartig ausgehöhlt worden war. Die Asseln fraßen das Holz, verdauten es, fraßen es nochmal, verdauten es, fraßen es nochmal, verdauten es und so weiter. Dadurch entstand eine wunderbar feine, fruchtbare Erde. Die meisten Zwingelwichte fanden diese Art der Erdherstellung ziemlich abstoßend, obwohl ständig ein großes Blabla von wegen Einheit mit der Natur gemacht wurde. Aber Liguster war das egal. Er mochte die Asseln mit ihren mattgrau schimmernden Rüstungen und ihren Antennen am Kopf. Bei seinen heimlichen Ausflügen in den Wald hatte er viel Zeit mit ihnen verbracht. Deswegen wusste er, dass sie wie Fische durch Kiemen atmen konnten, obwohl sie an Land lebten. Damit das funktionierte leiteten sie jeden Wassertropfen durch spezielle Rinnen in ihrem Panzer direkt zu den Kiemen an ihrem Hinterleib hin. Liguster fand das witzig. Als wären Sie sowas wie Landtaucher in einem vierzehnbeinigen Tauchanzug. Reichte das nicht, pumpten sie mit ihrem Hinterleib Luft in ihre Behelfslungen an den Hinterbeinen. Auf und ab, auf und ab - wie ein kleiner Blasebalg. Am besten fand er aber, wie sie ihre Eier ausbrüteten. Anstatt dazu ins Wasser zu gehen, trugen sie einfach einen wassergefüllten Beutel unter dem Bauch mit sich rum. Liguster klopfte einer vorbeieilenden Assel freundlich auf den Panzer, stieß die Schaufel kräftig in den lockeren Humus und lud seine Eichelhutkarre randvoll. Dann machte er sich auf den Weg zurück zum Mutterbaum. Die riesige hohle Eiche und die inneren Gartenebenen mussten regelmäßig mit frischem, nährstoffreichem Humus versorgt werden, um gesund und stark zu bleiben. Und weil es ohne Eiche kein Gundelfingen gab, hatte die Baumpflege höchste Priorität.


Liguster brauchte fast zwanzig Minuten zurück nach Gundelfingen. Unterwegs kamen ihm laufend andere Wichte mit leeren Karren und missmutigen Gesichtern entgegen. Sie waren wie er mit dem Asselhöhlen-Dienst bestraft worden, wahrscheinlich, weil irgendeine Kleinigkeit, die sie getan hatten, einem Mitglied der Gundelgroß-Familie missfallen hatte. Dabei gingen die Herrscher ziemlich willkürlich vor. Hauptsache, es waren stets genügend Wichte im Asselhöhlen-Dienst, um den Baum gesund zu erhalten. Freiwillig übernahm nämlich keiner der faulen Wichte irgendeine Arbeit, erst recht nicht bei der Asselhöhle.  Eine anderen Zwangsarbeit fand weit oben über ihren Köpfen statt. Dort wurden die Blätter der Eiche geputzt, von Pilzsporen befreit und Schädlinge vertrieben. Die Rinde wurde auf Verletzungen überprüft und bei Bedarf verarztet. Obwohl das Arbeitssystem der Zwingelwichte nicht besonders gerecht war, stellte es niemand in Frage. Vielleicht außer den Wichten, die das Pech hatten, besonders oft zum Strafdienst abkommandiert zu werden. Er hatte gehört, dass das in der Nähe des nächsten Thronfolgers, Trumpert Gundelgroß, besonders häufig geschah. Gehörte man nicht zu seinen frenetischen Anhängern oder zeigte auch nur das geringste Grinsen angesichts seiner seltsamen gelb-weißen Frisur, schon war man für den Strafdienst eingeteilt. Gerüchten zufolge war Trumpert von Geburt an glatzköpfig und hatte sich diese merkwürdige Haarwelle von Weberameisen als eine Art Haarersatz und Krone in einem anfertigen lassen. Zwingelwichte waren eben genauso eitel wie faul, launenhaft und schadenfroh. Außerdem liebten sie die Pflanzenwelt und konnten beim Anblick farbenprächtiger Waldblumen in einen geradezu andächtigen Zustand der Verzückung versinken. Sie waren abenteuerlustig und mutig, ritten Schmetterlingsrodeos und wetteten auf Rothirsch-Kämpfe. Zwingelwichte waren die besten Hirschkäfer-Surfer weit und breit, dirigierten unvergessliche Singvogel-Konzerte und veranstalteten nachts im Mondschein spektakuläre Tänze. Na ja, jedenfalls die anderen Zwingelwichte taten das. 


Liguster war mittlerweile am Mutterbaum angekommen und schob die Karre durch das Stadttor auf den Seilzug zu. Seine Ladung war für die oberste Gartenebene bestimmt. Liguster lud den Humus in einen Samenkapseleimer um und begann kräftig zu ziehen. Dabei richtete er den Blick nach oben und verfolgte den schwankenden Aufstieg des Eimers. So sehr er sich danach sehnte, endlich hier wegzukommen, war er doch immer wieder von dem Anblick überwältigt. Ebene um Ebene wand sich Gundelfingen in Spiralen nach oben. Pilze in allen Formen und Größen reihten sich dicht an dicht in den Wohnebenen aneinander. Davor zogen sich Wege, Brücken und Plätze aus geflochtenem Gras und Ästen. Durch die Astlöcher fielen dicke Lichtbündel in den Stamm und tauchten die Veilchen und Erdbeeren, den Klee, den Sauerampfer und Löwenzahn der Gartenebenen in das rotgelbe Licht der Abendsonne. Dabei gab es in Gundelfingen - warum auch immer - keine Jahreszeiten und keinen Verfall. Irgendein ein seltsames Zwingelwicht-Ding machte irgendwas mit der Zeit im Inneren des Baums. Liguster sah auf den Eimer, der gerade die Ebene des Findelkindheims passierte. Wütend dachte er an das Abendessen zurück. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatten sich die Blödwichte von ihm von vorn bis hinten bedienen lassen, ihn dabei mit hämischen Kommentaren überschüttet und jedes Mal, wenn Malizia gerade nicht hinschaute, geschubst oder ihm ein Bein gestellt. Da war ihm das Erdschaufeln bei den Asseln deutlich lieber. Liguster zog weiter kräftig am Seil und endlich war der schwere Eimer ganz oben angekommen. Er griff nach dem Band für die oberste Ebene und zog kräftig dran. Auf der Gartenebene wurde jetzt der Eimer ausgekippt und auf die andere Seite des Seilzugs transportiert.


Zwanzig Minuten später war Liguster wieder an der Asselhöhle angelangt. In der feuchten Erde neben dem toten Baumstamm wuchsen breite Teppiche von Lebermoos. Die fleischigen, dunkelgrünen Blätter glänzten leicht in der Abendsonne und die Sporenstengel mit ihren dicken Köpfen ragten wie kurvige hellgrüne Säulen in die Luft. Liguster blickte sich zufrieden um, atmete den Geruch nach feuchter Erde und altem Holz ein und griff nach einer Schaufel. Gerade als er sie in die lockere Erde sroßen wollte, erklang ein lautes Warnsignal. Kurz darauf hörte er mehrere Wichte durcheinander schreien: "Kröte, Achtung, Kröte!" Um ihn herum begann ein wildes Herumgerenne. Hektisch brachten sich die Wichte in Sicherheit, sprangen unter die Blätter des Lebermooses, krochen in die schmalen Risse des Totholzes. Und da sah Liguster das riesige Tier auch schon gemächlich auf die Asselhöhle zukriechen. Ohne zu zögern, öffnete der braune Gigant sein schmallippiges Maul und ließ seine  dicke, fleischige Zunge herausschnellen, mitten in eine Ansammlung von Asseln hinein. Panisch ruderten die Asseln mit ihren vielen Beinchen, bevor sie mit einem schmatzenden Laut im Maul der Kröte verschwanden. Liguster war einen Augenblick lang wie erstarrt und beobachtete, wie Zwingelwichte und Asseln gleichermaßen versuchten, der klebrigen Krötenzunge zu entkommen. Zwar fraß normalerweise kein Tier freiwillig Zwingelwichte, aber im Eifer des Gefechts geschahen immer wieder Unfälle. Es war also kein Wunder, dass auch die Zwingelwichte panisch die Flucht ergriffen. Die Kröte wuchtete ihren massigen Leib noch weiter in die Höhle hinein. Ein Zittern lief durch ihr weiches Fleisch und brachte die dicken giftgefüllten Warzen zum Beben. Liguster sah kurz zu den Asseln hinüber, die kopflos durcheinander wuselten und lief dann einem Impuls folgend direkt auf die Kröte zu. Er konnte einfach nicht dabei zusehen, wie sie alle aufgefressen wurden. Liguster stellte sich direkt vor das riesige Auge der Kröte, in dem die tiefschwarze Pupille wie ein dicker Balken  in flüssigem Bernstein schwamm. "Komm, mein Freund", sagte Liguster. "Wir gehen woanders hin." Dann sprang er mit einigen Sätzen auf den Kopf der Kröte. Dabei achtete er darauf, nicht aus Versehen, eine der giftigen Warzendrüsen zu berühren. Oben angekommen, klopfte er der Kröte sanft auf die rechte Seite. Liguster hielt den Atem an. Würde es klappen? Bisher hatten die Tiere irgendwie von selbst meist das getan, was er sich wünschte. Aber bewusst hatte er es noch nie versucht, erst recht nicht bei einem so großen Tier. Doch nach einem kurzen Zögern drehte sich der dicke Froschlurch schwerfällig um und kroch davon. Liguster lenkte sie mit vorsichtigen Klapsen durch den Wald. Er wusste, dass er sie nicht davon abbringen konnte, Lebewesen zu fressen, aber er wollte zumindest nicht dabei zusehen. Als sie nahe am Khadija-Moor angekommen waren, sprang er ab, dankte der Kröte noch einmal und lief so schnell wie möglich zurück zur Asselhöhle.


