Über Konkurrenz und Kooperation in düsteren Zeiten

Als ich noch ein Kind war, lagen "düstere Zeiten" definitiv in der Vergangenheit. Zum Beispiel im Mittelalter. "Düster" meinte dann Bildungsarmut, Leibeigenschaft, Hexenverbrennungen, die schwarze Pest und all sowas.

Eine furchtbar düstere Zeit war auch der Nationalsozialismus mit dem Holocaust, den KZs, dem Faschismus und dem schrecklichen Krieg. Puh, ein Glück liegt DAS hinter uns!

 

Doch nun nehmen auch im Heute die düsteren Aspekte immer weiter zu. Erst die Fridays-for-Future-Proteste, die ein ziemlich unbequemes und besorgnis­erregendes Bewusstsein für die Klimakrise schufen (natürlich sind nicht die Proteste düster, die Klimakrise ist es). Dann die Corona-Krise, die uns in unserem fetten Alltag sehr schnell sehr deutlich machte, wie zerbrechlich das Gefühl von Sicherheit, die Versorgungslage (nicht nur von Klopapier) und die Rechtslage sind. Dann der Ukraine-Krieg. Ein gewaltsamer Streit um Grenzen und Staatsgebiet. Wie verstörend. Archaisch geradezu. Und schließlich der allgemeine Rechtsruck in der Politik. Drüben haben sie den Irren schon zum zweiten Mal gewählt. Hier halten viele die AfD tatsächlich für die neue Mitte und meinen, sie wählen mit der Partei Frieden, Sicherheit und Aufschwung. Wie ver-rückt! Denn was Trump, AfD und all die anderen im Kern ausmacht, ist nichts anderes als der reinste EGOismus: America first. Deutschland den Deutschen. Und Ego steht nicht für Frieden, Sicherheit und Aufschwung, sondern für Unterdrückung, Provokation und Tunnelblick.

 

In einem netten deutschen Punkrock-Teenie-Liebes-Film („Wenn Inge tanzt“) gibt es eine passende Textzeile: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen will.“ Denn wo soll das gorilla-schimpansen­mäßige Konkurrenzgehabe der egomanen Führungspersonen hinführen? In ein zivilisiertes Miteinander sicherlich nicht.  Dafür braucht es meiner festen Überzeugung nach Kooperation. Ja, Kooperation und Zivilisation sind für mich untrennbar miteinander verbunden. Ein Händereichen, ein Voneinander-Lernen, Kompromisse und Zusammen­schlüsse zum beiderseitigen Vorteil. DAS ist zivilisiert, bringt Frieden und Aufschwung. Und deswegen bringen wir genau das doch auch schon unseren Kindern im Sandkastenalter bei. Damit es in der Kindergarten­gruppe und Schulklasse läuft. Wie kann es dann sein, dass in Demokratien Leute gewählt werden, die für das Gegenteil stehen?! Die der Meinung sind, das Recht des Stärkeren wäre ein natürliches Grundgesetz. Dabei hat man bereits vor mehr als 100 Jahren erkannt, dass dieses beknackte "Recht des Stärkeren" ein naturalistischer Fehlschluss ist: Nur weil es in bestimmten tierischen Gemeinschaften so läuft, heißt das nicht, dass es moralisch richtig oder gar "gut" ist.

 

*** Es gibt übrigens auch zahlreiche Beispiele für kooperatives Verhalten im Tierreich. Was für eine Überraschung, da haben oft die Weibchen das Sagen. Nur mal so am Rande ... ***

 

Bei den patriarchalen Schimpansen ist Gewalt gegen Schwächere, Terror durch männliche Cliquen und Vergewaltigung an der Tagesordnung. DAS ist der pure Ausdruck vom Recht des Stärkeren. Sich nehmen, was man will, seinen Trieben freien Lauf lassen. In der menschlichen Gesellschaft ist "stärker" dabei oft gleichzusetzen mit reicher und skrupelloser. Ich kann immer gar nicht glauben, dass man es diesem Vorbild wirklich nachmachen will und fürchte mich vor dem Mad-Max-Szenario, das damit heraufbeschworen wird.

 

Vielleicht WILL ich es auch einfach nicht glauben und mich stattdessen auf das "Licht im Dunkel" konzentieren: Kunst, Poesie, Dialog, Bildung und Austausch. Und natürlich – man hat immer Hemmungen es zu sagen, weil es so kitschig klingt – Liebe. Zu sich, zum Leben, zur Welt, zum Gegenüber. Mitgefühl. Wir brauchen keinen radikalen Individualismus, wie er in den USA als moralisch richtiger Weg gilt.

 

***Schon gewusst? Philosophisches Manifest dieses radikalen Individualismus aka Egoismus ist der in den 40ern erschienene Roman „Fountainhead“ und – wen wundert’s – Lektüre von Leuten wie Trump, Musk, Thiel.***

 

Dieses „Ich über allen anderen, auf Kosten anderer“ ist für mich aber ganz bestimmt nicht moralisch richtig, sondern unzivilisiert und narzisstisch. Ein dystopisches Bild von Gesellschaft. Ein Ausdruck verkümmernder Werte, aussterbender Nächstenliebe und elitärer Egomanie. Das, was allgemein mit Menschlichkeit verbunden wird, hat da keinen Platz. Deswegen endet dieser Gedankengang auch mit einem (grandios pathetischen) Plädoyer:

 

Es lebe die Kooperation! Möge sich jeder kleinste kooperative Funken zu einem lodernden Feuer der Veränderung und der Menschlichkeit entfachen, dessen Gluthitze einen Satz in alle Seelen brennt: Der Mensch braucht den Menschen, in einem respektvollen, liebevollen und unterstützenden Miteinander. 


13.11.2025

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