VERSÖHNT 1

Der Brief

Elenor sah auf den Brief in ihren Händen, als glaube sie nicht wirklich, dass er zwischen ihren Fingern lag. Ihre Stirn war zerfurcht und der Blick aus ihren blassgrauen Augen war misstrauisch und ängstlich. Unsicher glitten ihre Augen über das dicht in blauer Farbe beschriebene Papier, über die kantigen, weit nach links gebeugten Buchstaben, die aussahen, als würden sie sich nur mit Mühe aufrecht halten. Als würde ein kurzes Zittern ihrer Hände genügen, um die Buchstaben zu Fall zu bringen. Doch das taten sie nicht. Ihre Hände, fleckig und schrumpelig wie die Haut eines vergessenen Apfels, zitterten immer, heute – mit dem Brief zwischen den Fingern – sogar besonders stark. Doch die Buchstaben blieben stehen, trotzig dazu entschlossen, ihre Aufgabe zu erfüllen.

 

Irgendwann ließ Elenor den Brief langsam sinken und strich sich mit einer Hand unsicher und fahrig durch ihr kurzes, lockiges Haar, das mit dem Verlust ihrer honigbraunen Farbe drahtig geworden war. Ein rasselnder Seufzer entrang sich ihrer Brust und die Flut von Erinnerungen, die sie unversehens mit Macht durchströmte, zeigte sich in dünnen, glitzernden Linien, die sich von ihren altersmüden Augen einen Weg durch die Furchen ihres Gesichts bahnten. Nach so vielen Jahren! Es war gefühlte Ewigkeiten her, dass sie von dem Urheber der linksgeneigten Buchstaben etwas gehört hatte, sodass sie in ihrem Geist, der ihr bisweilen wie löchriger Nebel am frühen Morgen erschien, schon so manches Mal seine reale Existenz angezweifelt hatte. Ja, es gab Momente, da hatte sie den Eindruck, sich ihre gesamte Mutterschaft nur einzubilden. Da kam ihr das pausbäckige kleine Gesicht vor ihrem inneren Auge genauso unwirklich vor wie dessen erwachsene, zornige Variante, die sie zuletzt vor so langer Zeit gesehen hatte.

 

Ein gutaussehender Mann war ihr Sohn unter ihrer Fürsorge geworden. Sie war stolz auf ihn gewesen und hatte gerne Fotos von ihm herumgezeigt, hatte erzählt, dass er Doktor war und wichtige Arbeit in der Forschung leiste. Ja, das hatte sie gerne getan. Oh, wie gerne sie das getan hatte … Und dann war SIE gekommen und hatte alles verändert. Er hatte keine Zeit mehr gehabt, war nicht vorbei gekommen, hatte nicht angerufen. SIE hatte ihn ihr weggenommen. Es waren immer häufiger böse Worte gefallen und irgendwann hatte ihn Elenor vor die Wahl gestellt. Nie im Traum hätte sie daran gedacht, dass er sich gegen seine eigene Mutter entscheiden könnte. Sie hatte es doch nur gut gemeint. Eine Frau, die einen so von der eigenen Familie fernhielt, konnte doch nicht die richtige Partnerin sein. Dünn war er außerdem geworden seit er mit IHR zusammen war. Und immer unterwegs. Dabei kannte er das doch so gar nicht von zu Hause. Sie konnte einfach nicht verstehen, warum er sich eine Frau gesucht hatte, die so komplett anders war als sie. Eine Karrierefrau in schicken Kostümen und auf hohen Stöckelschuhen. Was war denn so schlecht daran, wie sie war? Immer hatte sie sich aufgeopfert. Und er? Er ließ sie einfach im Stich und entschied sich für diese magersüchtige Ärztin. Elenor hatte damals sogar den Verdacht gehegt, dass SIE gar nicht wirklich Vegetarierin war, sondern das zur vorgegeben hatte, um nicht ihren Schweinebraten essen und ihre Kochkünste loben zu müssen. Damit Elenor gar nicht erst die Möglichkeit bekam, zu zeigen, was sie gut konnte, dass sie auch in etwas gut war, dass sie auch glänzen konnte. SIE hatte ihr diesen Glanz weggenommen und Elenor einfach überstrahlt, in den Schatten gestellt und mitleidig belächelt. Hielt sie vielleicht für zu provinziell und ungebildet, diese Frau Doktor.

