Die Telefonzelle am Ende der Welt

Kristin Hannah: Die Nachtigall

 

Eine ungewöhnlich raffiniert erzählte Geschichte über die Bewältigung von Trauer und die Kraft des Gesprächs.

 

 

 

 


 

Die Autorin Laura Imai Messina ist gebürtige Italienerin und Wahl-Japanerin, Sprach-Wissenschaftlerin und Dozentin. Ihr Roman „Die Telefonzelle am Ende der Welt“ erschien erstmals 2020 auf Italienisch unter dem Titel „Quel che affidiamo al vento“, 2021 dann auf Deutsch und dazu noch in 23 (!) anderen Ländern.

Dieser große Erfolg, oder vielmehr der Umstand, dass ein Buch wie dieses so einen Erfolg haben KANN, sollte allen Zynikern der Welt Wind aus den Segeln und Anlass zu Hoffnung geben. Denn so schlecht, oberflächlich und primitiv kann die Menschheit gar nicht sein, wenn es so viele gibt, die ein Buch wie dieses lesen, dass so ganz und gar nicht Mainstream ist, sondern anspruchsvoll und tief, leise, philosophisch und erzähltechnisch bedeutsam.

 

In dem Roman geht es um die Radiomoderation Yui, die im Tsunami von 2011 ihre dreijährige Tochter und ihre Mutter verloren hat. Bei einer ihrer Radiosendungen hört sie dann von einer Telefonzelle an einem entlegenen Ort, zu der Menschen reisen, um mit Verstorbenen zu sprechen. Yui nimmt die siebenstündige Autofahrt von Tokio aus auf sich, um diese mysteriöse Telefonzelle des Windes mit eigenen Augen zu sehen. Als sie in dem Ort ankommt, trifft sie auf einen Mann namens Takeshi und erkennt in ihm auf den ersten Blick einen Verbündeten im Gefühl des Verlustes und der Trauer. Auch er besucht den Ort zum ersten Mal. Es entsteht ein gemeinsames, sich regelmäßig wiederholendes Ritual, bei dem es zu verschiedenen Begegnungen mit Menschen, Gefühlen, Tod und Leben kommt.

 

Das Telefon des Windes gibt es wirklich und spätestens aus dem Nachwort wird deutlich, dass der Roman auch eine symbolische Verneigung der Autorin vor dem Ehepaar ist, das diesen spirituellen Ort geschaffen hat, ihn seitdem pflegt und jedem bedürftigen Menschen öffnet.

Anhand von Yui zeigt Laura Imai Messina die immense Bedeutung solcher Schnittstellen zwischen Diesseits und Jenseits auf. Sie lässt ihre Hauptfigur in diesem Garten von Bell Gardia und durch ihn erkennen, dass ein Unglück zu akzeptieren genauso wichtig ist, wie sich trotz aller Schrecken der Freude zu öffnen. Zum Schutz dieses Ortes lässt sie Yui schließlich sogar ihr eigenes Leben riskieren und dadurch den Wert ihres Lebens spüren und ihren Willen, es zu erhalten. Für sich und für andere, mit deren Leben sich ihr eigenes mittlerweile neu verbunden hat.

 

Diese Verbindung zu anderen Menschen findet sich im Roman als sprachliches Bild vom Verleihen der eigenen Körperteile wieder. Ein Teil von einem wird zum (vorübergehenden) Besitz eines anderen. In solch starken Metaphern liegt eine große Erzählstärke des Romans. Weil sie eigen und originell, ausdrucksstark und horizonterweiternd sind. Eine weitere Stärke liegt in der Vermittlung der japanischen Kultur. Man steigt ein in ein bestimmtes Denken, erlebt eine spezifische Landschaft, einem dem Westen fremden Alltag und liest von japanischer Ess-Kultur. Die allergrößte Stärke auf der Erzählebene ist allerdings die besondere Struktur. Die Geschichte folgt nur grob einer Chronologie, die mit Rückblicken in verschiedene Zeiten wechselt. Auf jedes Kapitel folgt ein Einschub, der einen beliebigen Aspekt des vorhergehenden Kapitel im Detail betrachtet. Durch eine Aufzählung, eine genauere Beschreibung, eine kurze Erläuterung, eine mögliche Überlegung oder ähnliches in den Fokus gerückt. Zum Beispiel erfährt man von einem Bilderrahmen, durch den ein geistig verwirrter Mann („der Mann mit dem Rahmen“) die Welt betrachtet, die Maße, die Farbe, Kaufdatum und -ort sowie Herstellungsland. Man erfährt, welche Körperteile Yui im Laufe der Jahre verliehen hat, oder über welche Themen eine alte Dame besonders gerne mit ihrem Hund spricht.

 

Diese Sprünge in der Distanz und Perspektive üben eine eigentümliche Wirkung aus. Sie bremsen, lassen innehalten, nehmen Tempo raus. Sie schaffen einen Raum zum Besinnen, in dem Prozesse ihren Anfang nehmen und fortgesetzt werden können. Einen Raum, in dem man überlegt, reflektiert, verarbeitet. Damit hat das Buch selbst etwas von der Mystik der Telefonzelle des Windes an sich. Es nimmt einen beim Lesen mit an einen Ort außerhalb der Zeit, an dem verschiedene Daseinsbereiche aneinander vorbeistreichen und sich ihre eigenen, mehr oder weniger bedeutsamen Weisheiten zuflüstern, denen man lauschen und mit den eigenen Gedanken verwehen lassen kann.

 

Fazit: Die Telefonzelle am Ende der Welt beschäftigt sich auf eine künstlerisch extrem wertvolle Weise mit existenziellen Themen, die nicht-trauernde Menschen genauso betreffen wie Menschen in akuten Phasen des Verlusts und ist damit zu JEDER Zeit ein überaus lesenswertes Buch.

 


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