Als er dort ankam, war die Sonne schon untergegangen. Trotzdem herrschte noch reger Betrieb und Liguster sah die anderen Zwingelwichte in Gruppen zusammenstehen und aufgeregt miteinander reden. Er musste noch seine letzte Fuhre zu Ende bringen, sonst würde er Ärger mit Malizia bekommen. Mal wieder. Also begann er damit die Nusskarre vollzuschaufeln. Doch als er die Karre anhob und sie in Richtung Mutterbaum schob, fiel ihm plötzlich auf, dass es totenstill geworden war. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Irritiert ließ er kurz seinen Blick schweifen. Als niemand etwas sagte, zuckte er mit seinen Schultern und marschierte einfach los. Doch kaum näherte er sich den anderen Zwingelwichten, wichen sie ängstlich einige Schritte zurück. Liguster seufzte. Na toll. Jetzt war er auch noch Liguster, der gruselige Krötenflüsterer. Als würde sein bescheuerter Name allein nicht reichen. Als wäre es nicht genug, dass er mit seinem schmaleren Gesicht, seiner eher spitzen als flachen Nase und  den großen grüngolden gesprenkelten Augen auffällig anders aussah. Nein, er musste sich mit seiner unüberlegten Kröten-Aktion auch noch selbst zum absoluten Freak abstempeln. Ach was soll's. Noch 21 Tage, dachte er, packte die Griffe der Karre so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten und schob sie an den anderen Wichten vorbei zielstrebig nach Gundelfingen. 

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Liguster: eine Skizze

Ich hab' meinen Liguster mal skizziert... (ihr seht hier drei Bearbeitungsstufen). So in etwa stelle ich ihn mir vor (natürlich in gaaanz klein):

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3. Kapitel

Abschied aus Gundelfingen

"Eigentlich hast du das ja nicht verdient, du ungehobelter Findelwicht", keifte Malizia Gundelgruß und reichte Liguster widerwillig einen roten Zwingelhut. "Aber wenigstens bin ich dich Grobian dann endlich los. Räum nach dem Frühstück deinen Korb aus und hinterlasse dein Bett in einem ordentlichen Zustand." Es sah aus, als würde es sie eine große Überwindung kosten, als sie schließlich noch den traditionellen Zwingelwichtgruß zur Feier des sechzehnten Lebensjahres herauspresste:


Mögest du unter deinen Füßen immer fruchtbares Schwarz,
vor deiner Nase frisches Grün
und über deiner Mütze wärmendes Gelb spüren.
Mögen deine Sinne stets wachsam
dein Herz mutig
und deine Gedanken fröhlich sein.
Möge dich der Segen deines Volkes begleiten
wo auch immer der Wald dich hinführe
und was auch immer dir im Forst begegne

Elaū keleñadí

 

Liguster neigte mit ernstem Gesicht den Kopf und erwiderte den rituellen Wunsch für eine gute Reise: "Elaū keleñadí." Dann nahm er die Mütze entgegen und verließ, ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Frühstücksraum. Auf dem Weg in den Schlafsaal hielt er den Blick gesenkt. Es gab hier im Heim niemanden, den er vermissen würde und von dem er sich verabschieden wollte. Deswegen war er auch sehr erleichtert, als er registrierte, dass sich niemand sonst im Schlafraum aufhielt. An seiner schmalen Pritsche angekommen, strich er seine dünne Bettdecke glatt, nahm seine grüne Mütze vom Kopf und legte sie auf dem Bett ab. Dann setzte er sich seinen neuen roten Hut auf und rückte ihn sorgsam zurecht. Der rote Zwingelhut berechtigte ihn, ohne Aufsicht Gundelfingen zu verlassen und zeigte an, dass er ab jetzt für sich alleine die Verantwortung trug. Endlich konnte er hier weg, ohne dass ihn irgendein Zwingelwicht wieder zurück in die Stadt schleifen und Malizia ihn für seinen unerlaubten Ausflug bestrafen würde. Liguster bückte sich. Obwohl er wusste, dass sich nichts darin befand, zog er noch einmal den Korb unter dem Bett hervor. Erstaunt riss er die Augen auf. Was war das? Wie kam das in seinen Korb? Zögernd streckte Liguster seine Hand aus und strich ehrfürchtig über den fein gewebten Stoff. Vor ihm lag eine grün-goldene Tasche mit einem kunstvoll geflochtenen Schultergurt aus Schilfgras. Der Verschluss war aus einem Holz geschnitzt, das er noch nie zuvor gesehen hatte und auf der Vorderseite war mit zierlichen Stichen und goldenem Faden das Bild einer Kröte gestickt. So etwas Schönes hatte er bisher noch nicht einmal von Weitem gesehen. Wo zum großen Mutterbaum nochmal kam die Tasche her? Verwirrt nahm Liguster die Tasche in die Hand und öffnete sie. Nacheinander räumte er ein kleines Messer aus geschliffenem Stein, eine Spule mit Spinnenfaden, zwei Feuersteine und ein zusammengerolltes, helles Blatt auf das Bett. Er verstand nicht, was hier los war und schüttelte irritiert den Kopf. Als er das Blatt auseinanderrollte, sah er auf eine detaillierte Karte, auf der der Wald mit allen fünf Zwingelwicht-Städten, das Khadija-Moor im Norden, die Dünen-Heide im Süden, der Rosen-See im Westen und die Nebel-Berge im Osten verzeichnet waren. Fassungslos starrte Liguster auf die Karte und die anderen Utensilien. Das war fantastisch und würde ihm sein Leben außerhalb von Gundelfingen so viel einfacher machen. Wer nur meinte es so gut mit ihm? Und warum hatte er bisher noch nie etwas davon zu spüren bekommen? Hatte das etwas mit dem Kröten-Angriff zu tun? Warum sonst sollte ein Kröten-Bild auf der Tasche sein? Wollte ihm auf diese Weise jemand danken, dass er die Kröte weggeführt hatte? Liguster schwirrte der Kopf vor lauter Fragen. Doch er hatte keine Zeit, sich näher mit ihnen zu befassen. Denn in diesem Moment hörte Liguster, wie sich Schritte näherten.

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4. Kapitel

Wer bist du und was machst du hier?

Auf seinen heimlichen Ausflügen war Liguster bisher nie besonders weit gekommen. Daher hatte er zunächst eigentlich überhaupt keine Ahnung, wohin er gehen sollte. Bis ihm die Karte in seiner mysteriösen neuen Tasche einfiel. Er sah sie sich lange und gründlich an. Und irgendwann, als ihm wiederholt aufgefallen war, dass er automatisch immer wieder auf die gleiche Stelle der Karte schaute, war ihm klar, wohin ihn seine Schritte lenken würden.

 

Natürlich wollte er im Wald bleiben. Schließlich war er trotz aller Andersartigkeit doch noch ein Zwingelwicht. Und Zwingelwichte lebten nun einmal im Wald. Sie konnten nicht ohne den Wald und der Wald konnte nicht ohne sie. Alles hing irgendwie zusammen. Dennoch hatte es ihm die Dünen-Heide irgendwie angetan. Dort am Waldrand würde er sich erstmal einrichten. Es musste unglaublich sein, die purpurne Heideblüte zu sehen, die hügelige Landschaft und den unverstellten Horizont. Horizont... das Wort hatte er im Findelheim mal aufgeschnappt und er wusste, dass man ihn nur dort sehen konnte, wo nichts die Sicht behinderte. Vorstellen konnte er es sich trotzdem nicht. Wie mochte so ein Horizont wohl aussehen? Nach Süden musste er. Soviel war klar. Doch auf einen tage- oder sogar wochenlangen Fußmarsch hatte er nicht die geringste Lust. Nachdenklich sah Liguster sich um. War nicht vielleicht eine Ameise in der Nähe, die ihn ein Stück weit mit sich nehmen konnte? Die Sonne stand noch niedrig am Himmel und er saß in einer von Löwenzahnpollen weich gepolsterten Vertiefung an einer mächtigen Baumwurzel. Hier hatte er die letzte Nacht verbracht und im dem Lichtschein, den ihm ein Glühwürmchen freundlicherweise gespendet hatte, die Karte studiert.

