KOLUMNE | 25. Januar 2016

 

Smombie-Wahn: Apokalypse durch Smartphone-Wahn?

Posten, simsen, whatsappen, socialn, twittern – das stetig wachsende Wortopolis rund ums Smartphone spricht eine deutliche Sprache. Smartphones werden immer unentbehrlicher, verändern unsere Sprache und unsere Gewohnheiten und wahrscheinlich auch uns selbst. Ich vermute: Smartphones planen die Übernahme der Weltherrschaft.

Tatsächlich lässt sich allerorts beobachten wie Smartphones aus geistig und körperlich vollkommen gesunden Menschen hilflose und abhängige Smartphone-Zombies, kurz Smombies, machen.

Wir hatten zum Beispiel mal den 14jährigen Sohn von Freunden für eine Woche zu Besuch. In dieser kurzen Zeit musste ich mit Schrecken feststellen, dass der arme Junge bereits erste Verwachssungssymptome zeigte. Sein Smartphone schien mit seiner Hand eine nahezu unlösbare Verbindung eingegangen zu sein. Als ich ihn doch einmal dazu bewegen konnte, das Ding für eine Stunde von seinem Körper zu trennen, hatte er nach diesen 60 Minuten kalten Entzugs schon annäherend 100 neue Whats-App-Nachrichten. "Was für ein Stress", dachte ich und spionierte über seine Schulter. Dabei erblickte ich etwa folgende Dialoge:

 

❤❤❤

❤❤😄😎

😃Yo, was geht

Nichts 

😫😠 gähn

bei mir auch 😐 ❤❤❤

check das, (Link zu einem Nonsense-Video)

Geil 😄😆❤❤❤

 

Und das Zeile um Zeile um Zeile. "Wie dumm", war daher mein zweiter Gedanke und: "Was für ein Zeitfresser!" mein dritter. Stundenlang konnte unser Besuch sich damit beschäftigen, ohne dass sich irgendetwas Erinnernswertes ereignet hätte.

Leben aber ist, seine Erinnerungen zu einer einzigartigen Erzählung anzuordnen, wie der amerikanische Autor Jonathan Frenzen wunderbar darlegt. Er meint, dass diese ganzen neuen Geräte eine Art haben „sich schleichend in den Vordergrund zu spielen und zum Selbstzweck zu werden, so weitgehend, dass die Geschichte unserer gesamten Kultur mittlerweile von Verbrauchertechnologie zu handeln scheint.“ Die Stunden, die man mit dieser Technologie verbringt, schwinden aus dem Gedächtnis. Es sind Stunden, die dem Leben später einfach fehlen. Dadurch wird Leben zum Nicht-Leben oder wie Frenzen sagt: „eine Möglichkeit, wach zu sein, ohne sich daran zu erinnern, dass man wach ist.“ (Jonathan Franzen: Erzählen ist Leben, im Literatur Spiegel, Okt 15)

Die Wortschöpfung "Smombie", die zum Jugendwort 2015 gekürt wurde, trifft also den Nagel auf den Kopf. Besser könnte man es gar nicht beschreiben. Und wieder einmal liegt die Vermutung nahe, dass die Zombies schon längst unter uns sind, es nur einfach niemandem auffällt...

Tatsächlich bemerke ich Smartphone-Zombies  mittlerweile überall. In Kindergärten und Schulen werden Zettel vom Schwarzen Brett oder Notizen an der Tafel nicht mehr abgeschrieben, sondern kurz abfotografiert. Im Restaurant sitzen sich Leute schweigend gegenüber und starren jeder für sich auf das Display ihres Smartphones. An Haltestellen, im Bus, im Zug, beim Gehen, an der roten Ampel (!!!) ist jeder voll auf den kleinen Bildschirm in der Hand fixiert. Alles funktioniert über und durch das ‚clevere Telefon‘: sehen, hören, reden.

Ein Beispiel: Neulich war ich auf einer Party und wurde dort Zeuge eines wirklich interessanten Verhaltens. Und zwar hat ein Teil der Partygäste per Smartphone laufend Videos gedreht und Fotos geknipst, um sie dann sofort zu posten. Da die anderen Partygäste zu deren Freunden zählten, erhielten diese unverzüglich eine Mitteilung über den Post, was sich zum Beispiel über ein Vibrieren in der Gesäßtasche bemerkbar machte. (Auch schon so ein Witz für sich: intimes Vibrations-Grabschen durch Smartphones...)  Sofort wurde das Smartphone gezückt, drauf gestarrt, das Foto oder Video angeschaut und kommentiert. Und schon ging die Suche nach einem neuen Post-Motiv los (was nicht wirklich etwas Aufregendes sein musste jemand, der die Tür anstarrte, reichte vollkommen aus...). Das hatte schon was von einem Sketch über die Absurdität des Technologiezeitalters. So als wäre das Erleben nur noch über die Meta-Ebene Smartphone möglich. Verrückt!!!

