KOLUMNE | 28. Februar 2018

 

Richtig entschuldigen. Die Täter-Opfer-Sache, Teil 2: Tätersicht

Hast du schonmal so richtig Mist gebaut? Freunde hintergangen, deinen Partner betrogen, jemand körperlich oder seelisch verletzt? Dann kennst du (sofern du nicht unter einer entsprechenden Persönlichkeitsstörung leidest) wahrscheinlich das Gefühl der Reue. Abscheu, Verzweiflung, Bedauern über die eigenen Taten. In schweren Fällen ekelst du dich geradezu vor dir selbst und du bist der Allerletzte, der deine Tat für entschuldbar hält. Aber du wirst es kaum glauben: Es gibt gute Nachrichten für dich! Denn wer Reue empfindet, ist auf dem sprichwörtlich ‚rechten Weg‘.

 

 

In die Ecke musst du nun, Ei, Da kannst du Buße tun

Albert Sixtus: Die Häschenschule, Illustration von Fritz Koch-Gotha
Albert Sixtus: Die Häschenschule, Illustration von Fritz Koch-Gotha

 

Hasenmax der Bösewicht

Konnte heut sein Verschen nicht

Hat gepfiffen und geschwätzt

Hasenlieschens Rock zerfetzt

Eine neue Bank zerkracht

Und dazu noch laut gelacht

In die Ecke muss er nun

 Ei, da kann er Buße tun!

 – Die Häschenschule

 

 

So richtig in die Ecke gestellt wie in meinem Lieblingsvers der Häschenschule, wird man im physischen Sinne heute ja eigentlich nicht mehr. Obwohl ich mich zu meiner Grundschulzeit tatsächlich doch einmal in die Ecke stellen musste, was vor allem wegen des Gefeixes meiner Mitschüler ziemlich demütigend war. Solange es aber nicht um die Zurechtweisung vor anderen geht, hat die Ecke viel für sich. Entgegen vieler Entschuldigungsratgeber (ja, die gibt es tatsächlich, zum Beispiel diesen hier – albernes Gelächter) finde ich das sofortige Entschuldigen nicht sinnvoll. Das hat sowas von Reflex und wirkt nicht gerade überzeugend. Stattdessen bietet sich der Rückzug aus dem Geschehen an, um in seiner stillen Ecke das ‚Vergehen‘ zu reflektieren. Was ist da gerade passiert? Warum ist es passiert? Was ist mein Anteil daran? Fragen wie diese helfen dabei, die zu entschuldigende Tat zu verstehen. Und das wiederum ist die Grundvoraussetzung dafür, etwas ändern zu können. Hast du gar nicht vor, etwas zu verändern, so dass das, wofür du dich entschuldigst, jederzeit wieder passieren kann, ist die Entschuldigung nur ein Wort. Und das hat nichts mit einer richtigen Entschuldigung zu tun. Daher: ab in die Ecke nun, ei, da kannst du Buße tun! Was aber ist Buße eigentlich?

 

 

Das Wort ‚Buße‘ kennt man aus zweierlei Zusammenhängen: Religion und Strafgesetzbuch (Bußzahlung). Übersetzt man den griechischen Begriff ‚metanoia‘ für Buße wörtlich, heißt er so viel wie ‚Umdenken‘. In diesem Sinne ist Buße als eine Art Sinneswandel oder Umkehr zu verstehen. Mit dem bloßen Nachdenken in der Ecke ist es aber nicht getan. Buße ist eine Tat. Im Brockhaus steht, dass die Buße „die für eine religiöse, sittl. oder rechtl. Schuld zu leistende Sühne“ sei. (12 Bde. 1978, Bd. 2, S. 414). Und die Sühne wiederum ist ein Akt der Wiedergutmachung oder Strafe zur Tilgung der Schuld. Das heißt: Vergehen Buße ‚Ent-Schuld-igung‘. Und damit sind wir schon beim Kern der Sache: wenn du ent-schuldigt, also von der Schuld erlöst werden möchtest, dann kommst du an der Buße nicht vorbei.

 

 

Buße, Sühne, Strafe: Und vergib uns unsere Schuld!

In den meisten Religionen ist Buße eine Sache zwischen Gott und Sündiger. Das Vergehen hat die Beziehung zwischen Gott und Gläubigem beschädigt und die Buße soll das wieder reparieren. Bei den Katholiken zum Beispiel folgt auf das Schuldbekenntnis (Beichte), die Buße und daraufhin die Vergebung der Schuld durch Gottes irdischen Stellvertreter (Absolution). Auch bei den Buddhisten ist die Erkenntnis der eigenen Schuld der erste Schritt zum Tilgen derselben. Dabei folgen die Buddhisten dem Glauben an die Konsequenzen des eigenen Handelns auf einer höheren Ebene (Karma) nach dem Muster: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ oder „Was du nicht willst, was man dir tut, das füge auch keinem andern zu.“

 

Wenn wir jetzt aber mal die Religion und die Beziehungsarbeit mit Gott außen vor lassen, dann bleibt immer noch übrig, dass Schuldgefühle belasten. („Ein schlechtes Gewissen ist ein schlechtes Ruhekissen.“) Das ist auch gut so, sonst gäbe es wohl gar kein ethisches oder moralisches Verhalten auf der Welt.