 

Als Liguster sich endlich aufraffen konnte, hatte sich die Sonne schon ein deutliches Stück weiter bewegt und tastete mit ihren wärmenden Strahlen zärtlich über den Waldboden. Liguster seufzte, streckte sich, hängte sich seine neue Tasche um und wollte gerade den ersten Schritt machen, als sich mit donnerndem Getöse eine Biene ankündigte. Liguster sah sich suchend um und wurde dann auf einmal von einem kräftigen Windstoß fast von den Füßen gefegt. Mit einem eleganten Manöver landete unmittelbar vor ihm eine schlanke Honigbiene. Sie entrollte einmal ihren Saugrüssel, spreizte ihre Beine kurz von sich als würde sie sich strecken und sah Liguster dann abwartend an. Ja, sie sah ihn aus ihren riesigen Facettenaugen tatsächlich an. Das klang nicht nur seltsam, das war seltsam. Außerordentlich seltsam! Seit wann, zum großen Mutterbaum nochmal, hatten Honigbienen und Zwingelwichte irgendetwas miteinander zu tun? Und um das Ganze noch eine Spur abgedrehter zu machen, war sich Liguster aus irgendeinem Grund vollkommen sicher, dass die Biene ihn gerade dazu einlud, mit ihr zu fliegen. Verwirrt schüttelte Liguster den Kopf und machte zögerlich einen Schritt auf die Biene zu. Das ging doch alles nicht mit rechten Dingen zu! Doch, wenn die Biene tatsächlich bereit war, ihn mitzunehmen, wer war er, sich darüber zu beschweren? Er würde noch heute am Waldrand ankommen und sich ein neues Zuhause suchen können.

 

Nachdem er seine Scheu überwunden und die Biene einmal kräftig duch ihren Brustpelz gekrault hatte, sprang er kurzentschlossen auf ihren Rücken und hielt sich fest. Und das keine Sekunde zu früh. Denn ohne, dass er auch nur ein Wort gesagt hätte, erhob sich die Biene schwankend in die Luft und wandte sich mit einem mächtigen Luftzug und Gebrumm in Richtung Süden. Pfeilschnell tanzte die Biene in ihrem eigentümlichen Flugstil zwischen den Baumstämmen hindurch. Liguster brauchte eine Weile, bis er das Gefühl der Übelkeit im Griff hatte und die Augen öffnen konnte. Doch von diesem Moment an genoss er den Flug in vollen Zügen. Er sah den Wald aus einer ganz neuen Perspektive. Statt wie so sonst in der untersteten Waldetage war er auf einmal auf mittlerer Höhe und entdeckte jede Sekunde etwas Neues. Fast war Liguster enttäuscht, als er bemerkte, dass sich die Baumstämme lichteten und immer häufiger sandige Flächen zwischen den Graspolstern hervorblitzten. Er war wohl fast am Ziel.

 

Schließlich war es soweit. Vor ihm, untermalt von dem dramatischen Brummen der Biene, breitete sich die Dünen-Heide aus. Liguster hatte das Gefühl, dass sich seine Augen erst an den Eindruck von Weite und Helligkeit gewöhnen mussten und im Moment noch vollkommen überfordert von den ganzen Eindrücken waren. Er sah alles und doch gar nichts. Sandfarbene Hügel zogen sich über eine scheinbar endlose Fläche, unterbrochen von blaugrünen Büschen, die sich wie spitze Säulen in den Himmel streckten. Heideflächen, die vereinzelt in tiefem Purpurrot leuchteten und trockenes Gras verschwammen zu einem verwischten Bild voller bunter Tupfen. War das der Horizont? Langsam sank die Biene Richtung Boden. Mit einem leichten Federn setzte sie auf und hielt still. Die plötzliche Ruhe tat Liguster fast in den Ohren weh und er fühlte sich seltsam schwindelig. Mühsam und mit steifen, verkrampften Gliedern ließ er sich vom Rücken der Biene gleiten und stakste einige Schritte weit, um ihr in die Augen schauen zu können. Mit einem ernsten Gesichtsausdruck verneigte er sich vor ihr und sagte dann: "Ich danke dir für deine Hilfe. Es war mir eine Ehre, mit dir fliegen zu dürfen. Elau kalenadi." Dann fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu: "Das war echt der Wahnsinn, Biene!" Obwohl die Biene gar keinen Mund hatte, sah es aus als würde sie lächeln, bevor sie ihre Flügel wieder in Bewegung setzte und mit einem ohrenbetäubenden Brummen wieder davonflog.

 

Da war er also. Mit einem leichten Anflug von Unbehagen schaute sich Liguster um. Wie er es sich seit Jahren erträumt hatte, war er endlich weg von Gundelfingen und ganz alleine. Fröstelnd rieb sich Liguster über seine Arme. Was nun? Er musste sich einen Unterschlupf für die Nacht suchen. Die Sonne stand schon ziemlich tief und er war von dem langen Flug total erschöpft. Wie still es auf einmal war. Ungewöhnlich still für einen Wald, der niemals schlief. Zögernd setzte er sich in Bewegung und ließ dabei seinen Blick schweifen. Und auf einmal sah er es. Sein Zuhause. Nur durch Zufall. Weil die Sonne gerade in einem bestimmten Winkel auf den Baum schien und ein Luftzug das Farnblatt zur Seite wehte, hatte er es gesehen. Es war die letzte Eiche vor der Heidelandschaft. Im Schatten des üppigen Blätterdachs waren die Baumwurzeln mit dunkelgrünem Moos überwuchert und von filigranen Farnpflanzen und sattgrünem Sauerampfer umstellt. Eine Bauwurzel ragte weit hoch an den Stamm des Baumes und am Ende der Wurzel sah Liguster eine Höhle, umrankt von weiß blühenden Walderdbeeren mit einer Menge roter Früchte. Nachdem Liguster sein neues Zuhause eine Weile aus der Ferne bewundert hatte, sprang er die Baumwurzel hinauf, tauchte hinter den Farnvorhang und inspizierte die Wohnung. Weiches Moos polsterte sie komplett aus und durch einen Riss in der Rinde drang das rote Licht der untergehenden Sonne hinein. Liguster trat wieder hinaus, pflückte sich eine Erdbeere und setzte sich damit auf die Baumwurzel, um dem Sonnenuntergang am Horizont zuzuschauen. Gar nicht schlecht, dachte er bei sich, gar nicht mal so schlecht.

 

Am nächsten Morgen wurde er davon geweckt, dass ihn etwas schmerzhaft in die Seite knuffte. Verwirrt schlug Liguster die Augen auf. War alles wieder einmal nur ein Traum gewesen und er war doch noch im Findelheim? Doch als er die Augen ganz geöffnet hatte, zuckte er erschreckt zusammen und starrte gleichermaßen entsetzt wie fasziniert auf ein Mädchen mit honigfarbener Haut und langem blütenpollengelbem Haar, das ihn offensichtlich in diesem mit ihrem überaus zierlichen Fuß wiederholt in die Seite treten wollte. Doch als sie sah, dass er wach war, fragte sie stattdessen mit gerümpfter Nase : "Wer bist du und was machst du in meinem Haus?"

 

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5. Kapitel

Nicht die geringste Ahnung von irgendwas

Liguster rieb sich verwirrt die Augen und wollte gerade fragen, was zum großen Mutterbaum hier los war, als die junge Wichtin mit ihrem Fuß ausholte und tatsächlich noch einmal zutrat.

"Au", sagte Liguster empört. "Bist du von allen guten Nimfen verlassen? Du kennst mich doch gar nicht."

"Genau", gab sie zornig zurück und begann energisch hin- und herzumarschieren. "Ich kenn dich nicht und du kennst mich nicht. Ich frage mich also, beim heiligen Heidehügel, was du in meinem Haus zu suchen hast." Sie blitzte Liguster aus zusammengekniffenen Augen an, wartete jedoch nur den Bruchteil einer Sekunde auf eine Antwort, bevor sie weiter vor sich hinzeterte. "Als wäre es zuviel verlangt, mal ein winzig kleines bisschen Ruhe zu haben und sich nicht ständig irgendwelche langweiligen Vorschriften anhören zu müssen. Und immer diese Aufgaben. Tu dies, tu das, sei fleißig wie eine Biene, bla, bla, bla. Ich kann es nicht mehr hören. Und als ich mich endlich mal wieder verdrücken kann, ohne dass es jemand merkt, muss ich feststellen, dass mein Haus einfach von so einem dahergelaufenen Störenfried belagert wird, der noch nicht einmal in der Lage ist, Ordnung zu halten." Mit einem angewiderteren Ausdruck und äußerst spitzen Fingern hob sie die Überreste einer Walderdbeere hoch und schwenkte sie vorwurfsvoll vor Ligusters Gesicht.

"Machst du auch mal eine Pause?", fragte dieser jetzt sichtlich genervt und rappelte sich in eine stehende Position auf. Er war ein wenig größer als sie und so musste sie jetzt leicht nach oben schauen, was ihr deutlich zu missfallen schien.

"Ja, wenn du hier endlich verschwunden bist", gab sie schnippisch zurück und machte eine auffordernde Handbewegung zum Ausgang hin.

Liguster seufzte. "Hey, hör mal zu. Es tut mir leid, dass ich in deinem Haus geschlafen habe. Ich dachte, es wäre unbewohnt und ich könnte hierbleiben. Im Moment weiß ich nicht so genau, wo ich hinsoll. Vielleicht können wir ja nochmal von vorne anfangen und du hast einen Tipp für mich, wo ich hingehen kann, um alleine zu sein und meine Ruhe zu haben und dabei trotzdem auf die Dünenheide schauen zu können. Also, ich bin Liguster Zwingelwicht." Er bemühte sich um einen freundlichen Gesichtsausdruck und neigte einmal leicht den Kopf.

Sie sah ihn misstrauisch, aber jetzt auch mit einer Spur Neugierde an. "Du willst alleine sein?"