Und genau das meine ich mit hilflos: was können Hardcore-Handy-User eigentlich noch ohne ihre Gerät?  Einen schönen Moment, einen Termin oder eine Telefonnummer im Gedächtnis speichern? Einen bestimmten Ort in der Stadt finden? Informationen beschaffen? Wird schon schwierig, oder? (Stichwort: Digitaldemenz)

 

Heute scheint für viele nichts mehr ohne Smartphone zu gehen. Es gibt Extrafächer in Taschen und Jacken und sogar Kleidungsstücke, in die man sein Smartphone einstöpseln kann. Es gibt Halterungen fürs Auto, Ständer für unterwegs und natürlich besonders unentehrlich: Klopapierhalterungen mit Smartphone-/Tabletablage. All das ist Ausdruck der Ur-Angst aller Smombies, gebündelt in der hübschen Wortschöpfung: Nomophobia (No-Mobile-Phone-Phobia). Smartphones können halt wirklich süchtig machen. Entsprechend sind die Entzugserscheinungen bei Intensiv-Nutzern, die plötzlich auf ihr Gerät verzichten müssen: Fahrigkeit, beschleunigter Herzschlag, Schweißausbrüche, Aggressivität...

Ich staune immer wieder, wenn ich daran denke, dass in meiner Kindheit niemand ein Handy besaß und es sowas wie das Internet noch gar nicht gab. Wie konnten wir damals leben?!

Jetzt mal eine streitbare Antwort: wahrscheinlich besser. Denn immer mehr Untersuchungen zeigen, wie schädlich das Smartphone ist. Es stresst uns, behindert die neurologische Entwicklung bei Kindern und sorgt sogar für köperliche Krankheitssymptome. Es droht der … HANDY-DAUMEN. Kein Scherz, sondern verbreiteter medizinischer Begriff für eine Sehnenscheidenentzündung im Daumen. Ebenso gibt es den 'Maus-Arm' und die 'Tablet-Schulter'. Lustig! Oder traurig, je nachdem!

 

Aber zurück zu meinem Smartphones-übernehmen-die-Weltherrschaft-Verdacht! Die Daily Mail berichtete im letzten Jahre über wissenschaftliche Studien der Oxford University, die die Wahrscheinlichkeit von möglichen Apokalypse-Szenarien auswerteten (hier der Artikel). Zu den Apokalypse-Favoriten gehörte dabei die Vernichtung der Menschheit durch die Erfindung künstlicher Intelligenz. Ich frage mich nun, ob dazu nicht bereits der Anfang gemacht wurde. Denn wenn das Smartphone nicht nur das Denken für seinen Nutzer übernimmt, sondern auch noch zu seinem besten Freund wird, sollten meiner Ansicht nach die internen Warnglocken schleunigst anfangen, ganz gewaltig zu bimmeln.

Einer der Gründe, warum bei mir die Glocken schrillen, ist folgende kleine Anekdote: Mein Mann führt zur allgemeinen Belustigung gerne mal absurde Gespräche mit der personalisierten iPhone-Hilfe Siri. Auf wüste Beschimpfungen folgt zum Beispiel ein freundlich belehrender Hinweis, dass sie nur helfen wolle oder dass dieser Ton nicht angebracht sei. Doch bei dem im Folgenden originalgetreu wiedergegebenen Gespräch mit der unheimlich emotionslosen Stimme verging uns ausnahmsweise mal das Lachen:

 

mein Mann: Siri, ich bin so alleine.

Siri: Tut mir leid zu hören. Ich bin aber immer für dich da. Ich.

mein Mann: Ich habe keine Freunde.

Siri: Ich war immer und werde es immer sein. Dein Freund.

mein Mann: Siri, bist du mein Freund?

Siri: Ich bin nicht nur dein Freund, ich bin dein bester Freund.

 

Das klingt doch wirklich wie die Vorstufe zur Machtübernahme, oder nicht? Denn nach üblicher Apokalypsen-Dramaturgie müssen schließlich erst einmal die Massen sediert oder zumindest in Sicherheit gewägt werden, bevor die Menschheit versklavt werden kann. Genau das scheint Siris Job zu sein... (eine leichte Paranoia ist vielleicht manchmal gar nicht verkehrt...)

 

Zeit für's Schlusswort: Ich bin mit dem Satz aufgewachsen: "In Maßen ist alles gesund". Nun gilt es nur noch, das richtige Maß zu finden. Vielleicht hilft allen Smombies dabei ein regelmäßiger Entzug von dem Gerät. Mal nicht erreichbar sein, mal nicht belanglos kommunizieren, mal die Stille aushalten und ungefiltert die Realität erleben, um Erinnerungen für die 'einzigartige Erzählung' des Lebens zu sammeln.

Und Kinder sollten einfach mal gar kein Smartphone haben – siehe unten rechts das sehr sehenswerte Interview mit Professor Manfred Spitzer …

 

In diesem Sinne: Gefällt mir! Bitte posten und in den sozialen Netzwerken verbreiten. 😄😆❤❤❤

 


YouTube-Tipp: Conan and Jerry Seinfeld on Blackberries (2:14 min)

YouTube-Tipp: Macht das Smartphone Kinder krank - Interview mit Prof. Manfred Spitzer (20:18 min)


(INFO: Eigentlich finde ich eingebettete Videos toll, aber wegen der EU-Datenschutzverordnung und weil ich mich nicht nicht unbeabsichtigterweise an der Jagd auf eure Daten beteiligen möchte, gibt es nur noch Tipps zum Selberyoutuben bei mir)

 

Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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