Die brillante Mademoiselle Neïla

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

 

Eine kluge, spritzige und berührende Lehrstunde in Rhetorik vor dem Hintergrund von Rassismus und Klassenvorurteilen.

 


 

Der Film beginnt mit Archiv-Aufnahmen von Denkern wie Levi-Strauss, Gainsbourg oder Brel. Darauf folgt der Blick auf eine junge Frau im Zug. Arabische Wurzeln, lässige Trainingskleidung, Kopfhörer im wild-schwarzen Haar und Marvin Gayes »Inner City Blues« aus dem Off. Offensichtlich in Eile erreicht sie die Pariser Universität. Neïla, so heißt die junge Frau, ist zu spät. Bei der Platzsuche in dem riesigen, voll besetzten Hörsaal verursacht sie Unruhe und gerät ins Visier des Professors. Vor dem versammelten Auditorium weist er sie zurecht, fürs Zuspätkommen, ihre Kleidung, die ihr von ihm unterstellte Haltung. Die Studenten sind empört, filmen die von rassistischen Anspielungen gespickten Entgleisungen und stellen sie online. Daraufhin soll der provokante Professor Mazard die junge Jurastudentin für den elitären und prestigeträchtigen Rhetorik-Wettbewerb schulen, um den Ausschuss eines Disziplinarverfahrens gnädig zu stimmen und Rassismus-Vorwürfe gegen die Fakultät zu entkräften. Neïla (Camélia Jordana) lässt sich ohne Kenntnis der Hintergründe darauf ein, getrieben von einem Wissenshunger und Ehrgeiz, der sie aus dem Vorstadt-Ghetto bereits bis an die Pariser Uni gebracht hat. Es folgt ein temporeicher, schlauer und extrem unterhaltsamer Schlagabtausch zwischen krassen Gegensätzen: junge Frau versus alter Mann, elitärer Professor gegen Erstsemester-Studentin aus dem Banlieu, Vollblut-Franzose gegen Französin mit Migrationshintergrund. „Le Brio“ heißt der Film passenderweise im Original – die Lebendigkeit.

 

Inhalt der regelmäßigen Vorbereitungstreffen sind die 38 Kunstgriffe aus Schopenhauers »Kunst, Recht zu behalten«, sowie Texte von Cicero, Aristoteles, Shakespeare. Politisch korrekt ist dabei kaum etwas, das Pierre Mazards (Daniel Auteuil) Mund verlässt, dafür scharf, zynisch und überlegen in Bildung und Ausdruck. Das bringt einen mal zum Lachen, mal zum Schockiert-die-Luft-Anhalten oder zum Beeindruckt-Staunen. Von Anfang an ist dabei deutlich, dass es bei der Vorbereitung auf den Rhetorik-Wettbewerb um mehr als nur um Worte geht. Es geht um Haltung und Auftritt, um Artikulation und darum, den Raum mit seiner Anwesenheit zu füllen. Wer sich gegen Vorurteile und Klischees wehrt, sollte sie nicht in einem fort bedienen. Das ist eine der ersten Lektionen, die Neïla lernt. Dass das Thema der ersten Wettkampf-Runde „Kleider machen Leute“ lautet, ist wohl alles andere als ein Zufall.

 

Mit jedem Schritt, den Neïla durch ihr Studium raus aus dem klischeebehafteten Umfeld der vorstädtischen Betonlandschaft macht, fällt sie jedoch auch mehr aus ihrem Freundeskreis heraus. Die poetisch schwärmerische Beschreibung ihres Freundes als Prinz mit goldenem Herzen und einem Verstand, klar und scharf wie ein Schwert, kontrastiert heftig mit seinem Beruf als Taxifahrer. Neïla selbst muss darüber laut lachen. Weniger lustig sind die Konflikte, die sich mit Freund Mounir ergeben, den sie in Rechtschreibung und Grammatik korrigiert, in jeder Argumentation besiegt. Die Antwort „Super-Französin“ ist alles andere als schmeichelhaft gemeint. Dieser Film zeigt an Neïla zwei Leben, die kaum miteinander vereinbar scheinen. Gleichzeitig führt er vor, dass es Auswege gibt aus scheinbar vorgezeichneten Lebenswegen, wofür Ehrgeiz und Bildung ebenso Türöffner sind wie ein Mentor, der einen gezielt fördert.

 

Mit seinem Film dokumentiert Yvan Attal wie das Aufeinandertreffen von und die Reibung zwischen Gegensätzen Entwicklungen befeuert. Pierre Mazards verbitterte, von Klassenvorurteilen geprägte, fortschritts- und fremdenfeindliche Haltung weicht zusehends auf, während Neïlas Auftreten zunehmend seriöser und ihre Argumentationskompetenz stärker wird. Stimmig wechselt der aggressive Culture-Clash-Ton im Verlauf des Films zu poetischer, kunstvoller Sprache, unterlegt mit klassischer Musik. Themen der Äußerlichkeit weichen existentiellen Fragen wie denen nach Wahrheit, Liebe, Glück, an denen Neila die Kunst der schönen Rede bewegend vorführt.

 

Am Ende kommt dann doch heraus, dass Pierre Nazard Neïla für seine öffentliche Rehabilitation gegen Rassismus-Vorwürfe zu nutzen versucht. Neïlas Erfolge scheinen dadurch getrübt, was Yvan Attal auch im Bild sichtbar macht. Es folgt die Frage: Wurde man benutzt, wenn man selbst einen Nutzen davon hat? Solche wie andere Fragen über Wahrheit und Rechthaben, Fortschritt und Kultur verleihen dem Film mit seinen sperrigen, grandios gespielten Charakteren Substanz, und sie irritieren, weil der Film die Antworten nicht eindeutig liefert. Und so wie es in der Rhetorik immer um ein Pro und ein Contra geht und der Film um Gegensätze herum konzipiert ist, pendelt auch die Sprache und Sprachkritik zwischen zwei Extremen: der Aussage Mounirs „Ich sage vielleicht mal etwas falsch, aber ich meine, was ich sage“ und der Professor Mazards: „Scheiß auf die Wahrheit. Es geht ums Rechthaben.“ In der Mitte liegt die Erkenntnis: „Wer sich gut ausdrücken kann, vergisst, wie man Dinge einfach sagt.“

 

Fazit: Dieser Film ist unbedingt sehenswert und macht beim Anschauen mindestens ebenso viel Spaß wie er im Anschluss zum Nachdenken und Infragestellen bringt.

 

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