Gläsern oder nicht gläsern, das ist hier die Frage! Über Datenschutz und Datenjagd

 

Womit bezahlst du? Mit Karte oder Paypal? Nutzt du Payback oder Kundenkarten? Bestellst du bei amazon und lässt dir von Alexa Musiksender, Heizung & Co. einstellen? Liest und kommentierst du Blogs? Die Frageliste ließe sich noch ewig fortsetzen. Worum es dabei geht, ist kurz gesagt: deine Daten! Daten … diese machtvolle Geheimwährung, die mittlerweile die Welt zu regieren scheint. Deswegen auch diese neue EU Datenschutzverordnung, das aktuelle Schreckgespenst der Blogger-Welt. Und dabei sind diese ‚Daten‘ doch vollkommen harmlos, wenn man nichts zu verbergen hat. Oder doch nicht?

 

Was macht deine Daten so kostbar oder eben auch nicht?

Wenn man sich anschaut, mit welcher Wollust viele Menschen ihr Leben mit der Weltöffentlichkeit teilen und alle, die es interessiert oder auch nicht interessiert, über ihren allerprivatesten Alltag (Mittagessen, Arztdiagnosen, Beziehungsprobleme etc.) informieren, kommen einem Daten nicht besonders kostbar vor. Eher wie Ramschware, die nur in der Masse Bedeutung hat. Warum ist so etwas wie Datenschutz also überhaupt wichtig? Wen interessiert es, wie ich heiße, welche Telefonnummer ich habe oder was ich gerade eingekauft habe?

 

(Kurze Anmerkung: Nach wie vor finde ich es äußerst skurril, dass man beim großen A seine Einkäufe ‚teilen‘ kann, und das nicht im mildtägigen Brot-für-die-Welt-Sinne, sondern eher in informativ prahlerischer Absicht: „Ei, guck einmal, was ich da gerade gekauft habe. Jahaha, solche schönen Staubsaugerbeutel hätt‘st du auch gerne, gelle?!“)

 

Was will überhaupt jemand mit dem Wissen über mich anfangen? Eigentlich ist der altbekannte Ausdruck des reinen Gewissens „Ich habe nichts zu verbergen“ doch geradezu ein Plädoyer für die Aufhebung der 'geheimen' Privatsphäre. Im gleichen Zuge wirkt die Zurückhaltung von Daten von vornherein verdächtig. „So, so, du willst also nicht sagen, wie du gestern deinen Tag verbracht hast! Warum denn nicht? Bist du vielleicht pervers und hältst einen Sexsklaven in deinem Keller gefangen? Oder hast du Zutaten für eine Bombe besorgt und bereitest gerade ein Attentat vor? Verkaufst du heimlich Drogen?“

Nichts verleitet so sehr zu Spekulationen und der Unterstellung moralisch, ethisch oder rechtlich unzulässiger Handlungen wie ein Mensch, der nichts von sich preisgibt. Und wie der neugierige Nachbar ist auch staatliche Überwachung stark gefährdet, nicht nach dem Rechtsprinzip ‚unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist‘ zu funktionieren, sondern nach dem Prinzip: potenziell ist jeder verdächtig. Unter dem Banner der Sicherheit soll die Speicherung und Auswertung von Daten daher dazu dienen, terroristische Aktivitäten schneller zu bemerken und kriminelle Machenschaften besser aufzudecken. Es könnte ja jeder von uns ein schwarzes Schaf sein. Und wenn man nicht die ganze Herde überwacht, wie soll man dann bitte das eine schwarze Schaf entdecken? Diese Frage beschäftigt auch immer wieder Gerichtshöfe verschiedener Instanzen, in Ländern wie Deutschland häufiger noch im Sinne der Persönlichkeitsrechte, in Ländern wie der Türkei nur noch im Sinne eines Diktators à la ‚Irrogan‘.