"Oja. Unbedingt."

"Mmh, das Gefühl kenne ich." Jetzt lächelte sie sogar und neigte ihrerseits ihren Kopf: "Ich bin Veralore Bixgrund, jüngster Sproß der furchtbar lauten und aufdringlichen und bevormundenden Bixgrunds von Solbixgrund. Aber alle nennen mich nur Lori."

Nachdem sie sich eine Weile schweigend gemustert hatten, sagte Lori: "So, so. Du bist also ein Zwingelwicht, ja? Heißen bei euch alle so? Also bei uns, den Heidelingen, haben alle Familien andere Namen. Und du willst deine Ruhe haben, ja?" Sie zögerte einen Augenblick. "Na gut. Also von mir aus, kannst du hierbleiben. Ich wohne ja nicht wirklich hier, sondern komme nur her, um meinen Schwestern und den vielen Aufgaben Zuhause zu entkommen. Weißt du, die jüngste von fünf Schwestern zu sein, kann wirklich schrecklich anstrengend sein. Alle denken, dass sie mir was befehlen dürfen und meinen, mich ständig, im Auge behalten zu müssen. Ich kann dir sagen, das macht mich wirklich wahnsinnig." In diesem Moment kitzelte sie ein Sonnenstrahl am Fuß und sie warf einen erschrecken Blick nach draußen. "Ach, du heiliger Heidehügel, so spät schon? Also.., ich muss los."

Mit diesen Worten drehte sie sich um und verließ eilig die moosgepolsterte Baumhöhle. Im Hinausgehen rief sie noch: "Morgen komme ich wieder und bring dir etwas Honig mit. Du wirst staunen, wie lecker der ist." Und schon war sie verschwunden.

 

Liguster blieb verdattert stehen und wusste beim besten Willen nicht, wie er das alles finden sollte. Heidelinge? Solbixgrund? Wer und was sollte das sein? Und Honig? Liguster schüttelte sich. Das war doch dieses eklige pipigelbe Zeug, das Bienen aus Läuse- und Pflanzensaft machten. Nie wäre ein Zwingelwicht auf die Idee gekommen, damit irgendetwas anzufangen, geschweige denn, das zu essen! Nachdenklich ging Liguster vor die Höhle. Er fand in einer schattigen Vertiefung noch einen Tautropfen, mit dem er sich waschen konnte und sprang dann von der Baumwurzel, um sich ein wenig Sauerampfer zum Frühstück zu pflücken. Dann sah er hinüber zur Dünen-Heide. Ein gewaltiges Brummen erfüllte in der Ferne die Luft und er sah unzählige Bienen zwischen den dunkelroten Heideblüten hin und her fliegen. Eine seltsame Begegnung war das gewesen. Es war ungewohnt gewesen, mit jemandem zu reden, der offensichtlich weder wusste, dass nur Findelwichte Zwingelwicht hießen, noch dass Liguster soviel wie Schreihals bedeutete. Und sie hatte so anders ausgesehen. So... gelb. Vielleicht war es das Beste, wenn er schnellstmöglich das Weite suchte. Andererseits - stellte er erstaunt fest - fühlte sich der Gedanke daran, morgen wieder von ihr besucht zu werden, gar nicht so übel an. Irgendwie hatte er sich das mit dem Alleinsein doch etwas besser vorgestellt, als es in Wirklichkeit war.

 

Am nächsten Tag kam Lori wie versprochen wieder vorbei und brachte eine Samenkapsel gefüllt mit leuchtend gelbem Honig mit. Als Liguster ihr seine Bedenken mitteilte, Läusepipi zu essen, lachte sie laut auf. "Das gilt vielleicht für Waldhonig, du Schratling. Bei uns in der Dünenheide wird der Honig aus Blütennekater gemacht." Dann dachte sie kurz nach und ergänzte mit gerümpfter Nase: "Na gut, dass der von Bienenmagen zu Bienenmagen weitergeben und dazu immer wieder hochgewürgt wird, ist auch nicht unbedingt appetitlich... Aber das Ergebnis ist so sensationell lecker, dass man da ruhig drüber hinwegsehen kann." Liguster zörgerte noch einen Augenblick. Doch dann gab er sich einen Ruck. Schließlich wollte er weder unhöflich, noch feige sein. Und als er ersteinmal gekostet hatte, konnte er kaum genug bekommen. Als die Samenkapsel bis auf den letzten Tropfen leergegessen war, sah er Lori zufrieden und mit leuchtenden Augen an, neigte den Kopf und bedankte sich höflich. Dann setzten sie sich nebeneinander auf die Baumwurzel, sahen auf die Dünenheide und Lori erzählte ihm etwas über die Freundschaft zwischen den Heidelingen und den Honigbienen. "Vielleicht verstehen wir uns deswegen so gut, weil unsere Völker sich so ähnlich sind. Wir leben wie die Bienen die meiste Zeit in unserer Höhle, die Frauen haben bei uns das Sagen und die Heidelinge sind widerlich fleißig. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Wir haben keine Drohnenschlacht, keinen Hochzeitsflug und sind auch keine Wachsfabriken oder Ventilatoren oder stellen Honig her. Aber dafür...", Lori machte eine kurze Pause und sah Liguster mit unverhohlendem Stolz an, bevor sie fast flüsternd fotfuhr, "sind wir die Hüter des gesamten Wicht-Wissens." Sie machte noch eine dramatische Pause und sagte : "Das soll uns erstmal jemand nachmachen. Haben die Zwingelwichte auch irgendeine besondere Aufgabe?"

Liguster zuckte mit den Schultern und dachte nach. Schließlich sagte er zögernd: "Spaß haben?"

Lori lachte. "Du bist ja ein Witzling!" Dann erhob sie sich und machte Anstalten wieder aufzubrechen.

"Warte mal", sagte Liguster erschrocken. "Du kannst doch jetzt nicht gehen. Ich weiß doch noch gar nicht, was eine Drohnenschlacht ist. Und das mit den Venti-Dingern und Wachsfabriken habe ich auch noch nicht verstanden."

Lori sah ihn seufzend an. "Du weißt ja echt gar nichts, oder? Also, beim Hochzeitsflug heiratet die Bienenkönigin weit, weit oben im Himmel alle Bienen-Männer auf einmal. Das reicht dann, damit sie ihr ganzes Leben Eier legen kann. Und weil die Männer danach nicht mehr gebraucht werden, werden sie bei der Drohnenschlacht aus dem Bienenstock geschmissen. Denn kennen die Bienen nichts... Den Bienenstock bauen die Bienen aus dünnen Wachsplatten, die aus ihrem Unterleib herauswachsen und wenn es zu heiß im Stock wird, schlagen sie so doll mit ihren Flügeln, dass der Wind den Stock abkühlt. Das nennen wir Ventilation." Die letzten Worte hatte Lori ihm schon im Davongehen zugerufen. Jetzt blieb sie noch einmal kurz stehen und sagte: "Wenn ich das nächste Mal komme, erzähle ich dir von den anderen Völkern außer Heidelingen und Zwingelwichten. Du hast ja offensichtlich nicht die geringste Ahnung von irgendwas." Und dann war sie verschwunden.

 

Liguster saß nachdenklich auf der Baumwurzel und sah auf die summende und brummende Dünen-Heide. Ja, ihm kam es tatsächlich vor, als hätte er nicht die geringste Ahnung von irgendwas. Und auf einmal musste er er wieder an die mysteriösen Worte des alten Freerk denken. 

 

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6. Kapitel

Früher einmal

 

Liguster marschierte ungeduldig auf der Baumwurzel hin und her. Zwischendurch hielt er immer wieder inne und ließ seinen Blick aufmerksam über die Heidelandschaft schweifen. Nein, nichts. Er schüttelte den Kopf. Lori hatte doch gesagt, sie würde am nächsten Tag wiederkommen. Warum tat sie das dann nicht auch! Volle drei Tage schlug er hier nun schon die Zeit tot und langweilte sich entsetzlich. So hatte er sich das mit der Ruhe nicht vorgestellt. Wo blieb nur Lori? Er wollte endlich mehr erfahren, von dem, was sie das letzte Mal angedeutet hatte. Was waren das für andere Völker? Und was gab es noch alles, was er nicht wusste? In Liguster kribbelte und zwackte es vor lauter Neugier und Ungeduld. Beim großen Mutterbaum nochmal, wo blieb Lori?

Es dauerte noch einen weiteren Tag, bis Lori auf einmal wie aus dem Nichts vor der Baumhöhle auftauchte und mit einem genervten Augenrollen neben ihm ins Moos plumpste. "Vier große Schwestern, sag' ich nur... Du hast ja keine Ahnung. Ich glaube, das ist irgendeine gemeine Strafe der großen Mutter. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang heißt es:  Lori, wo bist du, Lori, tu dies, Lori tu das, Lori, sei nicht so frech, Lori, Lori, Lori... Jetzt konnte ich auch nur weg, weil sich alle auf das große Fest vorbereiten. Hier noch ein wenig Blütenstaub für gelbere Wangen, dort noch die Haare mit Grasfasern hochflechten. Was für ein Hummelzirkus!"

Liguster musterte Lori neugierig und hatte Mühe seine Erleichterung darüber zu vergeben, dass sie doch noch endlich vorbeigekommen war.

"Fest?", fragte er.

