FORTSETZUNGSROMAN | 11. April 2018

 

Liguster Zwingelwicht

10. Kapitel

See-Nimfen und Wasserjungfern

Aruna stand direkt vor ihnen und sah sie mit ihrem seltsam bohrenden Blick an. Ihre knochigen Händen waren auf ihren knochigen Stock gestützt, dessen Spitze sie vor sich in den Boden gerammt hatte.

 

„Ich höre, Liguster“, sagte sie und ihre Stimme klang wie ein Baum, der unter einer großen Last ächzt. 

 

Liguster hatte Mühe nicht genervt aufzuseufzen. Seit Stunden saßen sie hier und mussten immer wieder dieselben Informationen herunterleiern. Innerlich rollte er mit den Augen und begann dann monoton aufzuzählen: „Der Rosensee liegt im äußersten Westen und hat seinen Namen von den Abertausenden von Seerosen, die dort wachsen. In den Luftgängen der Seerosen-Stängel leben die See-Nimfen, die Macht über das Wasser haben. Ihre Macht steht allerdings im Verhältnis zu ihrer Körpergröße und ist daher nicht besonders groß. Sie reicht gerade mal, um einen Wassertropfen zu Eis zu gefrieren oder durch die Luft fliegen zu lassen. Fassen sich zwei Nimfen bei den Händen verdoppelt sich jedoch ihre Macht, bei drei Nimfen verdreifacht sie sich und so weiter. Die See-Nimfen werden nicht gerne gestört und haben eine Vorliebe für fiese Streiche. Und ihr Gesang kann einen wie der Gesang aller Nimfen hypnotisieren. Am östlichen Ufer des Sees in einer Lagune, verborgen in einem Wald aus Schilf, liegt Weselin. Hier leben die Seepixies, Nachkommen von Wesel, dem drittältesten der zerstrittenen Herrscherwichtel. Weselin ist eine Stelzenstadt, die durch Wichtmagie nahezu unsichtbar ist. Am Rand der Lagune wächst weiß blühender Wasser-Schierling, der selbst für Wichte giftig ist und Fremdlinge fern halten soll.“

 

„Gut, gut“, murmelte Aruna. „Jetzt du, Veralora. Was ist eure Aufgabe?“

 

Lori schreckte auf und Liguster musste ein Grinsen verstecken. War sie etwa gerade dabei gewesen, einzuschlafen?

 

„Was?“ Lori sah sich wie suchend um. „Ach so, ja, die Aufgabe. In Weselin, nicht wahr? Ja, die Aufgabe, also die ist.“ Lori holte einmal tief Luft und ließ sie dann langsam und zischend wieder entweichen. „Das habe ich ehrlich gesagt immer noch nicht so ganz verstanden. In der Prophezeiung heißt es, Li soll irgendein Rätsel lösen und dann steht da auch noch was von einem Kleinod … Also reisen wir jetzt nach Weselin und schleichen uns in die Stadt, ohne dass uns jemand bemerkt und versuchen ein Rätsel zu lösen, das wir nicht kennen und ein Kleinod zu finden, von dem wir nicht wissen, was es ist.“

 

Aruna seufzte tief auf und für einen Moment kam es Liguster so vor als würde der Boden in Arunas Raum ein wenig zittern. Hatte da nicht eins von diesen merkwürdigen durchsichtigen Röhrchen geklirrt? Das Zimmer war bis in den letzten Winkel mit Blattrollen, Samenkapseln und irgendwelchen seltsamen Gegenständen gefüllt. Dennoch wirkte es unglaublich sauber und aufgeräumt.

 

