Uwe Timm: Rot

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

 

Ein brillant erzählter Blick zurück auf Schatten und Licht im Leben eines Alt-68ers - melancholisch, augenzwinkernd, philosophisch.

 


 

Verehrte Trauergemeinde, Uwe Timms Geschichte „Rot“ ist ein verschachtelter Rückblick aus der schwebenden Perspektive eines Sterbenden. Es ist eine Variante dieses berühmten Films, der vor dem inneren Auge abläuft, chronologisch und doch wieder nicht, episodenhaft und fortlaufend zugleich. Es beginnt mit dem ‚schwebenden Blick‘ auf einen Unfall. Thomas Linde sieht sich selbst auf der Straße liegen und erzählt, seiner inneren, noch sehr deutlichen Stimme folgend. Immer wieder spricht er sie an, die verehrte Trauergemeinde, und berichtet von all dem, was ihm durch den Kopf geht. Es ist das, was sein Leben geprägt hat, was ihn ausmacht und bestimmt, wer er ist (oder war). Was das ist, ist rot wie die Liebe, wie die Revolution, wie die Signalfarbe, die neugierig macht.

 

Thomas Linde hat Philosophie studiert, zahlreiche abstruse Gelegenheitsjobs gemacht und ist zuletzt professioneller Trauerredner und Jazzkritiker gewesen. Darum drehen sich seine Gedanken, viel aber auch um die Beziehungen seines Lebens. Kurze Blicke wandern zu Kindheit und Familie, ein großer Teil seiner letzten Gedanken ist bei seiner Affäre mit der jungen verheirateten Iris. Sie kreiert Licht-Installationen, mit denen sie ebenso symbolträchtig wie effektvoll Licht und Schatten platziert und ist ihm noch so nah, dass seine Gedanken häufig einen Dialog mit ihr führen. Diese Beziehung fordert ihn, überrascht und verunsichert den abgeklärten Philosophen mit einem Gefühl von Glück und Liebe, dem er ungläubig bis ängstlich gegenüber steht. Dann sind da noch seine Freunde, eng an seine Vergangenheit in der 68-Bewegung und als Partei-Mitglied gebunden. Diese Vergangenheit wird aufgewühlt durch den Tod Aschenbergers, eines alten Partei-Kameraden, zu dem er lange keinen Kontakt mehr hatte und der ihn testamentarisch zum Trauerredner verfügt. In dessen Wohnung findet er Sprengstoff für einen Anschlag auf die Siegessäule. Soll er den Anschlag etwa stellvertretend für ihn ausführen? Thomas Linde spürt der Geschichte des Sprengstoffs nach, so wie er auch für seine Trauerreden den vergangenen Leben nachspürt. Was ist aus ihm, aus seinen damaligen Kameraden geworden? Wer blieb seinen Grundsätzen treu, seinen hehren Zielen? Thomas Linde hadert mit sich, ergründet Motive des verstorbenen Kameraden und gleich sich selbst daran ab. Zwischendurch gibt es immer wieder Auszüge aus seiner Abhandlung über die Farbe „Rot“.

 

Der Roman „Rot“ aus dem Jahr 2001 ist brillant komponiert. Komponiert ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen, denn die Geschichte mit ihren Abschnitten, Wiederholungen, ihren verschiedenen roten Fäden hat eine musikalisch wirkende Dynamik. Das ‚Stück‘ steigert sich und folgt jazzigen Improvisations-Regeln. Allem zugrunde liegt die Harmonie vom Leben Thomas Lindes, heiter und amüsiert aus einer Haltung der Resignation und Distanziertheit heraus, enttäuscht vielleicht, definitiv eher Moll als Dur. Von dieser Basis aus fließt für den Leser immer wieder Neues und Unerwartetes in die Geschichte ein. Das wird durch die Rückkehr zu den drei großen ‚Themen‘ (Trauerredner, Iris, Aschenberger) gehalten und gebunden und durch feste Wendungen wie die ‚verehrte Trauergemeinde‘ und später das „Ich verliere mich“ pointiert unterbrochen.

 

Inhaltlich verweben sich in diesem Solo von Thomas Linde Zeitgeschichte, Liebesgeschichte und feine Beobachtungen typischer Menschlichkeit. Viele dieser Beobachtungen sind tragisch-komisch, eine Art Schmunzeln im Abgrund, ein nonchalantes Schulterzucken in der Katastrophe. Dahinter steckt die einfache Wahrheit: Schatten entsteht durch Licht. Die gedanklichen Exkurse des Philosophen bleiben bündig, regen zum Nachdenken an ohne je zu ermüden. Dann wechselt er wieder in Erzählungen von Begebenheiten, interessanten bis absurden, in einer Sprache, die sich leicht liest, die echt und nahbar wirkt, Spaß macht und berührt, plastisch und fast fühlbar ist wie die Hand eines echten Menschen.

 

Fazit: „Rot“ ist ein Roman, der unter die Haut geht oder vielmehr in die Gedanken eindringt, der sich wie ein Gewinn fürs eigene Leben liest, der die ganze große Erzählkunst zeigt und daher unbedingt lesenswert ist.

 


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