Die Täter-Opfer-Sache Teil 1: Vergeben und vergessen aus Opfersicht

 

Es beginnt schon im Sandkasten: die Schaufel wird geklaut, die Sandburg zertreten, jemand schubst einen oder ist sonst irgendwie gemein. Und diese Täter-Opfer-Nummer gibt es potenziell jederzeit und überall: zwischen Eltern und Kindern, in der Schule oder im Büro. Täter- und Opfer-Rollen sind also allgegenwärtig. Der eine tut dem anderen irgendetwas an, klaut ihm eine Schaufel oder macht etwas wirklich Schlimmes, von Mobbing über Misshandlung bis hin zu Mord. Was fängt das Opfer jetzt mit seinem Schmerz und seiner Wut darüber an? Schiebt es beides beiseite? Rächt es sich? Fordert es Wiedergutmachung oder vergibt es dem Täter? Am besten für die eigene geistige wie körperliche Gesundheit soll ja das mit der Vergebung sein. Allerdings muss man das erstmal hinbekommen, denn Vergebung hat eindeutig (!) etwas jesus-guru-artiges an sich. Und wer ist schon Jesus?

 

Entschuldigen, verzeihen, versöhnen – das Wortopolis der Vergebung

 „Ent-Schuldige bitte!“

„Bitte was?“

„Sag‘ ich doch: mach‘ die Schuld da weg. Die ist mir unangenehm.“

„Und wie soll das funktionieren?“

 „Na, du ent-schuldigst mich einfach und dann ist das Thema aus der Welt.“

 

Als wäre es so einfach! Überhaupt stellt sich doch die Frage, warum das Opfer dafür sorgen sollte, dass sich der Täter mit seiner Schuld nicht allzu unwohl fühlt? Doch erstaunlicherweise sagt das Vergebungs-Wortopolis genau das. Als würde es bei diesem ganzen Verzeihen alleine um den Täter und seine Schuldgefühle gehen: Ent-Schuldige mich, es tut mir (ein) Leid, bezichtige (zeihe) mich nicht weiter der Schuld, sondern ver-zeihe – selbst in ‚ich bedaure‘ steckt ja schon fast ein Aua (na gut, das ist jetzt etwas weit hergeholt …  trotzdem) - armer Täter, der.

Besonders deutlich macht es das Wort „ver-geben“. Warum soll man seinem Peiniger denn bitte etwas geben?! Fällt einem vielleicht genau deswegen Vergebung manchmal so schwer? Weil man den Eindruck hat, dass man dem Täter damit etwas Gutes tut. Und im Normalfall will man dem 'Feind' ja nun nicht noch etwas schenken oder geben (außer einem Tritt in den Hintern vielleicht…). Die gute Nachricht: Es mag vielleicht so klingen und sich auch so anfühlen, als würde man mit der Vergebung vor allem dem Täter einen Gefallen tun, aber in Wahrheit gibt man damit erstmal sich selbst etwas.

 

Und wie auch wir vergeben unseren Schudigern alias Schaufeldieben? Ha, das kannst du vergessen!