„Veralore Bixgrund, ich habe es doch nun wirklich oft genug erklärt. Sperr deine Ohren auf und höre mir jetzt wenigstens ein einziges Mal aufmerksam zu. Seit ich den Ruf bekam vor bald neunzig Erdläufen habe ich mich mit der Prophezeiung beschäftigt, in den Schriften deiner Urahnin nach Hinweisen und Erklärungen gesucht und die Bienen auf Erkundungsflüge geschickt. Die Anspielungen auf den Auserwählten haben sich jetzt mit Liguster endlich aufgeklärt. Derjenige ohne Namen und Ahnen ist ein Findelwicht, dem die Tiere auf eine besondere Weise zu Diensten sind. Die Fünfte bist zu Veralore. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es kein Zufall ist, dass deine Urahnin Solbix ebenfalls die Fünfte der Geschwister war. Deswegen vermute ich, dass ihr in Weselin Kontakt zu dem Dritten des Herrscherhauses aufnehmen, ihn oder sie einweihen und mit euch nehmen müsst. Was das Kleinod angeht …“ Aruna hielt kurz inne und senkte ihr runzeliges Gesicht. „Ich habe in all den Jahren nicht den geringsten Hinweis darauf gefunden, um was es sich dabei handelt. Aber“, Aruna straffte ihre gebeugte Gestalt und sah Liguster und Lori mit ihrem stechenden Blick an, „so wie die große Mutter den Auserwählten zu uns gebracht hat, so wird sie zu gegebener Zeit auch euer Augenmerk auf das Kleinod lenken. Behaltet die Prophezeiung immer im Kopf: Einem ohne Namen und Ahnen / Dem kann es gelingen / Mit einer Fünften im Bunde / Den Dritten, Vierten und Zweiten zu einen / Den Fluch zu bezwingen / Auf dem langen Weg vom Wissenshügel / Zur Quelle der Nacht

 

Das Rätsel zu lösen von Zwist und Hass / Das Kleinod zu finden / Und wieder binden / Zu entfalten die Flügel der großen Macht / In der magisch weißen Nacht. Ihr müsst herausfinden, warum die Herrscher des vereinten Volkes sich entzweit haben. Verbreitet das Wissen, das wir bewahrt haben und beendet den uralten Streit. Das ist eure Aufgabe.“

 

„Ja, jetzt sehe ich viel klarer“, antwortete Lori und die Ironie ihrer Worte war unüberhörbar.

 

Aruna warf ihr einen tadelnden Blick zu.

 

„Geht jetzt in die Bibliothek und vertieft euer Wissen über den Rosensee. Ihr müsst alle Gefahren kennen. Zumindest diejenigen, auf die ihr euch vorbereiten könnt. Wir wissen auch nur das, was wir von den Bienen erfahren haben. Und das ist wahrscheinlich nur ein Bruchteil von dem, was euch erwartet.“

 

Mit diesen Worten nahm Aruna eine Hand von ihrem Stock und machte eine auffordernde Geste Richtung Tür.

 

Lori machte ein seltsames Geräusch, das wie eine Mischung aus einem schnippischen ‚Phh‘ und einem missmutigen ‚Mmpf‘ klang, zog Liguster an seinem Arm hoch und hinter sich her aus dem Raum.

 

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her über das goldene Moos am Boden. Zwischendurch reckte sich ihnen eine Firnblume entgegen und strich mit ihren Blütenblättern so sanft über Ligusters Arm oder Gesicht, als würde sie ihn streicheln oder küssen wollen. Seitdem die Firnblumen am Eingang der geheimen Bibliothek an ihm gerochen hatten, wirkten sie geradezu wie verliebt in ihn. Liguster fand das schmeichelhaft, gleichzeitig aber auch etwas nervig und befremdlich. Und Lori quittierte das Verhalten der Blumen jedes Mal mit einem missbilligenden Stirnrunzeln. „Die sind doch vollkommen verrückt, diese Blödblumen, genau wie alle hier im Moment“, murmelte sie.

 

„Neidisch?“, fragte Liguster und warf Lori einen amüsierten Blick zu.

 

