14. Kapitel: Alle aufsteigen, bitte!

Fortsetzungsroman Liguster Zwingelwicht by Lilu S. Kestlinger
© Britta Stender | Wortopolis Fortsetzungsroman

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»Komm schon, Lori, jetzt stell dich doch nicht so an. Schau doch mal, wie lieb sie ist. Was denkst du? Sollen wir sie Baldi nennen? Ich meine, weil sie doch eine Baldachinspinne ist?«
Doch Lori dachte gar nicht daran, auch nur einen Schritt näher zu kommen. Sie versteckte sich hinter einem hohen Grashalm und linste nur gelegentlich dahinter hervor, um sicherzustellen, dass noch immer genug Abstand zwischen ihr und dieser Bestie lag. Als sie nun sah, dass Liguster das Monster hingebungsvoll streichelte und es über seinen acht Augen ausgiebig kraulte, schüttelte sie sich vor Ekel.
»Das kann unmöglich unser Reittier sein, Li«, rief sie und hörte selbst, wie schrill ihre Stimme klang. »Lass uns bitte weitergehen und woanders suchen. Wie wäre es denn mit einem Schmetterling? Oder von mir aus auch einem Schmetterlingsbaby. Einer dicken, knuddeligen Kohlweißlingsraupe!«
»Du kränkst unsere Freundin, Veralore!«
Lori spähte hinter dem Grashalm hervor und sah, wie Liguster vorwurfsvoll sein Gesicht verzog. »Es gibt keinen Grund für dein Verhalten. Baldi ist eine wirklich nette Spinne und ich bin mir absolut sicher, dass sie die richtige Begleitung für unsere Reise ist. Weißt du überhaupt, was Baldachinspinnen alles können?«
»Gift spritzen, Opfer einspinnen und aussaugen?«, fragte Lori mit pipsiger Stimme.
Liguster schnaufte.
»Hast du gegen alle Raubinsekten etwas, oder nur gegen dieses? Was ist mit Aas- und Totholzfressern? Magst du die auch nicht? Was wäre eurer Hoheit von und zu Bixgrund denn genehm? Ein Nektar- oder Pollensammler? Ein Pflanzenfresser? Vielleicht wie eine Heuschrecke, die mir ihren Millionen Kameraden mal eben einen ganzen Landstrich vernichtet? Weißt du, Lori, das ist ganz und gar nicht purpur. Das ist so debblich ungerecht. Baldi kann doch nichts dafür, dass sie so ist, wie sie ist. Aber du kannst etwas dafür, dass ... Ach, ich weiß nicht! Dass dein Horizont nicht dort endet, wo die Sonne untergeht, sondern bei deiner eigenen Nasenspitze!« Liguster redete sich immer mehr in Rage. »Der großen Mutter Meyunwå Luoña geht es ums Gleichgewicht, Lori. Und für dieses Gleichgewicht ist jeder wichtig. Jedes einzelne Wesen, jeder Halm. Hätten da die fünf Streitwichte vor fünfhundert Jahren dran gedacht, dann müssten wir gar nicht erst auf diese dumme Mission gehen.« Liguster schwieg einen Augenblick und sein Gesicht nahm einen abweisenden Ausdruck an. »Ich hatte gedacht, du wärst anders. Aber vielleicht habe ich mich da getäuscht.« Er machte erneut ein Pause, räusperte sich dann und sagte: »Ich sollte mit Baldi wohl lieber alleine auf die große Reise gehen.«
Loris Wangen brannten so sehr, dass sie sich fast sicher war, dass sie schon orangefarben leuchten mussten. Mit in die Hüfte gestemmten Händen trat sie hinter dem Grashalm hervor.
»Also, hör mal zu, du Frechwicht, was bildest du dir eigentlich ein?! Du bist ganz schön selbstgerecht. Ich lass mir von dir doch nicht sagen, dass ich eine Insektistin bin. Pfff ...« Die Augen fest auf Liguster gerichtet und die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst, marschierte sie auf Baldi zu und tätschelte ihr mit der flachen Hand energisch den gepanzerten Kopf. »Siehst du, ich habe überhaupt kein Problem mit deiner achtäugigen Freundin.« Sie trat hektisch einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, als wolle sie sich unauffällig in eine Abwehr- oder Verteidigungsposition bringen. »So, und überhaupt. Wer ist denn hier der Außenseiterwicht, der von seinem Volk davonläuft? Von wegen: Jeder ist wichtig. Andere Wichte sind es dir wohl jedenfalls nicht.«
»Was weißt du denn«, gab Liguster zurück und verschränkte ebenfalls seine Arme. »Es wächst eben nicht jeder so auf wie du, mit weich gepolstertem Moosbettchen, Nebeldusche und einem Platz am Tisch der Herrscher-Familie.«
»Bei dir steckt wohl ein Wespennest im Kopf! Glaubst du etwa, ich hatte es als Fünftgeborene einfach? Und dann auch noch als eine Bixgrund, bei der jeder immer genau darauf schaut, was ich mache? Nichts kann ich mir erlauben, schon wird es meinen Eltern gepetzt!«
Die Luft zwischen Lori und Liguster schien Funken zu sprühen. Baldi ruckte mit ihrem Kopf von einem Wicht zum anderen und strahlte pure Ratlosigkeit aus.
