KOLUMNE | 06. Juni 2016

 

Der Todes-Simulator. WArum Leute das Sterben üben

In der Romantik war eine gewisse Todessehnsucht absolut in. Sterben war sowas wie ein Prozess der Einswerdung mit Gott, ein Nach-Hause-Kommen, die Erlösung schlechthin. Heute ist die Sehnsucht nach dem Tod eher das befremdliche Kennzeichen von Suizidgefährdeten in der Geschlossenen, auch wenn viele insgeheim solche 'schwachen' Momente der Todessehnsucht kennen. Als gesund gilt trotzdem eine gewisse Angst oder zumindest ein Unbehagen vor dem Tod. Schließlich hat alle Wissenschaft bisher nicht beweisen können, was danach kommt. „Warum also gegen diese Angst nicht schon mal ein bisschen das Sterben üben?“, dachten sich die Chinesen und erfanden flugs den … 'Todes-Simulator'.

 

Auf zur virtuellen Einäscherung... oder doch nicht?

Der Todes-Simulator stammt von Spiele-Entwicklern aus Shanghai und simuliert das Sterben und Sich-einäschern-Lassen in einem Krematorium. Das Schreiben eines Testaments – vor der Einäscherung natürlich – ist übrigens ebenso inklusive wie die anschließende Widergeburt. Das klingt zunächst ziemlich morbide und man fragt sich, was für Leute sich freiwillig virtuell verbrennen lassen. Der Grundgedanke dahinter ist allerdings gar nicht so verkehrt. Denn wenn wir uns mit dem auseinandersetzen, was uns Angst macht, verliert die Angst einen guten Teil ihrer Bedrohlichkeit. So funktioniert auch die Therapie bei Phobien. Die konkrete Form der Auseinandersetzung ist hier allerdings genauso erschreckend skurril wie ein Sektempfang im Krematorium mit Schauverbrennung… etwas, dass es zu meinem Entsetzen wirklich gibt!!!

 

Warum diese Angst vorm Tod?

Dass der Tod uns heutzutage so eine Angst einjagt – es sei denn, wir sind religiös derart gefestigt, dass wir an der Paradies/Hölle-Lösung nicht den geringsten Zweifel haben – liegt zu einem großen Teil daran, dass der Tod aus dem alltäglichen Leben viel stärker ausgeklammert wird als in früheren Zeiten. Damals war es auch in Deutschland üblich, Verstorbene bei sich zu Hause aufzubahren. Heute stirbt kaum noch jemand in seinen eigenen vier Wänden und vor allem nicht im Kreis der Familie. Auch so etwas wie die Totenwache ist selten geworden. Der Tod wird ausgelagert in die Klinik, in das Bestattungsunternehmen, auf den Friedhof. Jedenfalls der Tod, der einen persönlich betrifft. Volker Sommer schreibt in einer sehr lesenswerten GEO-Publikation über Feste, Mythen und Rituale: „Da sich der Tod damit hinter verschlossene Türen verlagert, wissen viele Menschen nicht mehr, wie sie ihm begegnen sollen. Zum Urlaubsgrusel ist verkommen, was einst ganz alltäglich war.“

 

Tja, dafür wird an anderer Stelle, nämlich in Medien, Film, Literatur am laufenden Band gestorben. Da fallen sie um wie die Fliegen. Und in Computerspielen erst recht. Einigen Spielemachern ist allerdings mittlerweile aufgegangen, dass Einmaligkeit und Endlichkeit extrem wertsteigernde Faktoren sind. Deswegen gibt es jetzt auch sowas wie den 'Permadeath'. Ist die Figur tot, bleibt sie tot. Das macht es dann alles noch ein wenig aufregender…

 

Wir sterben nicht, wir 'schlummern hinüber'

Einerseits wird der für uns persönlich bedeutsame Tod also verdrängt, andererseits werden wir medial mit Todesfällen überflutet, die uns emotional wenig bis gar nicht betreffen  – weil es Statisten in Filmen, programmierte Figuren im Spiel oder vollkommen Fremde in der Realität sind. Kein Wunder, dass schon das Wort 'Tod' gerne vermieden wird. Es gibt einen wirklich extrem großen Haufen an euphemistischen (= beschönigenden) Worten, die wir stattdessen benutzen können. Zum Beispiel: Ableben, Heimgang, Abberufung, ewiger Schlaf, Hinscheiden, Abschied… Und für das Wort 'sterben' erst. So viele Synonyme habe ich im Duden bislang für kein anderes Wort entdeckt. Hier eine kleine Auswahl: verscheiden, entschlafen, versterben, hingehen, heimgehen, hinübergehen. Schön finde ich persönlich: hinüberschlummern. Auch mehrwortige Umschreibungen sind gang und gäbe, etwa: das Zeitliche segnen, bei Petrus anklopfen, von der Bühne des Lebens abtreten, in die ewigen Jagdgründe eingehen, sein Leben aushauchen, die letzte Reise antreten etc. Der Grund für diese Wortvielfalt? Der Tod ist ein Tabuthema, über das man nicht gerne redet. Psychologe Karl Jaspers spricht vom „Schaudern vor dem Gedanken des Nichtseins“. Konzentrieren wir uns also doch einfach lieber wie Philipp Poisel aufs Leben und sind 'froh, dabei zu sein'. YouTube-Tipp: Philipp Poisel - Froh dabei zu sein (5:31 min)(INFO: Eigentlich finde ich eingebettete Videos toll, aber wegen der EU-Datenschutzverordnung und weil ich mich nicht nicht unbeabsichtigterweise an der Jagd auf eure Daten beteiligen möchte, gibt es nur noch Tipps zum Selberyoutuben bei mir)