 

Elenor nahm den Briefumschlag in die Hand und nestelte umständlich zwei Fotos heraus. Auf dem ersten Bild stand SIE und daneben ihr Sohn. Der glückliche Gesichtsausdruck mit dem er SIE anschaute und seine Hand auf ihren runden Bauch legte, rann wie warmer Honig durch Elenors Körper und schnürte ihr mit seiner Süße die Kehle zu. Aber er schmerzte sie auch wie eine grobe Hand, die sie schroff in die zweite Reihe drängte. Ihre wässrigen Augen saugten sich an der großen Bauchkugel fest, als wollten sie hineinschauen. Einen Sohn hatten sie bekommen, das hatte er geschrieben. So wie Elenor damals auch einen Sohn bekommen hatte. SIE war jetzt auch eine Mutter und damit hatten ihre Stöckelschuhe und ihr Doktortitel nicht das Geringste zu tun.

Ob es der Frau ihres Sohnes später mit ihrer Schwiegertochter auch einmal so gehen würde wie Elenor? Ob IHR Sohn sich auch einmal gegen sie entscheiden würde?  Elenor studierte das Gesicht auf dem Foto, um zu sehen, ob sich darin schon der Schatten späterer Sorgen und Enttäuschungen abzeichnete. Doch davon war nichts zu sehen. Müde sah es aus, das Gesicht. Müde, aber glücklich. Und … liebevoll. Ja, SIE sah ihren Sohn mit einem innigen Ausdruck der Liebe und Hingabe an. Das konnte man so sagen. Ja, genau so sah es aus. Als würde diese Frau ihren Sohn wirklich von Herzen lieben und ihr Sohn diese Frau.

In diesem Moment kamen Elenor zum allerersten Mal Zweifel an der Richtigkeit ihres Grolls. Nein, keine Zweifel. Plötzlich war sie sich sicher, dass der Verlust ihres Sohnes ganz alleine ihre Schuld war. Die Luft reichte plötzlich nicht mehr, um ihre Lungen satt zu machen. Erschöpft und flach atmend schloss sie die Augen und ließ den Kopf für einige Momente nach vorne sinken.

 

Als sich Elenors Atmung wieder beruhigt hatte, öffnete sie die Augen und nahm das zweite Foto, auf dem ein kleiner Junge zu sehen war. Ihr Enkelsohn. Der Sohn ihres Sohnes. Er war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten und eine bittersüße Sehnsucht nach diesem Kind, nach der verlorenen Zeit, nach dem, was sich nicht mehr ändern ließ, ergriff sie machtvoll und drängend und schien sie auf einmal vollständig zu vereinnahmen. Langsam drehte sie das Foto und las die Zeilen, die mit einer weichen, runden, kleinen Schrift auf die Rückseite geschrieben waren:

 

Elenor, ich bitte dich, lass uns einen neuen Anfang machen und gemeinsam für unseren Sohn und deinen Enkelsohn da sein. Wir vermissen dich in unserer Familie!

 

Leise, ganz leise schluchzte Elenor auf und kam sich wie eine Närrin vor, die kostbare Lebenszeit freiwillig dahingeschenkt hatte, wie verblendet und verbohrt in eine falsche Sicht auf die Welt. Was hatte ihr dieser Hass auf die Frau ihres Sohnes gebracht, außer Kummer, Einsamkeit, Falten und weißer Haare?! Früh alt geworden war sie deswegen, war zu einer verbitterten, schlecht gelaunten Frau geworden, die kaum jemand ertragen konnte. Sie drehte das Foto erneut und betrachtete lange und eingehend das unschuldige, runde Kindergesicht. Vorsichtig strich sie mit ihren zitternden Fingern über das Bild. Dann nahm sie wieder das andere Foto in die Hand und hauchte mit ihren dünnen Lippen einen Kuss auf die Stirn ihres Sohnes und dann, nach kurzem Zögern, auch auf die Stirn seiner Frau, ihrer Schwiegertochter, die geschrieben hatte, dass sie sie in ihrer Familie vermisste, sie, Elenor. Ja, sie wollte einen neuen Anfang machen. Und alleine dieser Gedanke des Wollens schenkte ihr ein Gefühl von Leichtigkeit, das sie zuletzt in einem lange zurückliegenden Leben gespürt hatte. Die Zeit seitdem war kein Leben gewesen, sondern ein Warten, ein Stillehalten und Wüten, das aus ängstlicher Rechthaberei jeden Funken von Gefühl erstickte.

 

Fast aufgeregt griff sie nach dem Brief und las ihn noch einmal. Und dann noch einmal und noch einmal. Mit jedem Mal mehr schwand die Schwärze und Schwere in ihrer Brust ein wenig mehr und am Ende las sie den letzten Satz laut mit:

„Mama, wir kommen mit unserem kleinen Jonathan zu dir und dann wollen wir alles Schlechte hinter uns lassen und wieder eine richtige Familie werden, ja?“

 

 

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