»Sowas kann auch nur ein Herrscherwicht sagen«, gab Liguster verächtlich von sich und funkelte Lori aus schmalen Augenschlitzen an. »Weißt du noch, als du zu mir gesagt hast, ich hätte nicht die geringste Ahnung von irgendwas? DU hast nicht die geringste Ahnung von irgendwas! Am allerwenigsten davon, wie es ist, ohne Familie aufzuwachsen. Wie es ist, als Prügelwicht für alle dahergelaufenen Möchtegerns herzuhalten und für andere nicht wichtiger als eine Schaufel Asselerde zu sein. Weißt du, was ›Liguster‹ bei den Zwingelwichten heißt? Schreihals! Die haben mir wirklich den Namen gegeben, den sich zwei betrunkene Wichte ausgedacht haben, als sie mich als schreiendes Baby verlassen im Wald gefunden haben. Damit war ich dann der letzte Witz im Findelwichtheim.«
Loris Augen wurden groß und Baldi hob zögernd ihr rechtes Vorderbein, um Liguster sanft über die Schulter zu streichen.
»Li«, sagte Lori nur und schwieg dann. Die Spannung in der Luft war von einer Sekunde auf die andere verpufft und auf einmal herrschte betretene Stille.
Nach einer Weile fasste sich Veralore ein Herz und fragte bemüht fröhlich: »Na, dann erzähl mir doch einmal, was Baldachinspinnen so alles können.«
Liguster sah sie kurz irritiert an. Dann schüttelte er leicht den Kopf und es sah aus, als hätte er damit alle düsteren Gedanken und Erinnerungen auf einen Schlag von sich abgeschüttelt. Er grinste Lori breit an. Dann fing er an zu erzählen, und so wie er sich kurz zuvor in Rage geredet hatte, nahm jetzt mit jedem Wort seine Begeisterung zu.
»Die Netze kennst du ja. Sie sind so fein und dicht wie kaum andere Netze. Sie halten Wasser ab und können Regentropfen sammeln. Die dicht gewebten Fäden verbergen uns wie ein Pavillon aber auch vor fremden Blicken und können so Feinde abhalten. Und da nur bestimmte Fäden klebrig sind, können sie uns außerdem als Seile und Brücken dienen, als Taschen, Decken und lauter solche Dinge. Wenn wir angegriffen werden, kann Baldi unsere Feinde einspinnen und auf diese Weise fesseln. Durch die Becherhaare an ihren Beinen spürt sie außerdem feinste Luft- und Schallbewegungen. Das ist wie ein Frühwarnsystem gegen Angreifer. Ist das nicht genial? Das Purpurnste überhaupt ist aber, dass Baldachinspinnen fliegen können.«
»Sie können was?« Lori warf ihm einen Blick zu, als hätte er gerade seinen Verstand verloren.
»Ernsthaft!« Liguster musste lachen, als er Loris Gesichtsausdruck sah. »Dazu schießen sie einfach lange Flugfäden in die Luft und lassen sich vom Wind mittragen. Baldachinspinnen sind Windreisende. Bei den Zwingelwichten nennen wir sie Luftschiffer. Mich wundert, dass du das nicht weißt.«
Baldi hatte während Ligusters Erläuterungen eifrig mit dem Kopf genickt und wurde von Lori jetzt mit einem langen Blick betrachtet, in dem sich Angst und Interesse die Waage hielten.
»Aha«, sagte sie nach einer Weile und sah Liguster missmutig an. »Und du bist dir wirklich ganz, ganz sicher, dass Baldi die Richtige für die große Reise ist?«
Er nickte Lori lächelnd zu und hielt ihr seine Hand hin, die sie zögernd ergriff. Dann wandte er sich an Baldi.
»Bist du soweit«, fragte er und die Spinne antwortete mit einer einladenden Bewegung ihrer zwei vordersten Beine.