Lori seufzte auf. "Ja, heute ist der Lange Tag. Weißt du das gar nicht?" Auf einmal grinste Lori. "Ach ja, habe ich ganz vergessen, du hast ja nicht die geringste Ahnung von irgendwas."

Liguster verzog den Mund zu einer Grimasse und Lori fuhr fort: "Heute ist die Weiße Nacht, der längste Tag des Jahres, Sommersonnenwende. Feiert ihr da etwa nicht?

Liguster schüttelte den Kopf. "Nein, die Zwingelwichte feiern im Frühling, wenn im Wald alles grün wird. Am vierten Vollmond im Jahr gibt es in Gundelfingen das Varilunafest."

"So, so. Ja, ich glaube, ich habe mal was davon gelesen. Wie sagt man so schön: andere Völker, andere Sitten. Eigentlich witzig, nicht? Ich meine, weil wir doch eigentlich alle ein und dasselbe Volk sind."

"Wie meinst du das? Und was sind das für andere Völker? Das letzte Mal hast du versprochen, mir davon zu erzählen." Liguster merkte selbst wie vorwurfsvoll er klang und biss etwas beschämt die Lippen aufeinander.

"Neugierig?" Lori lachte und ein schelmischer Ausdruck trat in ihr Gesicht, als sie ihre Arme miteinander verschränkte, sich zurücklehnte und ihn schweigend musterte.

Liguster versuchte, möglichst gleichgültig zu wirken. Aber die vier Tage Einsamkeit hatten ihm zugesetzt. Ununterbrochen hatte er über diese anderen Völker, die Lori erwähnt hatte, nachgedacht, über die Heidelinge und die Bienen, die Hüter des Wissens und die Bibliothek von Solbixgrund. Also, ja, zum großen Mutterbaum nochmal, er war so neugierig, dass es wehtat. Schließlich erbarmte sich Lori und begann zu erzählen:

"Früher einmal gab es nur ein einziges großes Wichtelvolk, das von einer Familie angeführt wurde. Das Herrscherpaar hatte fünf Kinder, drei Brüder und zwei Schwestern: Gundel, Wesel, Falkin, Liff und Solbix. Diese fünf Geschwister stritten sich bei jeder Gelegenheit, spielten sich niederträchtige Streiche und machten sich gegenseitig schlecht. Es muss wirklich furchtbar gewesen sein. Als es dann an der Zeit war, die Herrschaft über die Wichte zu übernehmen, wurde es unerträglich, weil sie sich nicht in einer Sache einigen konnten. Die Wichte verbreiteten soviel Zorn und Hass, dass die Blätter der Bäume zu welken anfingen, die Blumen verdorrten und der See austrocknete. Irgendwann hatte die große Mutter genug davon. Sie teilte das Volk der Wichte in fünf Teile auf und schickte jeden davon mit einem der Geschwister in einen anderen Winkel ihres Reiches, so weit voneinander entfernt, dass sie nichts mehr voneinander hören und sehen konnten. Gundel gründete mittem im Zwingelforst Gundelfingen und nannte sein Volk fortan Zwingelwichte. Wesel hat in einer Lagune des Rosensees die Stelzenstadt Weselin gebaut und seine Wichte Seepixies genannt. Falkin ist in die Nebelberge gezogen. Seine Wichte nennen sich das Bergvolk und leben in Falkinfels, einer großen Tropfsteinhöhle, soweit ich weiß. Liff ging mit ihren Anhängern zum Khadija-Moor. Wo genau sie da wohnen, weiß ich nicht, nur dass sie sich Moormurkel nennen. Und wir leben als Heidelinge in der Dünenheide. Nun ja, offensichtlich waren die Wichte so froh darüber, einander los zu sein, dass sie kein Wort mehr übereinander verloren und sich so im Laufe der Jahre vollkommen vergessen haben. Nur wir erinnern uns noch, weil unsere Urahnin Solbix die Geschichtenerzählerin unter den Geschwistern war. Sie hat dafür gesorgt, dass all das Wissen des vereinten Volkes bei uns aufbewahrt wurde. Gebracht hat es trotzdem nichts. In 500 Jahren wurde nicht ein einziger Teil der Prophezeiung erfüllt. Und das heißt, das hier ist unser letztes Sonnenwendenfest. Nächstes Jahr um diese Zeit hat die Große Mutter uns alle verwandelt. Schluss mit den Wichten."

Lori seufzte und Liguster starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. "Was meinst du?", fragte er schließlich etwas heiser. In seinem Kopf glühten Frerks Worte, dass er derjenige sei, der die Große Mutter besänftigen und alle vereinen solle, wie brennende Kohlen. "Welche Prophezeiung? Worin verwandeln?"

"Ach", Lori zuckte mit den Schultern. "Die genaue Prophezeiung kenn' ich nicht. Ich weiß nur, dass da jemand sein soll, der alles wieder in Ordnung bringt. Jemand, der mit Tieren spricht, oder so. Und das muss passieren bis die großen fünf Himmelssterne am Langen Tag in einer Reihe am Himmel stehen. Nach unseren Berechnungen ist das im nächsten Jahr soweit. Sind dann die Völker nicht in Frieden vereint, werden wir allesamt in Blumen und Gräser verwandelt." Lori ließ sich nach hinten in das Moospolster fallen. "Wenn du mich fragst, es gibt Schlimmeres. Wenigstens muss ich dann nicht mehr fleißig wie eine Biene sein, sondern kann den Tag damit verbringen, im Wind hin und her zu schaukeln und zu blühen."

Liguster war aufgesprungen und lief aufgeregt hin und her. Natürlich war das vollkommener Blödsinn, dass er sowas wie ein Auserwählter sein sollte. Er war nur Liguster Zwingelwicht, der Außenseiter ohne Freunde. Aber was, wenn nicht? Was wäre, wenn tatsächlich alles von ihm abhing? Ligusters Mund war staubtrocken und so musste er einige Male schlucken, bevor er krächzend fragen konnte: "Könntest du vielleicht den genauen Wortlaut der Prophezeiung herausbekommen?"

"Vielleicht", antwortete Lori gedehnt. Seit Liguster wie von einer Biene gestochen aufgesprungen war, musterte sie ihn mit einem interessierten Blick. "Der Text müsste irgendwo in der großen Bibliothek sein. Allerdings liegt er garantiert irgendwo dort, wo niemand außer meinen Eltern und der alten Aruna hin darf. Also wohl eher doch nein."

"Ich muss aber ganz genau wissen, wie die Prophezeiung lautet." Liguster hatte in seiner Aufregung fast geschrien und Lori sah ihn mit großen Augen an, in denen es auf einmal blitzte und funkelte.

"Nun ja, erlaubt ist es nicht. Aber heute Abend beim Fest sind vielleicht alle Heidelinge so abgelenkt, dass es gar nicht auffällt, wenn  wir uns hineinschleichen. Also, von mir aus ..." Sie sah Liguster lauernd an, "helfe ich dir, vorausgesetzt du verrätst mir, warum du die Prophezeiung unbedingt sehen willst."

Liguster senkte den Kopf. Fast schämte er sich, es laut auszusprechen. Aber er musste in diese Bibliothek und er wusste, dass er ohne Lori keine Chance hatte. Außerdem war er sich gar nicht sicher, ob er die Schrift der Heidelinge lesen konnte und wo er suchen sollte. Also gab er sich einen Ruck: "Weil ich wissen muss, ob sie etwas mit mir zu tun hat."

Lori riss die Augen auf: "Ist nicht dein Ernst! Beim großen Heidehügel, das ist ja mal was. Also ... also, dann muss ich schnell wieder los und einiges  vorbereiten. Ich hol' dich ab, wenn die Sonne einen Fingerbreit über dem südlichsten Hügel liegt."

Schon war Lori verschwunden und Liguster sah mit klopfendem Herzen und rasenden Gedanken auf das lilafarbene Blütenmeer der Heide. Heute Abend würde er unbefugt in die 500 Jahre alte Bibliothek der Heidelinge eindringen und erfahren, ob er tatsächlich derjenige war, der alle Wichte retten und vereinen sollte. Seine Knie wackelten und das Atmen wurde ihm schwer. Bei den Nimfen, wie war er bloß in diese Situation gekommen. Er hatte doch nur seine Ruhe haben wollen.

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7. Kapitel

Die Prophezeiung

Nervös sah Liguster zum Horizont. Fast wünschte er sich, Lori würde doch nicht auftauchen und er könnte so tun, als hätte er nie etwas von dieser vertrollten Prophezeiung gehört. Doch ein anderer Teil in ihm brannte darauf, mehr zu erfahren. Was, wenn wirklich gerade er etwas Besonderes sein sollte? Wenn der Name Liguster Zwingelwicht ihn gar nicht ausmachte und er nicht der schreiende Findelwicht war, der von Lysopril verspottet und von den anderen Wichten ignoriert wurde? Wenn er der … Auserwählte wäre? Liguster fühlte eine Gänsehaut an seinen Armen emporkriechen und ein dumpfes Gefühl der Übelkeit in seinem Magen Platz nehmen. Er schüttelte sich und kniff die Augen zusammen, so als könnte er dadurch weiter in die Ferne schauen. Prüfend hielt er seine Hand hoch und sah zum südlichsten Hügel der Dünenheide. Die Sonne stand einen Fingerbreit über der Hügelspitze und überzog die purpurne Landschaft mit einer Flut aus goldenem Licht. Wo blieb nur Lori? Er kannte sie gerade mal einige Tage und schon verbrachte er den Großteil seiner Zeit damit, auf sie zu warten. Irgendetwas lief hier gewaltig schief.

