BUCHREZENSION | 18. April 2018

 

Im Himmel trägt man hohe Schuhe

 

Ein Film zum Lachen und Weinen über Freundschaft und Familie, Leben und Tod – ungeschminkt, derb, bewegend.

 


 

„Im Himmel trägt man hohe Schuhe“ beginnt in einem Kreißsaal. Jess (Drew Barrymore) kämpft mit den Wehen. Aus dem Off kommentiert sie die Situation: Ganz klar, Milly ist schuld. Wer ist Milly? Gemeinsam mit Jess blickt der Zuschauer zurück auf die Schulzeit und die Anfänge einer Freundschaft. Es folgen die wichtigsten Etappen des gemeinsamen Lebens. Schnell wird klar, dass es in dem Film um die Freundschaft dieser beiden Frauen geht, eine innige, nahezu bedingungslose Freundschaft von zwei ungleichen und doch sehr ähnlichen Frauen.

 

Milly (Toni Collette) ist extrovertiert, oberflächlich, Drama pur in High Heels. Jess ist die bodenständige, fürsorgliche Weltverbesserin in Birkenstock-Sandalen. Die exzessiv lebende, überdrehte Milly wird überraschend schwanger und heiratet. Jess findet dagegen zwar einen Partner, versucht aber lange erfolglos schwanger zu werden. Es ist wie ein gemeiner Witz, in dem das Universum der einen gibt, was die andere will. Doch anstatt damit zu hadern, wird gelacht. Milly und Jess lachen viel, auch dann, wenn andere weinen würden. Selbst in den tiefsten Abgründen des Lebens finden sie etwas zum Lachen. Und Abgründe tun sich in der Geschichte so einige auf: schwere Krankheit, Ehekrisen, Streit. Das Leben zeigt sich in dem Film in vielen, häufig sehr unschönen Facetten, als etwas, an dem man verzweifeln könnte. Jess und Milly reagieren stattdessen mit einer Art Galgenhumor drauf und wollen trotzdem leben, jede Minute und jede Sekunde.

 

Weil Jess die Erzählerfunktion einnimmt, ist der Zuschauer ihr etwas näher. Das ist auch notwendig, weil sie die Stille, Introvertierte ist, die wenig von ihren Gefühlen und Gedanken preisgibt. Milly, die Laute, teilt sich dagegen fortlaufend mit. Sie ist anstrengend und könnte unsympathisch sein, wenn sie sich nicht in einer schonungslosen Klarheit ihrer Schwächen bewusst wäre. Sie kann andere für das bewundern, was sie selbst nicht ist und von Herzen lieben. Und das macht sie selbst liebenswert. Die eher blass bleibenden Männer in dieser Geschichte ergänzen ihre Frauen. Ihnen allen gemein ist der Hang, ein ernstes, trauriges oder konfliktreiches Thema zwar anzusprechen, aber dann nicht darin zu verharren, sondern in einen Witz zu wechseln. Nicht um etwas zu vertuschen oder zu beschönigen, sondern weil es das Leben erträglicher und besser macht. Schweres wird leichter, Trauriges lustig. Gerade weil diese Art von Humor den Film beherrscht, wirken die kleinen Momente, in denen es still wird, sehr intensiv – so wie auch die Nahaufnahmen ungeschminkter Gesichter. Solche Momente sind aber stets kurz gehalten, so dass sie nicht Gefahr laufen, kitschig zu werden. Tragisches bleibt oft nur ein Bild, eine Szene ohne Worte. Worte hingegen erscheinen in dem Film als Weltgestalter. Sie verändern die Situationen und driften häufig ins Geschmacklose und Zotige, passend zu der Härte des Lebens. Dass Jess‘ Freund von der Bohrinsel per Smartphone der Geburt seines Kindes beiwohnt, die Kamera direkt auf die Vagina gerichtet, passt zu dieser rauen, direkten und wunderbar schamlosen Art wie der berühmte Arsch auf Eimer.

 

Der Regie bei „Im Himmel trägt man hohe Schuhe“ hat Catherine Hardwick geführt, die Story stammt von Morwenna Banks. Erschienen ist der Film 2015 mit dem Titel „Miss you already“, in Deutschland 2016 mit einem ausnahmsweise deutlich besser zum Film passenden deutschen Titel. Seitdem hat der Film eher Kritiken im Mittelfeld erhalten, vielfach von männlichen Kritikern. Ob das Kritiker-Geschlecht bei der Bewertung des Films eine Rolle spielt, sei dahingestellt. Die weibliche Hand bei der Regie ist jedenfalls deutlich spürbar. Der Film stellt zwei Frauen in den Vordergrund und einen Umgang mit dem Leben wie er weiblicher nicht sein könnte. Nicht püppchenhaft weiblich, sondern Mutter-Ehefrau-Frauen-weiblich. Shit happens, immer wieder und in gewaltigem Ausmaß. Frauen nehmen das zur Kenntnis und dann machen sie weiter. Das zeigt der Film auf eine beeindruckende und berührende Weise.

 

Fazit: „Im Himmel trägt man hohe Schuhe“ behandelt die Tragödie des Lebens, die die Figuren unerschrocken und entschlossen für sich selbst zur Komödie machen. Der Film liebt das Leben, und das obwohl es oft genug ungerecht und mies ist.