KOLUMNE | 11. April 2016

 

Die religiöse Botschaft vom 'frohen Schaffen'

„Liebe Arbeit, bitte mach‘, dass ich immer zu essen und ein Dach über den Kopf habe. Zeige mir wer ich bin und erlöse mich von der Todsünde der Faulheit!“ Dieses kleine Gebet an das abstrakte Götzenwesen Arbeit klingt doch erstaunlich stimmig, oder?! Tatsächlich sprechen viele Indizien dafür, dass Arbeit als Religion funktioniert. Davon müssen wir jetzt nur noch das Finanzamt überzeugen. Denn dann können wir statt der hohen Einkommenssteuer die viel geringere Kirchensteuer zahlen… Stark!

Inspiration zu diesem Blog-Thema gab mir der Dokumentarfilm „Frohes Schaffen“. Der verfolgt gezielt einen Zweck: er will die Arbeitsmoral senken. Das steht sogar schon im Untertitel des Films. Und mit dieser Zielsetzung informiert die Doku über das Thema Arbeit: bewusst einseitig, dennoch unterhaltsam und interessant. Man erfährt zum Beispiel, was ein Memplex ist. Nämlich ein komplexes Gebilde kultureller Bewusstseinsinhalte, das sich durch Kommunikation vervielfältigt. Geld ist so ein Memplex: bedruckte, bunte Papierscheinchen, die nur deswegen einen Wert besitzen, weil wir alle die entsprechende Information darüber teilen und anerkennen (aus der Weltraum-Perspektive schon ein wenig „drollig“, wie auch Douglas Adams in Per Anhalter durch die Galaxis bemerkt).

 

Laut der Dokumentation ist der 'Glaube an die Arbeit' ebenfalls so ein Memplex. Arbeit gebe die Antwort auf alle klassischen Sinnfragen, die sonst Religionen ihren Anhängern beantworten: „Wer bin ich?“, „Was ist der Sinn meines Lebens?“, „Was macht mich zu einem guten Menschen?“, etc. Das macht irgendwie wirklich Sinn, verrückt oder?

 

Früher war alles anders ...

Woher aber stammt diese Bedeutung von Arbeit? Denn wer denkt, das war immer so, täuscht sich gewaltig. Noch bei Aristoteles waren Arbeit und Tugend unvereinbar. Auch bei der Bildung des Wortes 'Arbeit', dachte man nicht gerade an etwas Positives. Mit dem Wort Arbeit, von lateinisch arvum, arva (= gepflügter Acker), bezog man sich vor allem auf die Mühsal und Not der Tätigkeit. Anders ausgedrückt: Arbeit hatte so ungefähr das Ansehen eines eitrigen Furunkels! Was ganz Tolles wurde Arbeit erst durch die Lehren Martin Luthers. Arbeit als Berufung, an Gottes Werk mitzuwirken: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“, sagte er. Hui, da sah' es dann auf einmal ganz anders aus. Berufen zu sein, das war schon was. „Arbeit macht das Leben süß“, „Dem Fleißigen hilft Gott“, „Ohne Fleiß kein Preis“, „Sich regen bringt Segen“, „Arbeit macht frei“ – in diesem Wortopolis der Arbeit, ist die Arbeit nicht nur rehabilitiert, sondern geradezu Ausdruck eines höheren Heils. Diese Verklärung des ‚tätigen Schaffens‘ hat sich im Mutterland des Fleißes bis heute gehalten. Problematisch ist es jedoch wenn die positiven Aspekte von Arbeit immer mehr abhandenkommen, z.B.:

  • Befriedigung über ein greifbares Resultat / Stolz über eine erbrachte Leistung
  • Struktur und Stütze im Alltag / Arbeit als Kraftquelle
  • Entwicklung von Selbstbewusstein (nach Hegel)
  • Arbeit als Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln (Marx/Engels).

Die direkten Zuständigkeiten von Arbeit für unser Leben haben wir heute zu einem Großteil abgegeben. Es funktioniert meist nur noch über den Tauschwert Geld. Wohnen, Essen, Krankheiten behandeln – dafür müssen wir Geld (zur Erinnerung: das sind drollige, bedruckte Papierscheinchen) verdienen. Und das tun wir mit zum Teil für den ‚Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur‘ vollkommen überflüssigen Tätigkeiten. Dazu zählt zum Beispiel die gesamte Drollige-Scheinchen-Wirtschaft (Banken, Börsen, Versicherungen…)

 

Wieviel Arbeit braucht der Mensch?

Jetzt mal gesponnen: Was wäre denn, wenn wir alle überflüssigen Tätigkeiten streichen würden, alle Arbeit gleichmäßig verteilen, nachhaltig produzieren und lokal arbeiten würden? Publikationen wie „5-Stunden-sind genug“ von Darwin Dante (is'n Pseudonym) gehen unter Auswertung von statistischen Daten davon aus, dass eine 5-Stunden-Woche vollkommen ausreichend wäre. Ja verdammt, warum arbeiten wir denn dann so viel? Die Dokumentation antwortet: weil wir an die Arbeit glauben! Weil wir in einer ‚Matrix‘ leben, in dem Arbeit dem Individuum Wert verleiht. Weil wir in einer Konsumspirale feststecken. Doch wo setzen wir die Grenze? Wieviel (unnütze) Arbeit seid Ihr bereit, für den extra großen Flatscreen-Fernseher, das Zweit-Auto oder den Urlaub im Luxus-Hotel auf Euch zu nehmen? Oder wäre es nicht lohnenswert, die eigenen Konsumansprüche runterzuschrauben, um auch die tägliche Arbeitszeit reduzieren zu können? Verdammt, wenn die Zombies kommen, ist doch eh' alles weg… Außerdem können wir dann auch endlich mit diesen grotesk geilifizierenden Berufsbezeichnungen aufhören und ein Facility Manager ist endlich wieder ein Hausmeister, ein Call-Center-Agent macht schlicht Telefondienst und ein Rotations-Designer fräst einfach seine Werkstücke. Fertig.