 

Freiheit und die Neugier des großen Bruders

    Ich halte einfach mal fest: das Recht auf Privatsphäre ist ein zentraler Aspekt von Freiheit. Es ist das Recht, sich ohne äußere Beeinflussung frei zu entwickeln. Und dieses Recht ist genauso kostbar wie das Recht der Meinungsfreiheit.* Selbst wenn ich im Rahmen gesetzlicher Legalität natürlich tun und lassen kann, was ich will, ist Überwachung eine Einschränkung oder um auf den Fachjargon zurückzugreifen: eine Beschneidung des 'Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung'. Die Leute, die mit privaten Informationen nur so um sich werfen, entscheiden nämlich immer noch selbst, was sie posten und was nicht. Wenn man dagegen beobachtet wird, fällt diese Selbstbestimmung weg. Beispiel:

 

  1. Ich poste ein Foto davon, wie ich mich am Hintern kratze = Statement à la: Ich nehm‘ mich selbst nicht besonders ernst, ich kann über mich lachen oder gesellschaftliche Konventionen gehen mir an eben gezeigtem Arsch vorbei.
  2. Jemand anders beobachtet mich uneingeladen dabei, wie ich mich am Hintern kratze = Kontrollverlust über die Situation, deren Bewertung und Verwendung.
  3. Ich weiß, dass ich kontinuierlich beobachtet werde und verkneife mir den Hinternkratz-Impuls = „Der Bürger wird zum Komplizen seiner eigenen Polizeigewalt – und überwacht sich selbst“ (ZEIT-Artikel: Wir haben sehr wohl etwas zu verbergen!)

Für die Stärkung der informationellen Selbstbestimmung gibt es jetzt die neue Datenschutz Grundverordnung der EU. Sie soll Schluss mit dem heimlichem Sammeln unserer Daten machen und uns die Augen darüber öffnen, in welchem Ausmaß wir ausspioniert werden. Die ändert allerdings ziemlich wenig an den Möglichkeiten des Staates, uns zu überwachen, zumindest sobald irgendein ‚berechtigtes Interesse‘ an unseren Daten besteht. Besonders gefährlich daran finde ich die Möglichkeit der Steigerung. Aus Überwachung zum Schutz der Bevölkerung wird Kontrolle. Auf einmal werden nach Vorbild der Stasi oder irgendeines anderen beliebigen Geheimdienstes Akten über einen angelegt. Es kommt zu Verhaftungen wegen staatsfeindlicher Äußerungen, „Säuberungen“ – fertig ist der totalitäre Staat oder die Diktatur. Meinungsvielfalt ist dann in die Geschichte oder in den Untergrund verbannt, will man nicht um seine Freiheit oder sogar sein Leben bangen.

 

