6. Kapitel

Früher einmal

 

Liguster marschierte ungeduldig auf der Baumwurzel hin und her. Zwischendurch hielt er immer wieder inne und ließ seinen Blick aufmerksam über die Heidelandschaft schweifen. Nein, nichts. Er schüttelte den Kopf. Lori hatte doch gesagt, sie würde am nächsten Tag wiederkommen. Warum tat sie das dann nicht auch! Volle drei Tage schlug er hier nun schon die Zeit tot und langweilte sich entsetzlich. So hatte er sich das mit der Ruhe nicht vorgestellt. Wo blieb nur Lori? Er wollte endlich mehr erfahren, von dem, was sie das letzte Mal angedeutet hatte. Was waren das für andere Völker? Und was gab es noch alles, was er nicht wusste? In Liguster kribbelte und zwackte es vor lauter Neugier und Ungeduld. Beim großen Mutterbaum nochmal, wo blieb Lori?

Es dauerte noch einen weiteren Tag, bis Lori auf einmal wie aus dem Nichts vor der Baumhöhle auftauchte und mit einem genervten Augenrollen neben ihm ins Moos plumpste. "Vier große Schwestern, sag' ich nur... Du hast ja keine Ahnung. Ich glaube, das ist irgendeine gemeine Strafe der großen Mutter. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang heißt es:  Lori, wo bist du, Lori, tu dies, Lori tu das, Lori, sei nicht so frech, Lori, Lori, Lori... Jetzt konnte ich auch nur weg, weil sich alle auf das große Fest vorbereiten. Hier noch ein wenig Blütenstaub für gelbere Wangen, dort noch die Haare mit Grasfasern hochflechten. Was für ein Hummelzirkus!"

Liguster musterte Lori neugierig und hatte Mühe seine Erleichterung darüber zu vergeben, dass sie doch noch endlich vorbeigekommen war.

"Fest?", fragte er.

Lori seufzte auf. "Ja, heute ist der Lange Tag. Weißt du das gar nicht?" Auf einmal grinste Lori. "Ach ja, habe ich ganz vergessen, du hast ja nicht die geringste Ahnung von irgendwas."

Liguster verzog den Mund zu einer Grimasse und Lori fuhr fort: "Heute ist die Weiße Nacht, der längste Tag des Jahres, Sommersonnenwende. Feiert ihr da etwa nicht?

Liguster schüttelte den Kopf. "Nein, die Zwingelwichte feiern im Frühling, wenn im Wald alles grün wird. Am vierten Vollmond im Jahr gibt es in Gundelfingen das Varilunafest."

"So, so. Ja, ich glaube, ich habe mal was davon gelesen. Wie sagt man so schön: andere Völker, andere Sitten. Eigentlich witzig, nicht? Ich meine, weil wir doch eigentlich alle ein und dasselbe Volk sind."

"Wie meinst du das? Und was sind das für andere Völker? Das letzte Mal hast du versprochen, mir davon zu erzählen." Liguster merkte selbst wie vorwurfsvoll er klang und biss etwas beschämt die Lippen aufeinander.

"Neugierig?" Lori lachte und ein schelmischer Ausdruck trat in ihr Gesicht, als sie ihre Arme miteinander verschränkte, sich zurücklehnte und ihn schweigend musterte.

Liguster versuchte, möglichst gleichgültig zu wirken. Aber die vier Tage Einsamkeit hatten ihm zugesetzt. Ununterbrochen hatte er über diese anderen Völker, die Lori erwähnt hatte, nachgedacht, über die Heidelinge und die Bienen, die Hüter des Wissens und die Bibliothek von Solbixgrund. Also, ja, zum großen Mutterbaum nochmal, er war so neugierig, dass es wehtat. Schließlich erbarmte sich Lori und begann zu erzählen:

"Früher einmal gab es nur ein einziges großes Wichtelvolk, das von einer Familie angeführt wurde. Das Herrscherpaar hatte fünf Kinder, drei Brüder und zwei Schwestern: Gundel, Wesel, Falkin, Liff und Solbix. Diese fünf Geschwister stritten sich bei jeder Gelegenheit, spielten sich niederträchtige Streiche und machten sich gegenseitig schlecht. Es muss wirklich furchtbar gewesen sein. Als es dann an der Zeit war, die Herrschaft über die Wichte zu übernehmen, wurde es unerträglich, weil sie sich nicht in einer Sache einigen konnten. Die Wichte verbreiteten soviel Zorn und Hass, dass die Blätter der Bäume zu welken anfingen, die Blumen verdorrten und der See austrocknete. Irgendwann hatte die große Mutter genug davon. Sie teilte das Volk der Wichte in fünf Teile auf und schickte jeden davon mit einem der Geschwister in einen anderen Winkel ihres Reiches, so weit voneinander entfernt, dass sie nichts mehr voneinander hören und sehen konnten. Gundel gründete mittem im Zwingelforst Gundelfingen und nannte sein Volk fortan Zwingelwichte. Wesel hat in einer Lagune des Rosensees die Stelzenstadt Weselin gebaut und seine Wichte Seepixies genannt. Falkin ist in die Nebelberge gezogen. Seine Wichte nennen sich das Bergvolk und leben in Falkinfels, einer großen Tropfsteinhöhle, soweit ich weiß. Liff ging mit ihren Anhängern zum Khadija-Moor. Wo genau sie da wohnen, weiß ich nicht, nur dass sie sich Moormurkel nennen. Und wir leben als Heidelinge in der Dünenheide. Nun ja, offensichtlich waren die Wichte so froh darüber, einander los zu sein, dass sie kein Wort mehr übereinander verloren und sich so im Laufe der Jahre vollkommen vergessen haben. Nur wir erinnern uns noch, weil unsere Urahnin Solbix die Geschichtenerzählerin unter den Geschwistern war. Sie hat dafür gesorgt, dass all das Wissen des vereinten Volkes bei uns aufbewahrt wurde. Gebracht hat es trotzdem nichts. In 500 Jahren wurde nicht ein einziger Teil der Prophezeiung erfüllt. Und das heißt, das hier ist unser letztes Sonnenwendenfest. Nächstes Jahr um diese Zeit hat die Große Mutter uns alle verwandelt. Schluss mit den Wichten."