Sanft zog Liguster die zitternde Lori hinter sich her. »Vertrau mir«, sagte er. »Baldi tut dir wirklich nichts.«
Lori nickte mit fest zusammengepressten Lippen und zischte dann tonlos: »Kann ich die Augen zumachen?«
»Klar«, erwirderte Liguster schmunzelnd. »Ich pass auf dich auf.«
Diese Veralore Bixgrund, fünfte Tochter der herrschenden Heidelinge, war ihm wirklich ein Rätsel. Noch nie zuvor hatte er eine taffere, abenteuerlustigere und warmherzigere Wichtin kennengelernt. Und nun wagte sie es nicht einmal, eine harmlose Baldachinspinne aus der Nähe anzuschauen. Ja, sie war sogar in Ohnmacht gefallen. Er dachte an ihre gemeinsamen Trainingseinheiten bei Quanjo zurück und wie ihn die zierliche Wichtin dabei mit Leichtigkeit hinter sich gelassen hatte. ›Du hast keine Ahnung von irgendwas‹, kam ihm in den Sinn und wie viel mehr Lori über die Geschichte der Wichte und alle möglichen anderen Dinge wusste. Es war vielleicht kein besonders ehrenhaftes Gefühl, aber Liguster genoss es in diesem Moment ausgiebig, sich endlich einmal als der Stärkere zu fühlen. Lori drängte sich ängstlich an ihn und automatisch richtete er sich gerader auf und hob das Kinn, als gäbe es plötzlich einen Grund, auf sich selbst stolz zu sein. Oder als würde ihn der Wunsch, für jemand anderen stark zu sein, wirklich stärker machen.
Vorsichtig führte er Lori auf die Spinne zu und war sich dabei sehr bewusst, dass ihre Hand seine fest umschloss. Ihre Finger fühlten sich schlank und kräftig an und er konnte an einem schwachen Pochen spüren, wie ihr schneller Herzschlag das Blut in einem Rekordtempo durch ihren Körper trieb. Immer stärker nahm er das Gefühl von ihrer Hand in seiner Hand wahr und sein Haut fing auf eigenartige Weise an zu kribbeln. Der Honigduft ihres Haares stieg ihm in die Nase und auf einmal merkte er, dass sein Herz kein bisschen weniger schnell schlug als ihres. Hitze kroch seinen Nacken hoch und er war plötzlich seltsam nervös. Liguster räusperte sich.
»Willst du selbst aufsteigen oder soll ich dich hochheben?«, fragte er und erschrak über den seltsam belegten, kiksigen Klang seiner Stimme.
»Hochheben, bitte«, antwortete Lori und atmete zitternd ein.
Kurz sah er sie ratlos an. Ihm wäre es wirklich lieber gewesen, wenn sie selber aufgestiegen wäre. Wie sollte er sie jetzt da hochbekommen? Schließlich holte er tief Luft. »Achtung«, sagte er. Schnellentschlossen und vielleicht etwas ruppig legte er einen Arm unter ihre Kniekehlen, den anderen um ihre Taille und hob sie hoch. Lori quiekte erschrocken auf und schlang ihre Arme um seinen Hals. Ihre Augen blieben fest geschlossen. Dann ging Liguster leicht in die Knie, sprang kraftvoll ab und landete geschmeidig am Ende des Vorderleibs auf dem Rücken der Spinne, auf Höhe des letzten Beinpaars. Dort ließ er sich nieder und setzte Lori vorsichtig vor sich ab. Hastig ließ er sie los, rutschte ein Stück zurück, lehnte sich an Baldis kräftigen Hinterleib und atmete tief aus.
Doch kaum war er von Lori weggerutscht, fragte sie mit kläglicher Stimme: »Li? Wo bist du?«
Liguster hätte beinahe laut geseufzt. Ihm gefiel es ganz und gar nicht, wie er sich eben mit Lori an seiner Hand und noch schlimmer mit ihr in seinen Armen gefühlt hatte. Konnte sie nicht einfach die Augen aufmachen und sich selbst festhalten? Erst wollte er ihr sagen, dass sie sich jetzt endlich zusammenreißen solle. Dass ihre Angst vor Baldi vollkommen albern sei und er nicht vorhabe, für sie den Wichtlingsitter zu spielen. Aber dann beugte er sich schweigend vor, umfasste ihre Körpermitte und zog sie nahe genug an sich heran, dass sie sich bei ihm anlehnen konnte.
»Danke«, murmelte Lori, ließ sich gegen ihn sinken und legte ihre Hände so fest auf seine Arme vor ihrem Bauch, dass er sie unmöglich loslassen konnte. Na toll, dachte er und atmete widerwillig den Honigduft ihres Haares ein.
»Baldi, es kann losgehen. Einmal nach Solbixgrund, bitte.« Ihm fiel selbst auf, dass das etwas aggressiv geklungen hatte. Aber das konnte er jetzt auch nicht mehr ändern.

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