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VERSÖHNT 2

Wortopolis Kurzgeschichte by Edda Keyser

Ein Flüstern in der Stille

 

Im Schloss der Eingangstür dreht sich ein Schlüssel. Kater Miro hebt den Kopf und springt von seinem Kratzbaum herunter. Geschmeidig schreitet er durch den Flur auf die Tür zu, die sich jetzt langsam öffnet und maunzt. Ein Fuß schiebt sich langsam durch den Türspalt, eine Hand streckt sich hindurch und krault über Miros Kopf. In Zeitlupentempo folgt der Rest des Körpers, lange Männerbeine in alten Jeans, ein stämmiger Oberkörper in kariertem Flanellhemd und Lederjacke. Witternd vorgestreckt die kräftige Nase im unrasierten Gesicht, zottelige braune Haare, eine strenge Falte zwischen den Augenbrauen schieben sich Stück für Stück in die Wohnung hinein. Die hellblauen Augen blicken forschend in den Flur, der schräg gelegte Kopf scheint zu lauschen. Alles still. Zögernd tritt er ein und schließt die Tür hinter sich, behutsam, fast zärtlich verharrend, als würde ihm die Trennung von der Tür schwerfallen. Langsam löst er sich und betritt die Wohnung, fast schleichend, immer wieder innehaltend. Links ist die Tür zum Schlafzimmer. Sie steht offen, er nähert sich vorsichtig und sieht zögernd hinein. Das Bett ist ungemacht, die Vorhänge wölben sich vor dem geöffneten Fenster in lauwarmer Sommerluft. Er steht wie erstarrt und überlegt, ob er hineingehen und eine Tasche packen soll. Warum ist er überhaupt hier, wiedergekommen nach diesem Streit. So ein Streit ist ein Ende. Oder nicht? Sie hat ihn gebissen. Gebissen! Automatisch presst er die Hand auf seinen Unterarm, auf dem rote, halbmondförmig angeordnete Male ihren absurden Angriff auf bestürzende Art beweisen und nicht zulassen wollen, dass er die Bilder vergisst. Diese Wut in ihren Augen. Wie hatte das so entgleisen können? Aus dem Nichts! Nach so etwas packt man seine Tasche. Das ist die einzige logische Konsequenz. Oder nicht? Er lässt seinen Blick durch das Zimmer schweifen und ein enges Gefühl in seiner Brust macht ihm das Atmen schwer. So viele Jahre. So viele Erinnerungen. Er kann das jetzt nicht. Er sollte einfach wieder gehen. Abstand gewinnen. Er dreht sich um und sieht sie durch die halb offene Küchentür still am Tisch sitzen. Ihre Blicke treffen sich und ein wildes Durcheinander an Gefühl rast durch seinen Körper. Sie! Seine Hand drückt noch immer auf die Biss-Spuren an seinem Arm, in seinen Ohren klingen ihre Vorwürfe, schrecklich und absurd zur gleichen Zeit, anmaßend, beleidigend, ungerecht. Unter ihren Augen dunkle Schatten, in den Augen schimmern Tränen, ihre ganze Haltung so traurig, zerbrechlich. Ein Bild der Scham und Reue, der Bitte um Vergebung. Zärtlichkeit wallt in ihm auf, Wut und Verwirrung, Schmerz. Ihre Hände umklammern einen Becher Tee. In den Wellenlinien auf der dampfenden Oberfläche zeigt sich das Zittern ihrer Hände. Ihr Blick so voller Leid, bedauernd, ängstlich, die Lippen fest aufeinandergepresst. Dann öffnen sie sich, unsicher, als wüssten sie noch nicht genau, was sie tun wollten.

 

Nach einem endlos langen Augenblick ein Flüstern in der Stille: „Möchtest du auch einen Tee?“

 

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