Lori seufzte und Liguster starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. "Was meinst du?", fragte er schließlich etwas heiser. In seinem Kopf glühten Frerks Worte, dass er derjenige sei, der die Große Mutter besänftigen und alle vereinen solle, wie brennende Kohlen. "Welche Prophezeiung? Worin verwandeln?"

"Ach", Lori zuckte mit den Schultern. "Die genaue Prophezeiung kenn' ich nicht. Ich weiß nur, dass da jemand sein soll, der alles wieder in Ordnung bringt. Jemand, der mit Tieren spricht, oder so. Und das muss passieren bis die großen fünf Himmelssterne am Langen Tag in einer Reihe am Himmel stehen. Nach unseren Berechnungen ist das im nächsten Jahr soweit. Sind dann die Völker nicht in Frieden vereint, werden wir allesamt in Blumen und Gräser verwandelt." Lori ließ sich nach hinten in das Moospolster fallen. "Wenn du mich fragst, es gibt Schlimmeres. Wenigstens muss ich dann nicht mehr fleißig wie eine Biene sein, sondern kann den Tag damit verbringen, im Wind hin und her zu schaukeln und zu blühen."

Liguster war aufgesprungen und lief aufgeregt hin und her. Natürlich war das vollkommener Blödsinn, dass er sowas wie ein Auserwählter sein sollte. Er war nur Liguster Zwingelwicht, der Außenseiter ohne Freunde. Aber was, wenn nicht? Was wäre, wenn tatsächlich alles von ihm abhing? Ligusters Mund war staubtrocken und so musste er einige Male schlucken, bevor er krächzend fragen konnte: "Könntest du vielleicht den genauen Wortlaut der Prophezeiung herausbekommen?"

"Vielleicht", antwortete Lori gedehnt. Seit Liguster wie von einer Biene gestochen aufgesprungen war, musterte sie ihn mit einem interessierten Blick. "Der Text müsste irgendwo in der großen Bibliothek sein. Allerdings liegt er garantiert irgendwo dort, wo niemand außer meinen Eltern und der alten Aruna hin darf. Also wohl eher doch nein."

"Ich muss aber ganz genau wissen, wie die Prophezeiung lautet." Liguster hatte in seiner Aufregung fast geschrien und Lori sah ihn mit großen Augen an, in denen es auf einmal blitzte und funkelte.

"Nun ja, erlaubt ist es nicht. Aber heute Abend beim Fest sind vielleicht alle Heidelinge so abgelenkt, dass es gar nicht auffällt, wenn  wir uns hineinschleichen. Also, von mir aus ..." Sie sah Liguster lauernd an, "helfe ich dir, vorausgesetzt du verrätst mir, warum du die Prophezeiung unbedingt sehen willst."

Liguster senkte den Kopf. Fast schämte er sich, es laut auszusprechen. Aber er musste in diese Bibliothek und er wusste, dass er ohne Lori keine Chance hatte. Außerdem war er sich gar nicht sicher, ob er die Schrift der Heidelinge lesen konnte und wo er suchen sollte. Also gab er sich einen Ruck: "Weil ich wissen muss, ob sie etwas mit mir zu tun hat."

Lori riss die Augen auf: "Ist nicht dein Ernst! Beim großen Heidehügel, das ist ja mal was. Also ... also, dann muss ich schnell wieder los und einiges  vorbereiten. Ich hol' dich ab, wenn die Sonne einen Fingerbreit über dem südlichsten Hügel liegt."

Schon war Lori verschwunden und Liguster sah mit klopfendem Herzen und rasenden Gedanken auf das lilafarbene Blütenmeer der Heide. Heute Abend würde er unbefugt in die 500 Jahre alte Bibliothek der Heidelinge eindringen und erfahren, ob er tatsächlich derjenige war, der alle Wichte retten und vereinen sollte. Seine Knie wackelten und das Atmen wurde ihm schwer. Bei den Nimfen, wie war er bloß in diese Situation gekommen. Er hatte doch nur seine Ruhe haben wollen.

 

 

 

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