In den Weltreligionen ist Vergebung ein großes Thema. Bei den Christen ist es sogar ein Teil des berühmtesten Gebets, dem Vaterunser. So ganz selbstlos erscheint der Vergebungswille mir dabei allerdings auch nicht. „Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ heißt es, nach dem Motto: Ich mach vor, du machst nach oder: Wenn ich jetzt nett zu dem da bin, bist du doch auch nett zu mir, oder? Für mich klingt dieser Vergebungsansatz eher nach Angst vor Bestrafung im Jenseits als nach einem Bemühen, mit sich selbst und der Welt ins Reine zu kommen. Aber die Kirchenleute sehen das natürlich ganz anders, eher als eine Übertragung des Göttlichen ins Menschliche, sowie es auch mit der Geburt Jesu Christi passiert sein soll. In diesem Zusammenhang ist es durchaus logisch, dass sich um Jesus herum das Thema Vergebung ballt. Ob er für eine Prostituierte (Maria Magdalena) um Nachsicht bittet, indem er auf die Fehlbarkeit aller hinweist, ob er am Kreuz um Vergebung für die Kreuziger bittet, weil sie nicht wüssten, was sie täten. Tja, schon Jesus wusste, dass die Empathie mit dem Täter eine extreme Vergebungshilfe ist. Dennoch muss man, um vergeben zu können, erstmal vergeben wollen. Und da liegt auch schon der Hase im Pfeffer. Denn häufig fühlt man sich seiner Wut geradezu verpflichtet und ein Aufgeben derselben fühlt sich an wie ein Selbstverrat. Die Wut schützt auch vor der Traurigkeit, die dahinter steckt und vor der Auseinandersetzung mit der Verletzung. Und Wut wertet. Sie sagt: das was derjenige gemacht hat, ist falsch. Sie setzt einen selbst ins Recht. Um vergeben zu können, muss man diese Krücke zunächst aufgeben und in Kauf nehmen, dass man dann vielleicht erstmal tief fällt. Andererseits kann die Wut aber auch wie eine Blockade wirken, die einen darin hindert, wirklich zu heilen und weiterzukommen. Die Verletzung wird konserviert und bleibt. Sollte man also für die geklaute Schaufel und schwerwiegendere Delikte doch mal Vergebung in Erwägung ziehen?

 

Vergebung: Warum man die Wut loslassen darf

 An Zorn festhalten ist wie Gift trinken und erwarten, dass der Andere dadurch stirbt. - Buddha

 

Ein erster Schritt dazu, sich zur Vergebung zu entschließen, ist zu verstehen, dass Vergebung die Verletzung weder billigt, noch verharmlost, vergisst oder entschuldigt. Dadurch, dass man sich entscheidet, nach vorne zu schauen und loszulassen, spricht man dem erlittenen Leid keine Bedeutung ab. Wer meint, dass man sich selbst nicht genug Wert beimesse, wenn man vergibt, sollte sich zunächst vergegenwärtigen, dass Vergebung mehr mit einem selbst als mit dem Täter zu tun hat. Denn wenn wir unseren Schuldigern nicht vergeben, mag das vielleicht jenseitige Folgen haben, ganz sicher hat es aber einen Einfluss auf unser diesseitiges Dasein. Nachgewiesen ist jedenfalls, dass das Unterlassen von Vergebung negative Folgen für die geistige und körperliche Gesundheit haben kann. Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, permanente Unzufriedenheit, Aggressionen, ja, es gibt sogar etwas, das als „Verbitterungsstörung“ bezeichnet wird. Und darauf kann man ja nun wirklich verzichten, schließlich kann man sich deswegen noch nicht einmal krankschreiben lassen. Passend dazu lautet eine buddhistische Weisheit: „Sei gut zu dir und vergib den anderen.“

 

Und wie funktioniert das mit der Vergebung jetzt? Ich habe mal recherchiert …  Es gibt zahlreihe psychologische Studien zu dem Thema, der Buchmarkt bietet reichlich Selbsthilfelektüre und natürlich findet man auch online unzählige Ratgeberseiten. Es gibt sogar ein WikiHow zum Vergeben lernen.

 

Kurz gefasst gilt Vergebung in der Psychologie als ein Prozess, der in verschiedenen Stufen abläuft. Verschiedene Psychologen haben hierzu unterschiedliche Modelle entworfen, die sich im Wesentlichen auf die folgenden Punkte reduzieren lassen:

 

  • Stufe 1: Sich mit der der zu vergebenden Tat auseinandersetzen, seine Wut und die dahinter verborgenen Gefühle erkennen, Verantwortlichkeiten sortieren.
  • Stufe 2: Den Entschluss fassen zu vergeben. Das fängt im Kopf an. Vor dem emotionsbasierten Verzeihen kommt das entscheidungsbasierte Vergeben. Um sich dazu durchzuringen findest du weiter unten einige Tipps.
  • Stufe 3: Am Vergebungsprozess arbeiten, zum Beispiel indem man seine Wut herauslässt, sich mit der Sichtweise des Täters befasst, die eigenen Gefühle neu programmiert. Meist bringen einen schon die Fragen weiter: Warum macht mich das so wütend, was der andere getan hat? Was genau finde ich daran so schlimm und wieso? In dieser Phase sind Gespräche mit Unbeteiligten (z.B. mit Freunden oder einem Therapeuten) sehr hilfreich. Auch Gespräche mit dem Täter können helfen, vor allem wenn dieser seine Tat bereut. Wenn nicht, lass' ihn lieber außen vor ...
  • Stufe 4: Vergeben, den Schuldvorwurf hinter sich lassen, abschließen, loslassen.