„Bist du bereit?“, zischte es aus einmal hinter ihm und Liguster zuckte erschreckt zusammen. Lori hatte sich an ihn herangeschlichen, ohne dass er auch nur das Geringste bemerkt hatte. So besonders ‚auserwählt‘ wirkte das nicht auf ihn. Umso mürrischer und einsilbiger fiel seine Antwort aus: „Was denkst du denn?“

Mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck, hinter dem er all seine Nervosität zu verstecken versuchte, folgte er der zierlichen Gestalt, die ohne eine weiteres Wort zu verlieren davongesprungen war. Leichtfüßig und in einem irrwitzigen Tempo jagte sie zwischen den hohen Halmen des Grases entlang. Liguster war drahtig und zäh. Wenn es darum ging, seinen Wicht zu stehen, gab er niemals klein bei, teilte effektiv aus und steckte viel weg. Aber laufen … das war wirklich nicht sein Ding. Keuchend eilte er hinter Lori her und versuchte, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Mittlerweile hatten sich die Strahlen der Sonne von Gold in ein glühendes Orange verwandelt, das sich zwischen den Grashalmen hindurchschlängelte und alle Farben um ihn herum veränderte. Schwer auf seine Atmung konzentriert, nahm Liguster nur am Rande war, dass sie sich mittlerweile schon mitten in der Dünenheide befanden. Der Boden war ganz anders als im Forst, nicht weich und federnd, sondern sandig und von harten Flechten überzogen. Über ihm ragten die dunkelrot blühenden Stängel der Heidepflanzen in den Himmel und die Luft roch heiß und süß. Liguster wäre nur allzu gerne stehengeblieben und hätte sich die Landschaft in aller Ruhe betrachtet. Aber Lori war schon wieder weit voraus. Also hastete er weiter hinter ihr her, bis sie auf einmal abrupt stehenblieb. Erleichtert verlangsamte Liguster sein Tempo und versuchte, seine Atmung etwas zu beruhigen, bis er sie erreichte.

„Da vorne ist es“, flüsterte Lori mit einem spöttischen Seitenblick, als er endlich aufgeschlossen hatte. Liguster bemerkte ihren belustigten Gesichtsausdruck, der wohl seiner etwas ausbaufähigen Laufleistung galt und streckte trotzig den Rücken durch. Aber dann sah er, was ‚da vorne‘ war. Das musste Solbixgrund sein.

Unzählige Laternen erhellten in dem dunklen Zwielicht der Weißen Nacht einen heidebewachsenen Hügel, der von einem breiten Gürtel üppig blühender Heiderosen umgeben war. Oben auf der Hügelspitze sah er die Heidelinge wild und ausgelassen tanzen. Fetzen einer eigenartig verführerischen Musik erreichten sein Ohr und Liguster fühlte es in seinen Beinen zucken. Sein Blick wurde wie magnetisch von den tanzenden Gestalten angezogen. Er sah ihre prächtigen Blütenblattkleider und ihre mit glitzerndem Staub bestrichenen Gesichter, Arme und Beine, die sich zur Musik bewegten. Es war wunderschön. So wunderschön. Er musste einfach dahin und … mittanzen … Liguster erhob sich und ging darauf zu. Doch auf einmal wurde er heftig zurückgerissen und Lori sah ihn ärgerlich an. „Ich dachte, du wolltest die Prophezeiung sehen. Oder möchtest du dich lieber von der Musik der Nimfen berauschen lassen und tanzen, bis du im Morgengrauen als Fremdling erkannt und eingesperrt wirst?“

Liguster schüttelte sich. Musik der Nimfen? Er hatte bisher nur Gerüchte darüber gehört. Die Zwingelwichte feierten mit ihrer eigenen Musik, die sich kaum von den natürlichen Geräuschen des Waldes unterschied. Aber das war nichts im Vergleich zu dieser Musik. Er hatte noch nie etwas Ähnliches gehört. Es war wie ein Lockruf der Sterne, wie ein Gesang der süßesten Blumen, wie ein sanftes und zugleich stürmisches Rauschen des Windes. Plötzlich gab es ein klatschendes Geräusch und Liguster fasste sich automatisch an die schmerzende Wange. Autsch. Was zum großen Mutterbaum … Wütend sah er zu Lori und bemerkte dann auf einmal bestürzt, dass er schon wieder einige Schritte in Richtung des Heidehügels gegangen war. Verwirrt sah er sich um.

„Hier, steckt dir das in die Ohren. Sonst kommen wir nie zur Bibliothek.“ Lori hielt ihm zwei gelbe Kügelchen hin und Liguster nahm sie zögernd entgegen.

„Was ist das?“

„Was schon, Meister Keine-Ahnung-von-Irgendwas, Bienenwachs natürlich.“

Mit dem Wachs in den Ohren konnte Liguster kaum noch etwas hören. Und so verständigten Lori und er sich durch Handzeichen. Stück für Stück schlichen sie sich an den Hügel heran. Immer deutlicher konnte Liguster aus seiner schattigen Deckung heraus die verzückten Gesichter der Heidelinge erkennen, die sich in ekstatischer Trance zu der Nimfenmusik bewegten.

Endlich kamen sie am Eingang des Hügels an, der wie ausgestorben dalag. Es schien sich im Moment tatsächlich jeder einzelne Heideling auf der Hügelspitze zu befinden. Vorsichtig schauten sie sich um und gingen eng an die Hügelwand gedrückt durch das Tor, das Liguster von seiner Größe her an den Eingang eines Mäuselochs erinnerte. Doch auch hier schien irgendeine Wichtmagie zu wirken. Denn um den Eingang herum rankten sich exotische Blumen, die Liguster noch niemals zuvor gesehen hatte. In gleichmäßigen Schlängellinien verzierten tiefgrüne Ranken und purpurrote, violette und weiß-gelbe Blüten den Eingang nach Solbixgrund. Im Inneren war der Hügel hohl und erhob sich wie eine riesige Kuppel über ihnen. Staunend sah Liguster sich um, während Lori ihn unaufhaltsam hinter sich her zog. Liguster hatte einen dunklen Bau erwartet, aber stattdessen breitete sich vor ihm eine bunte Stadt aus kunstvollen, mehrstöckigen Bauten, filigranen Säulen und geschwungenen Arkadengängen aus. Die Kuppel über ihm erstrahlte in allen Farben des Regenbogens und wurde nach oben hin immer heller und heller, so dass der Mittelpunkt fast wie eine Sonne erstrahlte. Überall im Hügel rankte sich dieselben exotischen Blumen wie am Eingang entlang und der Boden war von einem weichen Polster goldenen Mooses bedeckt. Von den Blumen wie von den Farben der Kuppel ging auf irgendeine Weise ein warmes, gelbes Licht aus, das einen mit kribbelnder Energie erfüllte.

 

Liguster und Lori mussten fast die gesamte Stadt durchqueren, bis Lori endlich vor einem riesigen Palast aus hellem Tonstein Halt machte und Liguster bedeutete, das Bienenwachs aus den Ohren zu nehmen. In den Ton des Gebäudes waren funkelnde Edelsteine zu Bildern eingearbeitet, die quer über die Wände hinweg Geschichten erzählten. Liguster versuchte fasziniert, die Bedeutung der Bilder zu entschlüsseln. Doch kaum hatte er einmal geblinzelt, überzogen ganz andere Bilder die Wände, ohne dass Liguster auch nur die kleinste Bewegung bemerkt hätte. Überwältigt schüttelte er den Kopf.

„Komm schon“, flüsterte Lori ungeduldig und zerrte ihn in das Innere. Dort bestanden die Wände aus sechseckigen Fächern, die mit Blattrollen gefüllt waren. Von den Außenwänden zweigten sich in regelmäßigen Abständen weitere Wände in den großen Raum hinein ab. Und auch sie bestanden aus diesen Sechseck-Fächern. Dazwischen standen Stühle und Tische, auf denen leuchtende Kristalle lagen. Abrupt blieb Liguster stehen. Was war das alles hier? Gerade wollte er einen der Kristalle in die Hand nehmen und untersuchen, da boxte ihn Lori gegen die Schulter.

„Wir haben keine Zeit für sowas“, zischte sie. „Die alte Aruna nimmt am Tanz nie teil und deswegen könnte sie hier jeden Moment auftauchen. Und wenn sie uns dabei erwischt, wie wir in den geheimen Teil einbrechen, dann haben wir Probleme, von denen du bisher wirklich noch nicht einmal den Anflug einer Ahnung hast.“

Widerwillig riss sich Liguster von dem Anblick los und folgte Lori auf ihrem Weg durch die Bibliothek. Als sie unzählige Male abgebogen waren und Liguster schon längst die Orientierung verloren hatte, blieb Lori auf einmal stehen. Vor ihnen rankten sich wie am Eingang des Heidehügels die zauberhaften Blumen rings um einen Durchgang. Und jetzt entdeckte Liguster auch, was sie zusätzlich vermochten. Die Ranken hatten sich zu einem undurchdringlichen Netz miteinander verwoben, aus dem ihm spitze Dornen entgegenragten.

„Und jetzt?“, fragte er.