 

Neben den Schuldgefühlen ist auch die Beziehung zu einem anderen Menschen beeinträchtigt, der eventuell etwas weniger nachsichtig ist als Gott. Trotzdem ist auch auf der horizontalen Mensch-zu-Mensch-Ebene der erste Schritt zur Heilung der gleiche wie in der vertikalen Mensch-Gott-Beziehung  – die Schuld-ER- und BEkenntnis (Beichte). Sind wir nicht gläubig, haben wir dafür noch immer die Ecke und wenn uns die nicht reicht, den Psychotherapeuten. Dieser Schritt, zu seiner Tat zu stehen, ist überhaupt nicht zu überschätzen. Es ist der sprichwörtlich erste Schritt zur Besserung und ohne den läuft nichts. Der Psychiater und Neurowissenschaftler Raphael Bonelli schreibt in einem Artikel, dass unsere „wehleidige Emotionalität“ die Tat, für die wir uns schämen („Schandtat“), am „liebsten ins tiefste Unterbewusstsein verdrängen“ würde. Übernähmen dann die selbstbetrügerischen Kräfte Perfektionismus, Narzissmus oder Egozentrik die Kontrolle, beginne die Selbstrechtfertigung. Die Schandtat wird umgedeutet: Überhaupt hat der oder die andere ja viel mehr Schuld an der Situation und hätte der oder die nicht das getan, dann … ja, dann … wäre es überhaupt nie so weit gekommen. (gutes Beispiel: Hitler, der die Juden zu ‚Parasiten‘ erklärte und sich damit moralisch vor sich selbst ins Recht setzte).

 

 

Zwar kann es sich lohnen, NACH erfolgreicher Entschuldigung die kausalen Zusammenhänge der Tat zu beleuchten und aufzuarbeiten, damit sich die ‚Schandtat‘ nie wiederholt. Dennoch muss sich jeder Schand-Täter zunächst einer Sache bewusst sein: egal, was dazu geführt hat, dass es passiert ist. Getan hat ER (oder sie) es. Und dafür muss er (oder sie) die Verantwortung übernehmen. Basta!

 

Der zweite Schritt: raus aus der Ecke!

Wenn du die beschädigte Beziehung heilen und deine Schuld tilgen möchtest (es lebe das „gute Ruhekissen“), musst du aktiv werden. Mach‘ dir Gedanken über eine angemessene Wiedergutmachung und suche das Gespräch. Dafür wähle Zeit und Ort, die ein ruhiges Gespräch unter vier Augen ermöglichen. Nun kommt es darauf an, sich richtig zu entschuldigen. Professor Roy Lewicki veröffentlichte im Mai 2016 die Ergebnisse einer Studie an der Ohio State University, in der die sechs Komponenten einer erfolgreichen Entschuldigung erarbeitet wurden:

 

  • Ausdruck des Bedauerns („Es tut mir leid“)
  • Erklärung des Verhaltens / der Ereignisse („Ich war müde“, „Ich hatte Angst“, „Ich habe vorher eine schlechte Nachricht erhalten“, o.ä.)
  • Übernahme der Verantwortung („Ich habe einen Fehler gemacht“)
  • Bekunden von Reue („Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es anders machen. Ich werde diesen Fehler nicht wiederholen“)
  • Angebot der Wiedergutmachung („Was kann ich tun, um das wieder gerade zu biegen?“ „Ich biete an, das oder das zu tun, …“)
  • Bitte um Verzeihung („Verzeih mir bitte“)

Die Übernahme der Verantwortung hat sich in der Studie als wichtigster Punkt für eine erfolgreiche Entschuldigung gezeigt. An zweiter Stelle steht das Angebot der Wiedergutmachung. Damit haben wir es wieder: Schuldbekenntnis und Buße sind der Kern der Angelegenheit. Daher solltest du sie auch an die wichtigste Stelle in deiner Entschuldigung rücken. Damit erzielst du nicht nur die höchste Wahrscheinlichkeit, dass deine Entschuldigung akzeptiert wird und die Beziehung eine Chance auf Heilung hat, sondern mit der Sühne läuterst du dich außerdem und befreist dich von den quälenden Schuldgefühlen. Dabei bevorzuge ich persönlich immer eine konstruktive Form der Wiedergutmachung anstatt einer destruktiven (Selbst-)Bestrafung. Auch vom Bußgeld halte ich nicht besonders viel, auch wenn es am germanischen Ursprung (‚baß‘ Nutzen, Vorteil) anlehnt. Aber dass man (insbesondere eine Institution oder ein bürokratisches System) vom Fehlverhalten eines Einzelnen profitiert, finde ich irgendwie unmoralisch. Und für den Täter ist es – wie damals die Ablassbriefe der katholischen Kirche – ein Freikaufen von Schuld ohne jede innere Entwicklung. Leute, Leute, Leute, so lernt man doch nicht aus den Fehlern … und das ist doch schließlich der Sinn dieser ganzen Täter-Opfer-Sache.