 

Tipps für den Jesus-Guru-Modus

Okay, wir befassen uns zumindest schonmal gedanklich mit dem Vergebungsthema und haben verstanden, dass der anhaltende Groll  uns selbst schadet. Dennoch kann uns niemand dazu zwingen zu vergeben und das Nicht-Verzeihen führt auch nicht zwangsläufig zu Verbitterung, Krankheit, Tod und Hölle. Aber wenn wir gewillt sind zu verzeihen und die Wut und der Schmerz einfach nicht verschwinden wollen, was können wir dann tun? Hier meine Lieblingstipps:

 

  • „Was kümmert es die Eiche, wenn die Sau sich dran scheuert“ – so heißt es volkstümlich. Und Distanz zu den Dingen hilft tatsächlich ungemein dabei, die Dinge hinter sich zu lassen. Sei groß und stehe darüber. Manchmal hilft es auch den Täter abzuwerten (das ist jetzt alles andere als ein reifer Tipp und eigentlich typisch für faschistoide Vollidioten, aber das wohl auch nur, weil es wirklich super wirkt). Mein absolutes Highlight hierzu ist der wikiHow-Beitrag zum Umgang mit dummen Leuten
  • Führe fiktive Gespräche mit dem Täter und sprich' alles aus, was du empfindest. Schrei' es heraus, singe es oder schreibe es auf. Das ist der erste Schritt, um es loszuwerden.
  • Erforsche die Ursachen für deine Verletzung. Was verbindest du mit der Tat? Je klarer du die ganze Angelegenheit vor dir siehst und je mehr du alles in seine Einzelheiten zerlegst, umso besser kannst auf Distanz gehen.
  • Habe Mitleid mit dem Täter. Nichts anderes katapultiert dich dermaßen schnell in die stoische Eichenposition, in der du huldvoll Gnade walten lassen kannst. Ich selber war mal sehr erfolgreich mit dem mantra-artig wiederholten Satz: "Friede sei mit dir". Im wikiHow-Beitrag zum Umgang mit dummen Leuten wird empfohlen, sich innerlich vorzusingen: "Das ist nur ein dummer Mensch, das ist nur ein dummer Mensch, usw." (auch gut)
  • Mache dir bewusst, dass du nur verletzt werden kannst, wenn du es zulässt. Wenn du die Opfer-Rolle nicht einnimmst, funktioniert die Täter-Opfer-Sache nämlich gar nicht mehr.
  • Verzeihe dir selbst, denn damit fängt alles an.

Abschließend ein Tipp für ein Video von der Trauma-Therapeutin Darmi Charf, eine Fabel, die sehr lehrreich sein soll und der biographische Bericht einer verzeihenden KZ-Insassin - es ist gar nicht so leicht, nicht-spirituelle Bücher zu dem Thema zu finden ... (beide Bücher habe ich übrigens noch nicht gelesen, aber die Rezensionen klingen vielversprechend)



YouTube-Tipp:

Dami Charf - Verzeihen (9:31 min)

Info: Eigentlich finde ich eingebettete Videos toll, aber wegen der EU-Datenschutzverordnung und weil ich mich nicht nicht unbeabsichtigterweise an der Jagd auf eure Daten beteiligen möchte, gibt es nur noch Tipps zum Selberyoutuben bei mir ;)


Falls ein Link mal nicht mehr funktionieren sollte, freue ich mich über eine kurze Info per Mail!

P.S.: Die Bilder im Fließtext stammen von www.pixabay.de

 

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