„Jetzt kommt der wirklich spannende Teil“, antwortete Lori und Liguster hörte ihre Stimme angespannt zittern.

Interessiert beobachtete er, wie sie ein kleines Fläschchen aus einer Umhängetasche hervorzog und sich daraus eine dunkelblaue Flüssigkeit auf die Fingerspitzen tropfte. Dann verteilte sie die Flüssigkeit an ihrem Hals und strich mit den Fingern über ihre Haare und ihren Körper.

„Was machst du da“, fragte Liguster irritiert.

Lori antwortet gepresst: „Ich versuche, meine Mutter zu imitieren. Das ist ihr Duftwasser. Und die Firnblumen werden gleich an mir riechen und dann entscheiden, ob sie uns durchlassen.

„Ihr habt riechende Blumen, die etwas entscheiden?“ Liguster hatte Mühe, nicht laut zu lachen, so seltsam hörte sich das für ihn an.

„Halt den Mund“, schnappte Lori.

Mit einem gleichermaßen skeptischen wie amüsierten Blick sah Liguster dabei zu, wie sie sich jetzt nah vor den Durchgang stellte und sagte: „Ich bitte um Einlass.“

Nichts passierte und Ligusters Grinsen verbreiterte sich.

Lori wiederholte: „Ich bitte um Einlass.“

Da sah Liguster, wie sich eine kleine Ranke zögerlich auf Lori zubewegte. Erstaunt hielt er die Luft an. Die Pflanze tastete sich durch die Luft langsam an Lori heran. Und wirklich, es sah aus, als schnüffelte sie an ihr. Lori warf Liguster einen aufgeregten und siegessicheren Blick zu. Doch auf einmal zuckte die Pflanze zurück und verharrte in der Luft. Die Stacheln an den Ranken schienen länger und spitzer zu werden und in Loris Blick schlich sich ein panischer Ausdruck.

„Es funktioniert nicht“, flüsterte sie mit zitternder Stimme und rief kurz danach: „Lauf!“

 

Verwirrt setzte Liguster an, Lori hinterherzustürmen. Doch noch bevor er auch nur einen einzigen Schritt machen konnte, packte ihn etwas am Fußknöchel und er stürzte zu Boden. Im nächsten Augenblick baumelte er kopfüber in der Luft und wurde von den Ranken der Firnblumen betastet. Liguster war viel zu überrascht, um einen klaren Gedanken zu fassen und warf Lori, die in einiger Entfernung stehengeblieben war, einen hilfesuchenden Blick zu. Plötzlich griffen noch mehr Ranken nach ihn, schlangen sich um seine Arme, drehten ihn in der Luft und stellten ihn sanft auf den Boden. Kurz danach war der Durchgang frei.

„Wieso lassen dich die Firnblumen hindurch?“, fragte Lori fassungslos. Sie hatte sich wieder näher gewagt und stand jetzt direkt neben Liguster.

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Liguster mit belegter Stimme und machte mit einem mulmigen Gefühl im Bauch einen Schritt in den Raum hinein. Innen drin sah der Raum kein bisschen anders aus als die restliche Bibliothek. Auch hier gab es diese Wabenfächer, die mit lauter Blattrollen gefüllt waren, einen Tisch und Stühle und leuchtende Kristalle. Lori sah sich suchend um und strich mit ihrem Finger an den einzelnen Fächern entlang. Liguster hatte keine Ahnung, worauf sie achtete. Für ihn sah ein Fach wie das andere aus. Wie festgewurzelt stand er mitten im Raum und war so angespannt, dass er das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen.

„Ich glaub‘, ich hab’s“, rief da auf einmal Lori und zog eine Blattrolle hervor. Sie ging damit zum Tisch, rollte sie auseinander und las:

 

 

Was eins sein muss, das wurde getrennt

 Das Friedensglück verschenkt

 Doch der schreckliche Zwist darf nicht länger bestehen

 Als bis fünf Sterne in einer Reihe stehen

 Sonst muss das Volk vergehen

 Muss fortan mit Stängeln und Blättern

 Statt Armen und Beinen stehen

 Einem kann es gelingen

 Das Band neu zu knüpfen

 Einem, der Goldauge beflüstert

 Und auf Bienenpelz fliegt

 Einem ohne Namen und Ahnen

 Dem kann es gelingen

 Gemeinsam mit einer Fünften

 Den Fluch zu bezwingen

Auf dem langen Weg vom Wissenshügel

Zur Quelle der Nacht

 Das Rätsel zu lösen von Zwist und Hass

 Zu entfalten die Flügel

 Der großen Macht

 Das Kleinod zu finden

 Und wieder zu verbinden

 In der magisch weißen Nacht

 

 

 

 

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Lori: eine Skizze

Ein erster Entwurf von Lori oder - wie sie mit vollem Namen heißt - Veralore Bixgrund:

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8. Kapitel

Erwischt

 

„So, so“, sagte da auf einmal eine Stimme, die klang, als würde ein uralter Baum sprechen. „Es ist also so weit.“

Liguster und Lori fuhren herum und sahen eine alte Wichtin im Eingang stehen. Mit beiden Händen stützte sie sich auf einen knorrigen Stab und fixierte sie mit einem stechenden Blick aus ihren unheimlich hellen Augen.

„Aruna“, stotterte Lori. „Wir haben … wir sind …“

„Still!“, unterbrach die Alte Lori mit ihrer rauchigen Stimme drohend. „Ich weiß, was ihr habt und was ihr seid. Darüber werden wir nach dem Fest mit der Regentin sprechen.“

Liguster straffte unwillkürlich den Rücken und hob trotzig sein Kinn. Es war nicht das erste Mal, dass er bei etwas Verbotenem erwischt wurde und wie immer würde er die Strafe aushalten, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Egal, was diese gruselige Alte sich ausdenken würde, er konnte sich nicht vorstellen, dass sie Malizia in Sachen Bosheit das Wasser reichen konnte. Also erwiderte er ihren Blick mit steinernem Gesichtsausdruck und minutenlang geschah gar nichts, außer dass sie sich schweigend musterten. Er spürte, dass Lori neben ihm immer unruhiger wurde und meinte fast, ihren lauten Herzschlag hören zu können. Doch ihm machte die Situation nichts aus. Er kannte es nicht anders, als in Ungnade gefallen zu sein. Viel mehr als vor diesem ‚Gespräch mit der Regentin‘ graute ihm vor dem, was in der Prophezeiung stand. ‚Goldauge beflüstert‘, ‚auf Bienenpelz fliegt‘ – wer sollte damit anders gemeint sein als er? Und wieso, vertrollt nochmal, stand irgendetwas über ihn auf einer uralten Schriftrolle und das auch noch an einem Ort, an dem er nie zuvor gewesen war? Er würde die Strafe für das unerlaubte Betreten der Bibliothek hinter sich bringen und dann musste er zu Freerk. Der wusste garantiert irgendetwas und konnte ihm vielleicht erklären, was zum großen Mutterbaum hier vor sich ging. Vielleicht konnte sich die Alte jetzt endlich mal rühren und sie einsperren, mit ihrem Stock verprügeln oder was auch immer?! Je eher das hier vorbei war, umso besser. Er spürte es in seinem ganzen Körper: Er musste weg von hier, die Zeit lief. Liguster spannte seine Muskeln noch etwas mehr an. Gleich würde etwas geschehen, das fühlte er. Na los, sollte es doch. Er war auf alles vorbereitet. Doch das, was dann wirklich passierte, damit hätte er nie gerechnet: Die schmalen, von tiefen Falten zerfurchten Lippen der Alten verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln und die stechenden Augen begannen freundlich zu funkeln.

 

„So, du musst also weg von hier und ich bin eine gruselige Alte, was?“ Sie lachte heiser in einer erstaunlich tiefen Stimmlage. „Ja, junger Hoffnungsträger, du musst weg, sehr bald sogar und noch viel weiter weg als du denkst und vielleicht bin ich auch eine gruselige Alte.“ Sie sah ihn mit einem Blick an, der fast fürsorglich wirkte und vollkommen unerwartet irgendetwas tief in seinem Inneren berührte. „Aber vorerst musst du dich ausruhen. Und für dich …“ Aruna wandte sich an die nervös von einem Bein aufs andere tretende Lori, „für dich, Fünfte aus dem Herrscherhaus, gilt das Gleiche.“ Aruna seufzte und schien auf einmal um weitere hundert Jahre gealtert zu sein. „Veralore, bring deinen jungen Freund zu einer der freien Waben und dann leg dich schlafen. Morgen früh wenn der erste Sonnenstrahl auf die Kuppelspitze trifft, erwarte ich euch beide ihm Thronsaal.“

Mit diesen Worten drehte sich die Alte um und schlurfte davon. Kaum war Aruna außer Sicht, warfen sich Lori und Liguster einen kurzen Blick zu und machten beide gleichzeitig den Mund auf, um über die Prophezeiung und Aruna und den nächsten Morgen zu reden, als wie durch Magie ihre Münder wieder zuklappten und sich trotz aller Anstrengungen nicht wieder öffnen ließen.

„Ich habe gesagt, ihr sollt schlafen gehen“, hallte von irgendwoher Arunas knorrige Stimme durch die Luft.

Lori rollte mit den Augen, zuckte mit den Schultern und winkte dann Liguster, der sie mit großen Augen entgeistert anstarrte, hinter sich her.