Mein Lieblingsfeind Nr. 1: Wirtschafts-Giganten

Neben dem staatlichen Interesse an unseren Daten, hat es vor allem und in erster Linie und ganz besonders die Wirtschaft auf Informationen über uns abgesehen. Ich habe ja bereits häufiger auf die manipulativen Methoden der Werbung verwiesen (Augen auf beim Eierkauf! Marketingstrategien zum Gruseln oder Mentalmagie, NLP & Glaubenssätze – so leicht manipuliert man das Gehirn) und jetzt ist es mal wieder so weit. Welche Zielgruppe wann welche Internetseiten besucht, wie lange sie dort bleiben, auf welche Buttons oder Links sie klicken – all diese Informationen sind für die Wirtschaft bares Geld wert. Denn ihre Auswertung ermöglicht es, Produkte möglichst gewinnbringend zu platzieren, Aufmerksamkeit zu lenken, unterschwellige Konsumwünsche zu erzeugen. Habt ihr mal den Film 'Minority Report' gesehen? Darin zeigt der geniale Steven Spielberg eine Art von individualisierter Werbung, die eigentlich schon gar kein Science-Fiction mehr ist. Im Vorbeigehen werden die Augen gescannt, das persönliche Konsum- und-Vorlieben-Profil abgerufen und dann zielgerichtet Angebote unterbreitet. „Sie waren schon lange nicht mehr im Urlaub …“ Teile davon funktionieren tatsächlich auch heute schon, wenn auch ohne Netzhaut-Scan. Es gibt richtige 'Datenfarmen' (z.B. von google), auf denen Algorithmen unsere Internetznutzungsdaten auswerten und daraus Persönlichkeitsprofile erstellen. Dadurch ist es zum Beispiel möglich, einem Paar, das noch keinem einzigen Menschen vom bevorstehenden Nachwuchs erzählt hat, einen Katalog für Babybedarf zukommen zu lassen, weil die Computer aus den Konsumdaten eins und eins zusammengezählt haben (s. Artikel in The Atlantic). Es ist möglich, dass Facebook voraussagen kann, ob deine Beziehung hält und dein Gesicht automatisch auf Fotos erkennt oder dass man durch die Auswertung deiner 'Freunde' bei Facebook weiß, dass du schwul bist, obwohl du dich noch gar nicht geoutet hast. Die Maschinen wissen mehr über dich als deine besten Freunde, ja, sie werden – wie Apples Siri gerne verkündet – selbst zu deinem besten Freund. Die Gedanken sind frei, weil geheim? Das war mal. Heute ist man ein gläserner Kunde, ein entmenschlichter User mit errechnetem Persönlichkeitsprofil. Wenn die Botschaft jetzt noch nicht angekommen ist, noch einmal ganz deutlich: DAS IST GRUSELIG!

 

Warum deine Daten also kostbar sind? Weil sie viel mehr über dich verraten, als du vielleicht glaubst und dich angreifbar und manipulierbar machen. Weil das geschickte Auswerten und Ausnutzen deiner Daten deinen ‚freien Willen‘ beschneiden kann, ohne dass du es merkst. Weil du damit Unternehmens-Giganten unwissentlich unterstützt und noch mächtiger machst, bis – hallooo Paranoia – wir der willkürlichen Machtausübung weniger Unternehmen vollkommen ausgeliefert sind.

 

Vergiss mich nicht! Nun vergiss mich doch endlich! Es wird philosophisch

Das Internet vergisst nicht oder mit anderen Worten: Was einmal online gegangen ist, lässt sich nicht restlos wieder löschen. Genau darauf bezieht sich der Artikel 17 der neuen Datenschutz-Verordnung mit der bemerkenswerten Überschrift: „Recht auf Vergessenwerden“. Man muss diese Aussage mal ein wenig im Kopf kreisen lassen. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, dass wir ein Recht auf Vergessenwerden brauchen? Ging es bisher nicht eher darum, erinnert zu werden? Jetzt hat man ein Recht auf Vergessenwerden. Wahnsinn! Und traurig. Weil das doch heißt, dass sich die falschen Leute aus den falschen Gründen an einen erinnern. Maschinen erinnern sich an einen hinsichtlich seiner Funktion als potenzieller Konsument. Peinliche Videos, die irgendeine böswillige Person über einen hochgeladen hat, können einen ein Leben lang verfolgen, ohne dass es ein Entkommen davor gibt. Neuanfang in einer neuen Stadt? Angesichts der globalen Datenvernetzung heute reines Wunschdenken. Man steht im Scheinwerferlicht und das 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Den sozialen Status liest man an der Anzahl der ‚Freunde‘ ab, an der Menge der Likes und Follower und man steigert ihn mit kontinuierlichen Posts in hoher Frequenz. Es hat was von dem Müll-Strudel im Pazifik, der wächst und wächst und wächst, basierend auf der bitteren Wunder-Pille ‚Quantität‘. In meiner Dissertation habe ich dazu die Theorie entworfen, dass diese globalen Massen-Phänomene die „Sehnsucht der ins Anonyme übersteigerten Individualität Gemeinschaft zu erleben“ veranschaulichen. Dass der enorme „Drang nach Mitteilung und Partizipation an Anderen“ die „Illusion eines Miteinander auf Weltniveau“ erzeugt (S. 356). Es ist also wieder mal ein Teufelskreis. Je mehr digitale ‚Fake-Kontakte‘ die echte Welt überlagern oder ersetzen, umso mehr steigt unser Bedürfnis danach, weil wir in der realen Welt immer einsamer werden. Und die Wirtschafts-Giganten laben sich wie hinterhältige Daten-Zecken an dieser ungesunden Spirale. Nebenbei passiert das, was in der Schrift 10 Strategien der Manipulation als Punkt 1 genannt wird: Kehre die Aufmerksamkeit um. Denn indem die Aufmerksamkeit der Menschen permanent auf unwichtige Nachrichten (oder neumodisch: Posts) gelenkt wird, verhindert man, dass sie nachdenken und die Ereignisse in Politik und Wirtschaft aufmerksam verfolgen.

