Wenn die Gier uns packt

 

Was treibt einen bloß dazu, Sachen zu tun, die so total unvernünftig und bescheuert sind? Zum Beispiel Junk-Food in sich reinzustopfen, obwohl man abnehmen möchte. Oder die halbe Nacht das spannende Buch zu lesen, obwohl um sechs Uhr morgens wieder der Wecker klingelt ... Dabei weiß man doch schon vorher, dass man es am Ende wieder bereut. Liegt es vielleicht an einer standardmäßig in der menschlichen Psyche verankerten Trieb-Neurose ? Oder ist es sowas wie die Besessenheit von einem Unvernunfts-Dämon?  Oder ist es einfach nur die biblische "Schwäche des Fleisches"? Ich gehe dem nach!

 

Wenn die Gier uns packt | Wortopolis Kolumne by Britta Stender
Wortopolis KOLUMNE | Gier | Bildquelle: pixabay.com, 8385

Vernünftig oder nicht? Die Geschlechterfrage

Es ist ja allgemein bekannt, dass Frauen deswegen älter werden als Männer, weil sie sich mehr um sich selbst kümmern. Man könnte auch schlicht sagen, weil sie tendenziell vernünftiger sind. Viele Männer aus meinem Bekanntenkreis leiten aus ihrer Unvernunft einen regelrechten Beleg ihrer Männlichkeit ab. Von der Ernährung ("Fleisch ist mein Gemüse") über Gesundheitsfürsorge ("Wer braucht denn schon einen Arzt!" – aber dann bei jeder kleinen Erkältung glauben, dass man stirbt, genau...) bis hin zu der Verherrlichung offensichtlicher körperlicher Defizite ("ein Mann ohne Bauch ist behindert"). Frau dagegen, als stolzes Sinnbild der Vernunft, knabbert seufzend aber diszipliniert an ihrer Möhre oder quält sich zum Sport. Doch kommt es bedauerlicherweise auch bei diesem Geschlecht ständig zu Vernunftsausfällen: Schokoladen-Eis-Orgien, vollkommen unnötige Schuhkäufe oder exzessives Abtauchen in romantische Fiktionen (Film, Literatur) zum Beispiel. (Das ist total klischeehaft und sexistisch? Ach quatsch... das ist die Realität!)

 

Weiche Dämon, weiche ...

Unvernunft vs. Vernunft
Unvernunft vs. Vernunft | Bildquelle: pixabay.com, OpenClipart-Vectors

 

Vielleicht kennt ihr ja auch diese nervigen Dialoge, die solch zwanghafter Unvernunft vorausgehen:

 

Vernunft: "Heute Abend wird nicht mehr genascht. Die Hosen sind schon wieder zu eng."

Unvernunft: "Ja ... okay ... da bin ich prinzipiell voll dabei ... ab morgen. Da hinten habe ich nämlich noch einen Schokoladenriegel gesehen und ich bräuchte jetzt wirklich mal ... Also der Tag war nämlich echt ... und so ein Riegel macht den Kohl ja auch nicht fett."

Vernunft: "Nee, den Kohl nicht, aber mich. Es ist jetzt wirklich an der Zeit, was zu tun. Weniger Kalorien essen, mehr Kalorien verbrauchen. Basta."

Unvernunft: "Tja, das klingt in der Theorie ja ganz schön. Aber in der Praxis will ich jetzt diesen Riegel essen. Zartschmelzende Schokolade, ein wenig Karamell, knackige, schonend geröstete Haselnüsse ..."

Vernunft: "Nein, ich MUSS vernünftig sein und an die Konsequenzen denken."

Unvernunft: "Daran kann ich auch morgen noch denken. Vernünftig sein ist so dermaßen öde und langweilig. Man muss doch auch genießen!!! Und jetzt WILL ich wirklich ... wirklich ... diesen Schokoriegel."

Vernunft: "Nein"

Unvernunft: "Doch"

Vernunft: "Nein"

Unvernunft: "Ach, halt die Klappe. Ich werde jetzt den Schokoriegel essen."

 

Wie in diesen Filmen, in denen ein Geist von einem fremden Körper Besitz ergreift, hat man auf einmal die Kontrolle verloren. Weg ist sie und man beobachtet mehr oder weniger unbeteiligt, was man da so treibt. Aus purer Rache an der Vernunft oder auch nach dem Prinzip "jetzt ist eh egal" wird es dann nicht nur ein Schokoriegel, sondern ein regelrechter Nasch-Exzess. Und wer ist schuld? Schieben wir doch die Verantwortung einfach dem limbischen System als dem quasi hauseigenen Dämon zu. Denn dort sitzt die Triebsteuerung im Gehirn, die Bedürfnis, Motivation und Lust kontrolliert (mehr Infos). Die sollte eigentlich von der Vernunft im Stirnlappen in Schach gehalten werden. Aber wenn der blöde Lappen immer versagt, können wir ja auch nichts dafür. Also, sprecht mir nach: "Ich bin unschuldig. Das war mein limbisches System."

 

Künstliche Intelligenz und williges Fleisch

Was unterscheidet den Menschen von der KI?
Was unterscheidet den Menschen von der KI? | Bildquelle: pixabay.com, GDJ

Tja, es sieht ganz so aus, als würde die Sabotage unserer hehren Vorsätze tatsächlich durch den eigenen verräterischen Körper erfolgen. Und das heißt, in diesem Falle trifft die Bibel mal den Nagel auf den Kopf: Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. (Markus 14/38). Oder anders gesagt: Zwanghafte Unvernunft ist ein dem Trieb-Drang (= Fleisch) unterlegener Wille des Ich-Bewusstseins (= Geist). Diese Triumphzüge des Fleisches gelten in der Bibel als verwerfliche Laster und Sünden. Ich finde allerdings, man sollte da mal einen etwas anderen Blick drauf werfen... und damit wären wir beim Thema: Künstliche Intelligenz.

Denn wenn ich mich frage, was den Menschen zum Menschen macht, lande ich genau hier: beim ewigen Streit zwischen dem inneren Engelchen und Teufelchen. Kann sowas eine Maschine? Unvernunft mag sich theoretisch vielleicht sogar programmieren lassen, um Menschlichkeit zu imitieren (wenn denn künstliche Intelligenz irgendwann wirklich machbar und ein menschlicher Eindruck erwünscht ist... zum Beispiel um die Menschheit unbemerkt zu infiltrieren...). Aber kann man Maschinen den Kampf gegen die eigene Unvernunft einprogrammieren? Das Bemühen darum, dem eigenen Trieb aus rationalen Gründen zu widerstehen, das ist für mich der Kern der Menschlichkeit. Und das hebt uns meiner Meinung nach mehr vom Tier ab als die fünffingrige Hand oder das Herstellen von Werkzeug. In diesem Sinne: ein Hoch auf das Laster, weil wir ohne den Kampf dagegen nicht die wären, die wir sind!

 



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