 

Es gibt natürlich auch diejenigen, bei denen das Arbeiten nicht rein dem Konsumzweck dient, sondern eher (religiöser) Lebenszweck ist. Hauptsache, man vermeidet – wie es in einem Artikel der ZEIT heißt – die „Vorhölle Hartz IV“. Dazu geht man dann auch vollkommen sinnbefreit 40 Stunden die Woche in einem Fake-Supermarkt arbeiten (Real Life Center der Arbeitsagentur). Es zählt die Leistungsperfomance. Schließlich leben wir Deutschen in einer 'Leistungsgesellschaft'. Und wir können ja auch etwas aushalten, denn dazu passend haben wir auch noch einen 'Leidenskultur' ausgebildet. Als i-Tüpfelchen wird noch das moderne Konzept Freizeit dem Arbeitstag einverleibt. Wer braucht zum Beispiel Schlaf? Viel besser ist das sogenannte 'Powernapping', Kurzschlaf zur Leistungsoptimierung im Arbeitsalltag. Dafür gibt es von Tokyo bis New York sogar schon spezielle 'Schlafbars'. Puh, das war ja gerade noch der rettende Einfall, um der Todsünde Faulheit zu entgehen...

 

Vom Leid zur Lust: der Glaube an die Arbeit

Ich finde, dieser Hype um Leistung und Arbeit hat so ein bisschen was von Masochismus. Hinter dieser "Störung der Sexualpräferenz" (Wikipedia) stehen häufig Demütigungen und Misshandlungen, die quasi als Überlebensstrategie des Unterbewusstseins in Lust umgewandelt werden. Genauso funktioniert es mit Arbeit als Religion: Der Mensch leidet unter seiner Arbeit? Schwupps wird die Arbeit überhöht zum Sinngeber des Lebens, zum Träger der Identität und des Selbstwertgefühls. Etwas macht mich dabei allerdings sehr stutzig. Denn normalerweise kommt doch ein wahrhaft gläubiger Mensch, der sich immer brav an die Grundsätze seines Glaubens hält, in den Himmel. Warum wartet dann also auf den treuen Arbeiter, der sich für seinen Glauben regelrecht aufopfert, am Ende sowas wie ein inneres Höllenfeuer (oder wie soll man ein 'Burn-out' sonst nennen?) - mmh, mal drüber nachdenken...

Den dann noch immer zweifelnden Konvertierungswilligen schlage ich vor, zunächst den 'Sterbebett-Test' zu machen. Der geht so: Du stellst dir vor, du liegst im Sterben (die Todesart ist egal...). Und jetzt fragst du dich: Was hätte ich in meinem Leben gerne mehr, was weniger, was anders gemacht? Wenn jetzt die Antwort lautet: "Also am liebsten hätte ich noch mehr gearbeitet" - dann ist die Religion der Arbeit genau richtig für dich.

 

Zeit für mein Schlusswort:

Der Aphorismus „Arbeiten, um zu leben und nicht leben, um zu arbeiten“ ist bekannt, auch dass sich hinter einer Redewendung wie „Arbeit macht frei“ die zynische Wahrheit „Vernichtung durch Arbeit“ verbergen kann. Aber habt ihr schonmal darüber nachgedacht, dass die Vorbilder für Fleiß (Biene, Ameise, etc.) NUR aus der Welt der Insekten kommen? Oder kennt Ihr Säugetiere, deren Natur es ist, unermüdlich zu arbeiten? Mir fällt keins ein… außer der Mensch natürlich. YouTube-Tipp: Grooveminister - Verdient (3:49 min) (INFO: Eigentlich finde ich eingebettete Videos toll, aber wegen der EU-Datenschutzverordnung und weil ich mich nicht nicht unbeabsichtigterweise an der Jagd auf eure Daten beteiligen möchte, gibt es nur noch Tipps zum Selberyoutuben bei mir)

 

Abschließend wieder ein paar Vorschläge, um tiefer in die Materie einzusteigen. Ein kleines, sehr angenehm zu lesendes und sehr informatives Büchlein zum Thema Arbeit hat Manfred Füllsack geschrieben. Für ein wenig wissenschaftlichen Hintergrund und UNGLAUBLICH schlaue Überlegungen findet ihr dazu in meiner Dissertation Kapitel 2.3 "Alltag = Werckeltag"? - Arbeitsphänome des Alltagslebens. Und dann ist da natürlich noch die Doku "Frohes Schaffen".



Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Es sind nur die frei im Netz zugänglichen Publikationen verlinkt. Andere Publikationen stelle ich lediglich mit dem Titelbild vor ...

 

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