 

Zusammengefasst: Würden wir sorgsamer auswählen, was wir mit wem teilen, würden wir Informationen mehr Wertschätzung entgegenbringen (ihr erinnert euch: je weniger es von etwas gibt, umso kostbarer ist es), dann ginge es vielleicht wieder darum, sich an jemanden zu erinnern und nicht darum, mit einem digitalen Blitz-Dings unsichtbar werden zu können. Dann gäbe es vielleicht eine 'richtige' Sichtbarkeit, die man als ‚gläserner Mensch‘ genauso wenig hat wie als unsichtbarer. Und dann würden wir vielleicht auch besser wahrnehmen, was wirklich um uns herum passiert.

 

Blogger-Mimimi: die Kehrseite der EU Datenschutz Grundverordnung

Gut also, dass es die neue Datenschutz Verordnung gibt. Schlecht, dass man als Blogger von den Mogulen der Online-Welt schon die ganze Zeit als Daten-Lieferant missbraucht wurde und nun eine Heidenarbeit in einen datenschutzkonformen Internetauftritt stecken muss. Leute!!! Schon alleine die verwendete Schriftart (google Fonts) kann zu einem digitalen Abgleich mit google führen und Cookies beim Nutzer setzen. Die Schriftart!!! Mittlerweile habe ich gefühlte 1000 Stunden mit Artikeln zu dem Thema EU Datenschutz Grundverordnung verbracht und wurde dabei immer wieder von dem massiven Impuls gepackt, die ganze Bloggerei sein zu lassen. Eingebettete Videos, Kommentarfunktionen, Newsletter, Cookies, Analytic-Tools (Schriftarten … pffff …. unfassbar) – alles sammelt Daten der Nutzer, ohne dass ich das auch nur im Geringsten beabsichtige. Das passiert also nicht nur ohne Kenntnis der Nutzer, auch zum großen Teil ohne Kenntnis der Webseiten-Betreiber. Noch immer blicke ich nicht ganz durch, wo überhaupt welche Daten gespeichert werden. Aber ich gebe mein Bestes, um das auf ein Minimum zu reduzieren und über dieses Minimum dann auch noch adäquat zu informieren.

 

Abschließend noch ein wenig künstlerischer 'Stoff', um die Paranoia zu schüren. Alles altbekannt und doch immer wieder spannend und erschreckend - was man mit Daten so alles anstellen kann ...

 



Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Die Bilder im Fließtext stammen von www.pixabay.de

 

* Edward Snowden hat dazu mal in einer Online-Fragerunde (Rabbit) gesagt: „Zu argumentieren, dass man sich nicht um das Recht auf Privatsphäre schert, weil man nichts zu verbergen habe, ist nichts anderes, als wenn man konstatiert, dass man sich nicht um freie Meinungsäußerung schert, weil man nichts zu sagen hat.“

 

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