Wieder gab Lori dieses seltsame schnippisch-missmutige Geräusch von sich. Liguster zuckte nur mit den Schultern und sah sich um. Er konnte sich an Solbixgrund nicht sattsehen. Das rötlich goldene Licht, die Regenbogenfarben der Kuppeldecke, die Brücken, Säulen und Arkadengänge – es war einfach wunderschön hier. Der Gedanke bald von hier weggeschickt zu werden, lag ihm wie eine Felsbrocken im Magen. Außerdem war er sich ziemlich sicher, schon in einem Erdlauf in eine Blume verwandelt zu werden. Umso mehr versuchte er, die Annehmlichkeiten dieser Stadt so intensiv wie möglich zu genießen. Und dazu gehörten auch die halb ehrfürchtigen, halb bewundernden Blicke, die ihm von allen Seiten die Heidelinge zuwarfen. Wenn er irgendwo längsging, machte man ihm Platz. Die Wichtinnen mit ihrer gelbgold glänzenden Haut und ihren purpur- bis rostfarbenen Kleidern klimperten mit ihren Wimpern wenn sie ihn ansahen und lächelten ihm verschämt zu. Und die kleinen Mini-Wichte folgten ihm in als tuschelnde und kichernde Traube in einem respektvollen Abstand. Liguster fühlte sich wie ein König und das war ein vertrollt gutes Gefühl. Er hatte ja nie behauptet, der Auserwählte zu sein. Also konnte man ihm kaum vorwerfen, ein Betrüger zu sein. Außerdem waren einige der Wichtinnen wirklich ausnehmend hübsch. Gerade sah er wieder eine auffallend schöne Heidelingin, die ihn mit einem fast schmachtenden Ausdruck im Gesicht musterte. Eine paar Worte mit ihr zu wechseln, kann ja nicht schaden, dachte Liguster und schickte sich an, sich ihr zuzuwenden.

 

„Was soll das denn werden?“, zischte Lori ihm zu und kniff ihm kräftig in den Arm.

 

„Autsch“, gab Liguster zurück. „Was soll das denn! Ich werde mich doch wohl noch einmal kurz unterhalten können.“

 

„Erstens sollen wir in die Bibliothek gehen. Zweitens willst du dich mit der da gar nicht unterhalten. Die ist nämlich ein echtes Scheusal und ohne ihre Gelee-Royal-Tinktur und ihr Pheromon-Parfum sieht sie auch so aus. Und drittens … Und drittens … Ach egal. Komm jetzt einfach mit in die Bibliothek.“

 

Liguster rieb sich seinen Arm und sah Lori interessiert an. Was sie wohl als dritten Grund hatte sagen wollen?  

 

Kurz darauf traten sie in das Gebäude mit der magischen Fassade ein und Liguster folgte Lori zu einem der Tische.

 

„So, da wären wir. Hier sind alle Aufzeichnungen zum Rosensee. Dann fangen wir mal an.“ Lori seufzte, zog vollkommen willkürlich irgendeine Rolle aus einem der sechseckigen Fächer und rollte sie auf dem Tisch im Lichte des Kristalls auseinander.

 

„Ihh, was ist das denn!“

 

Liguster warf einen neugierigen Blick auf das ausgerollte Blatt und sah ein Bild von einem fliegenden Raubtier, das genauso schön wie gefährlich aussah.“

 

„Libellen oder Wasserjungfern“, las Lori vor, „leben an Gewässern und greifen alles und jeden an, was sie überwältigen können. Die Fressgier dieser Tiere kennt keine Grenzen und trifft auch Artgenossen. Sogar ihren eigenen Hinterleib würden sie fressen, wenn er ihnen vor die Mandibeln käme. Ihr pfeilschneller Flug und die Fähigkeit auf der Stelle und rückwärts zu fliegen oder abrupt die Richtung zu wechseln, macht ihre Angriffe unvorhersehbar. Bei Sichtung einer Wasserjungfer droht daher höchste Gefahr und es sollte unverzüglich ein Versteck aufgesucht werden.“ Lori sah Liguster mit weit aufgerissenen Augen an. „Weißt du, Li, je mehr ich über diese ganze Reise höre, umso lieber möchte ich doch hierbleiben.“

 

„Ach, das ist bestimmt gar nicht so schlimm, wie es sich anhört. Und hast du nicht erst gestern davon geschwärmt, wie purpur da alles wird?“

 

Lori zuckte mit den Schultern und sah unglücklich auf das Bild vor sich. Doch das nahm Liguster gar nicht wahr. In seinen Gedanken sah er dieses beeindruckende Wesen vor sich durch die Luft schnellen und wie ein bunter Edelstein in der Sonne glitzern, die weiten Schwingen durch die Luft rauschen und auf der Stelle weit über dem Erdboden zu verharren. Fast hörte er wie die Flügel die Luft durchschnitten. Das müsste absolut unglaublich sein, auf so einem Tier durch die Luft zu reiten. Irgendetwas tief in ihm erwachte bei diesem Anblick zu Leben und drängte ihn ungeduldig dazu endlich aufzubrechen.

 

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