 

Am nächsten Morgen brauchte Liguster nicht erst geweckt zu werden. Zu seiner Überraschung war er sofort eingeschlafen und noch vor dem ersten Morgengrauen frisch und erholt aufgewacht. Von der Bibliothek aus hatte ihn Lori über einige geschwungene Treppen auf eine zweite Ebene geführt. Einmal rund um das Hügelinnere lief ein breiter Arkadengang mit kunstvollen Verzierungen an den zierlichen Säulen. In regelmäßigen Abständen wurde die von den Blumen bewachsene Hügelwand von sechseckigen wichtgroßen Löchern unterbrochen. Ein feiner Vorhang von hauchzarten und vielfarbig schillernden Pflanzenfäden ergoss sich vor jeder aus den Ranken und schützte den Raum hinter dem Durchgang vor fremden Blicken. Liguster hätte Lori gerne nach all dem hier gefragt. Wie es gebaut worden war, was das für Pflanzen waren und was sich in den Räumen befand. Doch sein Mund ließ sich nach wie vor nicht öffnen. Also war er Lori einfach weiter stumm durch den Arkadengang gefolgt bis sie schließlich abrupt stehengeblieben war und auf die nächste Tür gedeutet hatte. Sie hatte Liguster kurz angesehen, auf ihren Mund gedeutet, abermals mit den Schultern gezuckt und war gegangen.

 

Jetzt würde sie gleich wiederkommen und ihn holen. Und vielleicht würde er dann endlich mehr erfahren. Seit seinem Blickduell mit Aruna und ihrem freundlichen Lächeln fühlte er sich eigenartig zuversichtlich, ja geradezu entspannt. Es würde sich schon alles aufklären. Wozu sich Sorgen machen? Gut gelaunt schwang Liguster seine Beine von der Liege und sah sich neugierig um. Der Raum hatte eine eigenartige Form. Jede Seite der sechseckigen Tür setzte sich nach innen weiter fort. Dadurch waren der Boden und die Decke sehr schmal und die Wände hatten in der Mitte einen Knick nach außen. In einem dieser Knicke war die Liege angebracht und ihr gegenüber befand sich ein schmaler Tisch, auf dem genauso ein matt leuchtender Stein lag wie in der Bibliothek. Was das wohl für ein Stein war? In Gundelfingen hatte er so etwas jedenfalls noch nie zu Gesicht bekommen. Na ja, genauso wie alles andere hier. Liguster stand auf, um den Stein genauer in Augenschein zu nehmen, da klickte es auf einmal leise hinter ihm. Erschrocken fuhr Liguster herum und sah erstaunt, dass sich die bemooste Liege nach unten geklappt hatte und stattdessen eine Art von stabilem Wurzelgeflecht sanft vom oberen Teil der Wand herunterschwang. Was war das? Vorsichtig ging Liguster näher und beugte sich über das seltsame Gebilde, in dem er interessiert unzählige feine Löcher entdeckte. Gerade wollte er sich wieder dem Lichtstein zuwenden, als aus den Löchern auf einmal ein feiner Wassernebel strömte. Erschreckt zuckte er zurück, nur um darauf verzückt still zu halten und das gleichzeitig liebkosende und erfrischende Gefühl des Nebelschleiers auf seiner Haut zu genießen. Beim großen Mutterbaum, das war unglaublich. Nach einiger Zeit hörte die Nebelproduktion wie von selbst auf und er fühlte sich wunderbar wach und erfrischt. Das Moos glitzerte in einem tiefen Grüngold und die Luft schmeckte so sauber und lebendig wie nach einem weichen Sommerregen. Warum hatte er gestern nur gedacht, dass er hier weg musste. Eigentlich war es doch ganz nett hier. Diese – wie hatten sie es noch genannt – Wabe war offensichtlich frei und … In diesem Moment hörte er ein leises Klingen vom Eingang wie wenn man an verschieden straff gespannten Spinnenfäden zupfte.

 „Hallo?“, fragte er und merkte erst da, dass er seinen Mund wieder öffnen konnte.

 „Wir müssen in den Thronsaal“, hörte er die Stimme von Lori, die allerdings alles andere als gut gelaunt klang und ihn kurz darauf genervt zur Eile antrieb.

 

Der Thronsaal befand sich nicht weit von der Bibliothek entfernt in einem eher unscheinbaren Gebäude aus rotem Lehm. Der Grundriss war wie so vieles hier in Solbixgrund sechseckig. Die Wände hatten etwa die fünffache Wichthöhe und im oberen Drittel waren mehrere Reihen sechseckiger Fenster eingelassen, in denen bunte Scheiben saßen. Das Dach war flach und dicht bewachsen mit dem goldenen Moos, das auch den Boden überzog. Wie bei dem Hügeleingang und dem alten Teil der Bibliothek rankten sich auch hier die seltsamen Pflanzen um den Eingang und streckten ihre farbenprächtigen Blütenkelche in alle Richtungen. Liguster fühlte sich von der Nebeldusche noch immer geradezu beschwingt und folgte Lori mit einem breiten Lächeln in das Innere des Gebäudes. Während sie durch einen breiten Gang eilten, von denen links und rechts mehrere Waben abzweigten, rückte er seine rote Mütze gerade und strich seinen Überwurf aus Grashalmen glatt. Lori hatte auf dem ganzen Weg kein Wort gesagt und wirkte furchtbar angespannt. Was sie nur hatte? Nach seinem eigenen kleinen privaten Morgennebel konnte man sich doch einfach nur fantastisch fühlen.

 

„Da seid ihr ja“, hallte ihnen Arunas tiefe entgegen, sobald sie den großen Saal betraten, der von innen weitaus spektakulärer als von außen aussah. Betroffen sah sich Liguster um. Bunte Lichtstrahlen fielen durch die zahlreichen kleinen Fenster in den Raum und erfüllten die Luft mit einem farbigen Schillern. Rings herum an den Wänden standen moosgepolsterte Bänke und ihnen direkt gegenüber drei reich verzierte und bunt bemalte, hohe Stühle. In der Mitte saß eine Wichtin mit Unmengen von gelben Haaren, die sie wild auf ihrem Kopf aufgetürmt hatte und runden, leuchtend gelb glitzernden Wangen. Rechts neben ihr sah Liguster die alte Aruna. Ihr silbern schimmerndes Haar floss glatt an ihr hinunter und bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrem zerfurchten Gesicht. Und ganz links saß ein langer schlaksiger Wichtel mit verstrubbelten honiggelben Haaren und müden Augen, die sich bei ihrem Eintreten liebevoll auf Lori richteten. Liguster ließ seinen Blick einige Mal irritiert zwischen Lori und den beiden gelbhaarigen Heidelingen auf den Stühlen hin und her wandern. Die Ähnlichkeit war offensichtlich und das hieß … ja, das hieß wohl tatsächlich, dass Lori ein Mitglied des Herrscherhauses war. Bisher hatte Liguster jede Andeutung in diese Richtung für sich als blühende Phantasie oder Wichtigtuerei verbucht. Selbst Arunas Anrede „Fünfte aus dem Herrscherhaus“ hatte er nicht ernst genommen, sondern für eine Art spöttische Bemerkung gehalten. Mitglieder eines Herrscherhauses waren doch nicht so wie Lori. Die waren überheblich und vornehm und redeten ganz bestimmt nicht mit einem einfachen Zwingelwicht wie ihm. Automatisch rückte er einen Schritt von Lori ab und warf ihr einen schnellen, befangenen Blick zu.

 „Veralore, Liebes, warum hast du uns nichts von deinem unbekannten Freund erzählt und einfach nach der Prophezeiung gefragt? Du weißt, wie gefährlich die Firnblumen sind!“, sagte die Herrscherin von Solbixgrund trotz ihrer weichen, melodischen Stimme in einem äußerst vorwurfsvollen Ton.

Lori zuckte mit den Schultern und sah trotzig auf den Boden. Ihre Mutter seufzte. „Immer musst du den schwierigen Weg wählen. Nie ist dir etwas aufregend genug und ständig gehst du unnötige Risiken ein. Am liebsten würde ich dich gar nicht gehen lassen.“

Jetzt schnellte Loris Blick nach oben. „Gehen lassen?“, fragte sie misstrauisch. „Wieso gehen lassen?“

Ihre Mutter seufzte noch einmal und lächelte sie traurig an. Dann sah sie zu Liguster: „Ich bin Myrrha Bixgrund, zehnte Regentin von Solbixgrund und Bewahrerin des alten Wissens. Im Namen aller Heidelinge heiße ich dich, Fremdling, in unserer Mitte willkommen, auch wenn der Einbruch in unsere geheime Bibliothek in unserer höchsten Festnacht alles andere als einen guten ersten Eindruck gemacht hat.“ Sie warf Liguster einen strengen Blick zu und fuhr fort: „Allerdings haben dich die Firnblumen hineingelassen und auch Aruna scheint nicht den geringsten Zweifel daran zu haben, dass du der Eine bist. Und dass du zusammen mit der Fünften aus dem Herrscherhaus aufgetaucht ist, spricht ebenso dafür. Also …“ Myrrha klatschte in die Hände und sagte mit einem gezwungenen Lächeln: „Fleißig, fleißig wie die Bienen. Wir haben viel zu tun. Ihr müsst innerhalb des nächsten Mondlaufs abreisen und bis dahin auf alles vorbereitet sein.“

 

 

 

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