BUCHREZENSION | 14. März 2018

 

Catherine Ryan Hyde: Wohin der Wind uns führt

Ein einfühlsamer Blick auf zwei junge, verängstigte Menschen, die erste große Liebe und den schwierigen Weg in eine erwachsene Freiheit.

 

 


 

In Catherine Ryan Hydes Romanen geht es häufig um Menschen, die sich selbst als anders empfinden oder von anderen als ‚nicht normal‘ wahrgenommen werden, um Menschen aus sozialen Randgruppen und am unteren Ende der Gesellschaft.

In „Wohin der Wind uns führt“ sind diese ‚etwas anderen‘ Menschen der 17jährige Sebastian, der von seinem Vater fast sein ganzes Leben lang in der Wohnung eingesperrt wurde, und die 23jährige Maria, Mutter von zwei Kindern, die von ihrem Freund geschlagen wird. Ein Blickkontakt mitten in der Nacht in einem leeren U-Bahn-Abteil löst schließlich eine Kette von Veränderungen aus. In ihrem Mittelpunkt stehen diese zwei misshandelten Menschen, die aneinander genügend Halt finden, um die Veränderungen anzustoßen und auszuhalten. Dadurch entsteht eine Geschichte über die erste Liebe, die mit aller Macht und weltverändernd über einen kommt, über Begrenzungen und Auswege, die wir durch andere Menschen erfahren, über einsame und ängstliche Menschen, über Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Familienbande.

 

Catherine Ryan Hyde erzählt die Geschichte von Sebastian und Maria mit einer herausragenden Feinfühligkeit. Sie schafft das Kunststück, von missbrauchten Menschen zu erzählen und dabei weder voyeuristisch noch rührselig zu werden. Stattdessen zeigt sie dem Leser einen gänzlich unglamourösen Ausschnitt der Welt auf eine berührende und horizonterweiternde Weise. Ihre Sprache ist ebenso einfach wie gekonnt und findet vor allem für die Beschreibung von Gefühlen treffende, eindringliche und wunderbar ungewöhnliche Worte. Zum Beispiel wenn sich Sebastian so fühlt, als wären seine Knochen geklaut worden oder als wäre er ausgehöhlt und im Inneren der Hülle mit Sandpapier bearbeitet worden.

Ausbaufähig ist dafür die sprachliche Differenzierung der verschiedenen Charaktere. Zu sehr teilen sich die unterschiedlichen Figuren die gleiche Hyde-charaktistische Sprache. Dadurch büßt die Geschichte einen Teil an möglicher Authentizität und Lebendigkeit ein. Der realistischen und dramatischen Dimension der Geschichte zuträglich ist dafür die wiederholte Anrede des Lesers. „Wohin der Wind uns führt“ wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Sebastian und Maria erzählt. Dabei wählt die Autorin eine interessante Mischung aus Rückblick und Gegenwärtigkeit der Erzählung und lässt ihre Figuren die Leser wie in einer Dialog-Situation direkt ansprechen: „Wissen Sie, was das Beste war?“ Das macht die Charaktere ein Stück weit plastischer, schafft aber auch Distanz zwischen Leser und Figuren. Statt sich in der Geschichte zu verlieren und selbst zu Maria oder Sebastian zu werden, weiß man, dass man außen vor ist, nur Beobachter und Zuhörer. Auf diese Weise werden die Ereignisse nicht zur Geschichte des Lesers. Sie bleiben die Geschichte von Sebastian und Maria. Und das ist gut so. Romantiker müssen sich dabei für einen realistischen Ausgang wappnen, der auf den ersten Blick enttäuschend sein mag, bei längerem Nachdenken aber nicht anders hätte sein können.

 

Einen festen Platz in Catherine Rhyan Hydes Geschichten haben stets auch die begleitenden Figuren, denen zahlreiche Lebensweisheiten in den Mund gelegt werden. Sie fassen die zentralen Botschaften der erzählten Welt in Worte, wie zum Beispiel die, dass jeder auf dem Weg zur anhaltenden Liebe viele Male verletzt wird. Diese Art des Coachings oder der geistigen Mentorenschaft wirkt zumeist glaubhaft und ist häufig wertvoll, erreicht an manchen Stellen aber auch einen angestrengten, fast schulmeisterlichen Ausdruck.

 

Fazit: „Wohin der Wind uns führt“ ist eine bewegende Geschichte, in der es die Liebe zu einem anderen braucht, um die Liebe zu sich selbst zu finden. Sie öffnet den Blick für Unbekanntes, macht nachdenklich und bewegt. Klare Leseempfehlung mit minimalen Einschränkungen.