VERLIEBT 6: Solidarität in der Krise

Wortopolis Kurzgeschichte by Edda Keyser
© Britta Stender | Wortopolis Kurzgeschichten

 

Stirnrunzelnd blickt Anne auf das leere Klopapierregal. Schon wieder? Wirklich?! Warum horten die Menschen ausgerechnet Klopapier? Kopfschüttelnd seufzt sie und zieht ihren Einkaufszettel aus der Tasche, um zu schauen, was sie außer Klopapier noch braucht.

 

„Das gibt es doch nicht!“, hört sie in dem Moment neben sich eine Männerstimme, trotz Maske so volltönend und weich, dass sie ihre eine Gänsehaut im Nacken beschert. Sicherheitshalber tritt sie einen Schritt von ihm weg und versucht aus dem Augenwinkel den Abstand einzuschätzen. Passt da ein Elefantenbaby zwischen sie? Gleichzeitig taxiert sie die Gestalt verstohlen. Das Kribbeln in ihrem Nacken verstärkt sich.

 

Der fremde Mann streift sie mit einem Blick und mit einem leichten Flattern im Magen bemerkt sie, dass er dunkelblaue Augen hat. Obwohl seine Augen nur flüchtig über sie hinwegwischen, reicht das, um ein leuchtendes Nachtblau wahrzunehmen. Vielleicht fallen ihr seine Augen wegen der obligatorischen Maske so besonders auf, die den Rest des Gesichts mit einem schlichten Schwarz bedeckt. Vielleicht fallen sie ihr auf, weil sie so eine Augenfarbe noch nie zuvor gesehen hat. Wie mit Tinte gemalt. Ungewöhnlich. So, dass sie gerne genauer hinschauen würde. Was sie hier vor dem Klopapierregal natürlich nicht tun wird. Nur ein schneller, kurzer Blick vielleicht. Ganz unauffällig. Dunkelblondes Haar fällt ihm in die Stirn und in den Augenwinkeln haben Lachfältchen Linien in die gebräunte Haut gegraben, Linien, die es strahlenförmig einrahmen, dieses leuchtende Blau. Anne muss an Ozean, weiße Gischt, Sonne und das Kreischen von Möwen denken. Ob er Segler ist? Oder Meeresbiologe? Irgendwas mit Wasser, denkt sie.

 

„Verstehen Sie, was das soll?“, fragt er mit einer Geste hin zum leeren Regal und erneut schickt seine Stimme einen Schauder über ihre Haut.

 

Anne schreckt zusammen und zuckt verlegen mit den Schultern. Wo ist sie? Supermarkt. Klopapierregal. Ach ja. Was hat er gefragt? Klopapier. Ausverkauft. Warum. Ja, richtig.

 

„Sichere Sachen sind meist klein“, sagt sie nach einem kurzen Räuspern und richtet sich ein wenig gerader auf. Ihr Blick huscht ein weiteres Mal über seine Augen, will huschen, bleibt aber doch hängen an den tintenblauen Kreisen vor strahlendem Weiß, die sie mit ihren schwarzen Mittelpunkten wie Strudel in die Tiefe zu ziehen scheinen. Sie kneift ihre Augen kurz fest zusammen, um sich dieser Wirkung zu entziehen.

 

„Wie bitte?“, fragt er.

 

„Das habe ich mal irgendwo gelesen“, antwortet sie hastig, um ihre Verlegenheit zu überspielen. „Keine Ahnung, warum ausgerechnet Klopapier, aber irgendwie scheinen sich die Leute mit einem Vorrat davon, sicherer zu fühlen. Das wird es wohl sein, worum es geht: Sicherheit. Oder nicht?“ Ihr Herz klopft aufgeregt in ihrer Brust.

 

„Mmh“, brummt der Mann, „es ist trotzdem bescheuert.“ Dann schickt er sich an, weiterzugehen. „Na, dann, schönen Tag noch“, sagt er und dreht sich weg.

 

Er geht. Sie wird ihn niemals wiedersehen, sich seine blauen Augen niemals genauer anschauen können, seine Stimme niemals wieder zugleich hören und fühlen können, niemals erfahren, was er macht oder wie er hinter der Maske aussieht. Adrenalin schießt durch Annes Blutbahnen. Sie muss ihn aufhalten. Aber wie? Sie beobachtet, wie sich sein Fuß in Zeitlupentempo hebt, während die Gedanken in Schallgeschwindigkeit durch ihren Kopf rasen.

 

„Ähm“, kommt es aus ihrem Mund, „einige Rollen habe ich noch zu Hause. Wenn Sie einen dringenden Bedarf haben, könnte ich Ihnen welche abgeben.“ Sie hält die Luft an. Hat sie ihn gerade allen Ernstes gefragt, ob er einen dringenden Klopapier-Bedarf hat? Sie würde sich mit der flachen Hand auf die Stirn schlagen, wäre das nicht noch peinlicher als ihre Frage. Na ja, wenigstens hat sie das Nie-wieder-Sehen ein wenig hinausgezögert. ‚Und, wie habt ihr euch kennengelernt?‘ „Vor dem leeren Klopapierregal. Ich habe ihm angeboten, mein Toilettenpapier mit ihm zu teilen.‘ Beinahe hätte sie bei diesen Gedanken laut aufgelacht. Innerlich glucksend, spinnt sie den Gedanken in Form von Schlagzeilen weiter: ‚Klopapier als Beziehungsstifter‘ oder ‚Vereint durch die Angst der anderen‘ oder – noch besser – ‚Klopapierhorter trieben sie einander in die Arme‘.

 

Er bleibt stehen, dreht sich um, wirkt überrascht. Dann vertiefen sich die Linien um seine Augen, das Blau funkelt. Lächelt er?

 

„Sie würden tatsächlich Ihre letzten Rollen Toilettenpapier mit mir teilen, obwohl Sie mich gar nicht kennen?“

 

„Solidarität in der Krise“, antwortet sie so cool wie möglich und versucht ihre eigenen, nussbraunen Augen kokett lächeln zu lassen. Dabei streicht sie ihre flammendroten Haare hinter ihr linkes Ohr und muss noch immer über die absurde Situation grinsen. Dennoch schmeckt die Luft hinter der Maske dünn und sauerstoffarm. Bitte lass ihn was machen, bitte lass ihn was sagen, denkt sie und wäre am liebsten hibbelig auf der Stelle herumgesprungen.

 

„Und wie würden Sie sich im Bedarfsfalle meinerseits die Übergabe vorstellen?“, fragt er mit eindeutig amüsierter Stimme. Seine Augen sehen jetzt direkt in ihre.

 

„Unauffällig in einer stillen Seitengasse?“, geht sie etwas piepsig auf seinen scherzhaften Ton ein, schluckt einmal und setzt dann wagemutig hinterher: „Ich könnte Ihnen meine Telefonnummer geben, damit wir Zeit und Ort für die Übergabe vereinbaren können.“

 

Statt zu antworten, zieht er sein Smartphone aus der Jackentasche und sieht sie erwartungsvoll an.

Leuchtend blaue Seen mit tiefschwarzem Grund.

 


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