 

 

TT: Tipps für den Täter

Kommen wir nun zu konkreten Tipps für Entschuldigungen, die dir und dem Opfer weiterhelfen, für das "gute Ruhekissen", für dein Karma, für die Beziehung!

Do’s:

  • Verzeihe dir selbst. Fehler macht jeder. Shit happens. Hauptsache, du lernst daraus. Dann ist kein Fehler umsonst.
  • Formuliere deine Entschuldigung in der Ich-Form. Halte Blickkontakt beim Reden und Zuhören.
  • Sei genau bei dem Eingestehen deiner Schuld. Allgemeine und austauschbare Sätze („Es tut mir leid, dass ich dich verärgert habe.“ „Ich bin schrecklich.“) zeigen nicht, dass du weißt, was du eigentlich getan hast.
  • Überlege dir im Vorfeld Möglichkeiten der Wiedergutmachung.
  • Nenne ganz konkrete konstruktive Maßnahmen, mit denen du die Wiederholung der ‚Schandtat‘ vermeiden möchtest. (KEINE Selbstgeißelungen oder Selbstbestrafungen!)
  • Bereite dich darauf vor, dass deine Entschuldigung eventuell nicht angenommen wird und akzeptiere das gegebenenfalls.
  • Lass deinem Gegenüber alle Zeit, die er oder sie braucht.
  • Höre deinem Gegenüber zu und versuche dessen oder deren Perspektive zu verstehen und idealerweise auch die Gefühle nachzuempfinden.
  • Frage nach, wenn du etwas nicht verstehst oder bei Vorwürfen, die du nicht nachvollziehen kannst. Auf den Vorwurf: „In der Situation hast du absolut furchtbar reagiert!“ könntest du zum Beispiel so antworten: „Hast du einen Tipp für mich, wie ich besser hätte reagieren können?“ oder „Welche Reaktion hättest du dir gewünscht?“

Don’ts:

  • Führe das Gespräch nicht mit überkreuzten Armen. Das sendet die falschen Signale.
  • Du solltest das Geschehen weder verharmlosen, noch schlimmer machen als es ist.
  • Mach dich durch Selbstvorwürfe und theatralische Selbstanklagen nicht zum Opfer. Diese Rolle steht dir nicht zu, sondern deinem Gegenüber. DU hast Mist gebaut, also steh‘ dazu. Jeder macht Fehler. Das ist menschlich und ein notwendiger Bestandteil der persönlichen Entwicklung. Deswegen bist du noch langer kein schlechter Mensch. Wenn am Ende der Entschuldigung das Opfer dich tröstet, hast du noch nicht verstanden, worum es geht.
  • Baue keinen Druck auf, sondern übe dich in Geduld. Wenn der oder die andere noch Zeit braucht, gewähre sie. Du kannst den anderen nicht dazu zwingen, dir zu verzeihen. Akzeptiere das! Druck verschlimmert alles nur noch. Mit deiner Entschuldigung hast du den ersten Schritt gemacht. Überlasse es dem anderen zu bestimmen, wie es weitergehen soll. Idealerweise verlasse das Gespräch mit einer konkreten Absprache. „Ich verstehe, dass du noch Zeit brauchst. Wann darf ich mich bei dir wieder melden?“ oder „Wollen wir uns in … noch einmal treffen und weiterreden?“
  • Vermeide Schuldzuweisungen ebenso wie Rechtfertigungen. Streiche das Wörtchen „aber“ für deine Entschuldigung aus deinem Wortschatz. („Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber …“ Nöööt – Entschuldigung durchgefallen.) Und diskutiere nicht übers Rechthaben. Wenn der andere Mensch verletzt ist, ist er es. Stelle nicht dessen Berechtigung dazu in Frage. Eher: „Wenn ich darf, würde ich dir gerne meine Sicht erklären. Vielleicht mildert das deine Verletzung etwas.“
  • Schreien und beleidigen gehören definitiv nicht zu einer Entschuldigung. Doppel-Nöööt!

Abschließend NATÜRLICH der Klassiker von Dostojewski, der gefühlt seit fünfzehn Jahren auf meinem SUB (neudeutsch für ‚Stapel ungelesener Bücher‘) liegt, ein Selbsthilfebuch für die Zeit in der Ecke und vor dem Schritt zum Therapeuten oder Beichtstuhl, und ein psychoanalytisches Buch zum Thema Schuld, Schuldgefühle und Trauma (schaden kann's nicht ...). So, ich drück' euch die Daumen für ein 'Happy End' - berichtet mal, wie es euch mit euren Schuldgefühlen und eurer Entschuldigung ergangen ist!

 

 




 

 

Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Die Bilder im Fließtext stammen von www.pixabay.de

 

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