 


Der Pippi-Langstrumpf-Modus gegen Todesfurcht

Die Endlichkeit des eigenen Lebens macht einem so viel Angst, dass der Tod geradezu verharmlost und schön geredet werden MUSS, damit wir vor lauter Angst das Leben nicht vergessen. Philosophin Agnes Heller meint, dass man sich mit der Unumkehrbarkeit des begrenzten menschlichen Lebens einfach nicht abfinden kann und dass darin der Keim des religiösen Bedürfnisses stecke. Klar, wenn ich davon überzeugt bin, dass der Tod nicht ein Ende, sondern ein Anfang oder auch ein Übergang ist, macht er mir keine Angst mehr. Genau das ist meiner Ansicht nach der Schlüssel zur Angstbewältigung: der Pippi-Langstrumpf-Modus 'Ich mach‘ mir die Welt wie sie mir gefällt'. Dazu überlege ich mir einfach, was ich als 'Nach-Tod-Ereignis' schön fände und erkläre es zu meiner Wahrheit. Fertig. Schon muss das Sterben nicht mehr geübt werden.

Ich zum Beispiel habe mich entschlossen, nach meinem Tod zu einem Apfelbaum zu werden, inspiriert von den Figuren in Eduard von Keyserlings Romanen, die sich in das Wachsen und Gedeihen der Pflanzen, in das Blühen der Bäume hineinträumen. Außerdem hat diese Vorstellung so etwas herrlich Anheimelndes wie eine Küche im Landhausstil oder wie Eichendorffs sensationell romantisches Gedicht Mondnacht.  Ansonsten finde ich es sehr beruhigend an das physikalische Gesetz der Energieerhaltung zu denken. Nichts geht verloren, sondern verändert lediglich  die Form. Auch wenn das Bewusstsein nicht erhalten bleibt – mal so angenommen – bleibt man doch irgendwie da. Eben in sozusagen recycelter Form. Auch schön finde ich die Vorstellung, dass die Endlichkeit des Lebens dem Leben selbst einen besonders hohen Wert verleiht.

 

 


Bewerbung auf einen Platz im Himmel

In vielen Religionen hat das Leben hingegen eher die Qualität eines sehr langen und ziemlich ermüdenden Bewerbungsgespräches für das ewige Leben danach. Stellt man sich gut an, geht’s bergauf, benimmt man sich daneben, wird man im jenseitigen Leben bestraft. Hölle, Schattenwelt, Reich der Schatten, Unterwelt – es gibt viele Namen für den Ort, an dem die unsterbliche Seele bis in alle Ewigkeit gegeißelt werden soll. Hui, der Mensch hat echt einen Hang zu Dramatik und Horror. Auf der anderen Seite wartet auf den guten Menschen das Paradies, der Garten Eden, die Insel der Glückseligkeit, die ewigen Jagdgründe, Walhalla oder sonst ein fantastischer Ort, an dem sich all die netten Leute tummeln, wo man seine Vorfahren und Liebsten widertrifft. So rein aus logistischen Gründen stelle ich mir das schon schwierig vor, die alle unterzubringen. Ökonomischer wirkt da das Prinzip der Reinkarnation, wenn man sich auch da fragen muss: wo kommen bloß die ganzen Seelen für die Neuen her? (Ich erinnere an den kontinuierlichen Bevölkerungszuwachs.) Ich stelle fest: Es gibt da noch so einiges zu klären. Nicht unbedingt unsympathisch ist übrigens auch die Jenseits-Vorstellung der Pastafaris. Dort gibt es immerhin einen Bier-Vulkan und eine Strippermanufaktur... wenn das nichts ist!

Zum Abschluss passt hier wirklich nur ein Satz, den wir Herrn Briest aus Fontanes Klassiker Effi Briest verdanken: „Es ist ein weites Feld.“

 

Zum weiteren Nachdenken hier ein paar Tipps zur vertiefenden Lektüre: Wer sich ohne den Glauben an ein Leben nach dem Tod mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, für den mag „In die Sonne schauen“ hilfreich sein. Auch GEO WISSEN befasst sich mit dem Thema 'Tod'. Und eher auf der 'Froh-dabei-zu-sein-Schiene' ist das Buch von Psychologin Ulrike Scheuermann angesiedelt.


Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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