WÜTEND 3

Die Stille danach

 

Wut macht müde, dachte sie und sah unter halb geschlossenen Augenlidern auf die leicht gebauschten Vorhänge, die sich sanft im Wind bewegten. Natürlich ist man nicht müde, während man wütend ist. Nicht in dem Moment, in dem der Puls durch die Decke schießt und man am liebsten riesige Felsbrocken auf das- oder denjenigen im Fadenkreuz der Wut schleudern will. Sie ließ ihre Atemluft geräuschvoll durch die Lippen entweichen. Nicht dann, wenn man sich beim Versuch, die Tonne Gestein zu heben und den oder das andere darunter zu zermalmen, den Rücken verhebt und vor Schmerz noch wütender wird. Nicht wenn man merkt, dass einem beim Schreien der schlimmsten, in seinem Geist verfügbaren Beleidigungen Spucketröpfchen aus dem Mund fliegen, wie bei einer vollkommen ausgeflippten Furie. Peinlich! Aber Wut lässt keinen Platz für Peinlichkeit. Wütenden Menschen ist alles egal ... alles, alles, außer dem Ziel ihrer Wut.

 

Doch auch die größte Wut brennt irgendwann aus. Wie ein Kernreaktor, der explodiert und Stille zurücklässt. Stille und eine Müdigkeit, die schal und abgestanden schmeckt. Es bleibt das hinterlassene Chaos der Explosion, wie eingefroren oder in Zeitlupe. Ein Chaos, in dem man sich nicht wagt, sich zu bewegen. Worte, die nie hätten gesagt werden dürfen, wabern geisterhaft durch den Raum. Dinge, die mit Mühe und Liebe erschaffen wurden, klagen mit ihren zerstörten Gesichtern an. Wie gut, dass sie stumm sind und keine Zeigefinger haben. Jetzt ist Zeit für Peinlichkeit und Scham, für Abscheu und Trauer, die man sich aber nur blinzelnd anzuschauen traut. Zwischen den gespreizten Fingern hindurch und nur ganz, ganz kurz. Einmal hinschauen und dann schnell wieder weg.

 

Ich bin so müde, dachte sie. Warum kann ich nicht einfach schlafen?! Aufstehen konnte sie aber auch nicht. Es war wie eine Form der Lähmung, die sie ans Bett fesselte. Sie sah auf die Vorhänge, die so friedlich und arglos im Luftzug schaukelten, drehte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Ihr Verstand tastete sich um die Ereignisse der letzten Nacht herum. Und dabei entstand eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Fiktion und Realität. Es hätte auch alles ganz anders ablaufen können. Wenn sie nur nicht … Wenn er nur nicht … Wie hatte das alles angefangen? Ach, lächerlich. Es war nur eine Kleinigkeit gewesen. Eine Kleinigkeit, die wie das entscheidende Teil in einer komplizierten Apparatur Dinge in Gang gesetzt hatte. Sie atmete tief ein und aus und sah wieder zu den Vorhängen. Bilder flimmerten in ihrem Kopf auf, von Dingen, die er gesagt hatte, Dingen, die sie gesagt hatte. Das, was sie gesagt hatte, fand sie jetzt schlimmer. Hatte sie sich wirklich auf ihn gestürzt und ihn gebissen? Sie spürte, wie ihre Hände zitterten und verschlang ihre Finger miteinander. Wie hatte das alles nur so entgleisen können? In ihren Augen brannte es und dennoch spürte sie, wie sich ihre Mundwinkel in die Breite zogen. Spöttisch schnaufend drückte ihr Bauch die Luft aus ihrem Körper. Wie absurd das alles war. In diesem Moment wusste sie genau, warum sie wütend geworden war. Weil sie sich nicht wahrgenommen gefühlt hatte und sie das verunsichert hatte. War sie ihm wichtig? Wie wichtig? Wichtig genug? Und nur, weil sie Angst gehabt hatte, nicht genug geliebt zu werden, hatte sie alles kaputt gemacht. In wenigen Momenten die ganzen Jahre zerstört. Nur weil Angst Wut machte. Und dann kam die Müdigkeit in der Stille des Danach.

 

Maunzend sprang ihr Kater Miro auf das Bett und tapste mit seinem ausgewachsenen Katergewicht über sie hinüber. Mit allen Vieren auf ihrer Brust blieb er stehen und miaute ihr direkt ins Gesicht. Ich bin so müde, dachte sie. Gleichzeitig drängte ihr die Gegenwart des warmen, lebenden Wesens die Tränen aus den Augen. Unbeeindruckt maunzte der Kater weiter. Sie zog schniefend die Nase hoch. „Ja, ja“, murmelte sie. „Ich weiß, du hast Hunger.“ Mühsam quälte sie sich aus dem Bett und nahm aus den Augenwinkeln die ungenutzte Bettseite war, die sie den ganzen Morgen über erfolgreich ignoriert hatte. Mit schweren Beinen ging sie durch den schmalen Flur zur Küche, Miro strich ihr schnurrend zwischen den Beinen herum. Es war die gleiche Wohnung wie vor 24 Stunden und doch nicht. Die Wut, mit der sie sich angeschrien und beleidigt hatten, durch die sie miteinander gerungen und Dinge durch die Gegend geschmissen hatten, hatte alles verändert. Es war ein fremder Ort geworden. Ein Kriegsschauplatz, dem Tausende von Erinnerungen Trostlosigkeit verliehen. Und warum? Hatten sie sich allen Ernstes deswegen gestritten, weil er den Abwasch nicht gemacht hatte? Hatte es deswegen Krieg gegeben? Seine Jacke an der Garderobe fehlte. Noch niemals zuvor war er im Streit gegangen und die ganze Nacht weggeblieben. Sie rieb sich durchs Gesicht und stöhnte auf. Krieg konnte nur eins: zerstören. Nicht klären, nicht entwickeln, nichts, rein gar nichts außer kaputt machen.

 

Und während sie Miro sein Futter in den Napf füllte, so unendlich müde und traurig, fasste sie einen Entschluss. Nie wieder würde sie so wütend werden, dass sie die Kontrolle verlor. Nie wieder! Stattdessen würde sie bis zehn zählen oder den Raum verlassen oder eine Chili essen, eine kalte Dusche nehmen oder sonst irgendwas, was die Situation unterbrach. Denn niemals wieder wollte sie das hier aushalten müssen: die gespenstische, anklagende Stille danach.

 

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