5. Kapitel

Nicht die geringste Ahnung von irgendwas

Liguster rieb sich verwirrt die Augen und wollte gerade fragen, was zum großen Mutterbaum hier los war, als die junge Wichtin mit ihrem Fuß ausholte und tatsächlich noch einmal zutrat.

"Au", sagte Liguster empört. "Bist du von allen guten Nimfen verlassen? Du kennst mich doch gar nicht."

"Genau", gab sie zornig zurück und begann energisch hin- und herzumarschieren. "Ich kenn dich nicht und du kennst mich nicht. Ich frage mich also, beim heiligen Heidehügel, was du in meinem Haus zu suchen hast." Sie blitzte Liguster aus zusammengekniffenen Augen an, wartete jedoch nur den Bruchteil einer Sekunde auf eine Antwort, bevor sie weiter vor sich hinzeterte. "Als wäre es zuviel verlangt, mal ein winzig kleines bisschen Ruhe zu haben und sich nicht ständig irgendwelche langweiligen Vorschriften anhören zu müssen. Und immer diese Aufgaben. Tu dies, tu das, sei fleißig wie eine Biene, bla, bla, bla. Ich kann es nicht mehr hören. Und als ich mich endlich mal wieder verdrücken kann, ohne dass es jemand merkt, muss ich feststellen, dass mein Haus einfach von so einem dahergelaufenen Störenfried belagert wird, der noch nicht einmal in der Lage ist, Ordnung zu halten." Mit einem angewiderteren Ausdruck und äußerst spitzen Fingern hob sie die Überreste einer Walderdbeere hoch und schwenkte sie vorwurfsvoll vor Ligusters Gesicht.

"Machst du auch mal eine Pause?", fragte dieser jetzt sichtlich genervt und rappelte sich in eine stehende Position auf. Er war ein wenig größer als sie und so musste sie jetzt leicht nach oben schauen, was ihr deutlich zu missfallen schien.

"Ja, wenn du hier endlich verschwunden bist", gab sie schnippisch zurück und machte eine auffordernde Handbewegung zum Ausgang hin.

Liguster seufzte. "Hey, hör mal zu. Es tut mir leid, dass ich in deinem Haus geschlafen habe. Ich dachte, es wäre unbewohnt und ich könnte hierbleiben. Im Moment weiß ich nicht so genau, wo ich hinsoll. Vielleicht können wir ja nochmal von vorne anfangen und du hast einen Tipp für mich, wo ich hingehen kann, um alleine zu sein und meine Ruhe zu haben und dabei trotzdem auf die Dünenheide schauen zu können. Also, ich bin Liguster Zwingelwicht." Er bemühte sich um einen freundlichen Gesichtsausdruck und neigte einmal leicht den Kopf.

Sie sah ihn misstrauisch, aber jetzt auch mit einer Spur Neugierde an. "Du willst alleine sein?"

"Oja. Unbedingt."

"Mmh, das Gefühl kenne ich." Jetzt lächelte sie sogar und neigte ihrerseits ihren Kopf: "Ich bin Veralore Bixgrund, jüngster Sproß der furchtbar lauten und aufdringlichen und bevormundenden Bixgrunds von Solbixgrund. Aber alle nennen mich nur Lori."

Nachdem sie sich eine Weile schweigend gemustert hatten, sagte Lori: "So, so. Du bist also ein Zwingelwicht, ja? Heißen bei euch alle so? Also bei uns, den Heidelingen, haben alle Familien andere Namen. Und du willst deine Ruhe haben, ja?" Sie zögerte einen Augenblick. "Na gut. Also von mir aus, kannst du hierbleiben. Ich wohne ja nicht wirklich hier, sondern komme nur her, um meinen Schwestern und den vielen Aufgaben Zuhause zu entkommen. Weißt du, die jüngste von fünf Schwestern zu sein, kann wirklich schrecklich anstrengend sein. Alle denken, dass sie mir was befehlen dürfen und meinen, mich ständig, im Auge behalten zu müssen. Ich kann dir sagen, das macht mich wirklich wahnsinnig." In diesem Moment kitzelte sie ein Sonnenstrahl am Fuß und sie warf einen erschrecken Blick nach draußen. "Ach, du heiliger Heidehügel, so spät schon? Also.., ich muss los."

Mit diesen Worten drehte sie sich um und verließ eilig die moosgepolsterte Baumhöhle. Im Hinausgehen rief sie noch: "Morgen komme ich wieder und bring dir etwas Honig mit. Du wirst staunen, wie lecker der ist." Und schon war sie verschwunden.

 

Liguster blieb verdattert stehen und wusste beim besten Willen nicht, wie er das alles finden sollte. Heidelinge? Solbixgrund? Wer und was sollte das sein? Und Honig? Liguster schüttelte sich. Das war doch dieses eklige pipigelbe Zeug, das Bienen aus Läuse- und Pflanzensaft machten. Nie wäre ein Zwingelwicht auf die Idee gekommen, damit irgendetwas anzufangen, geschweige denn, das zu essen! Nachdenklich ging Liguster vor die Höhle. Er fand in einer schattigen Vertiefung noch einen Tautropfen, mit dem er sich waschen konnte und sprang dann von der Baumwurzel, um sich ein wenig Sauerampfer zum Frühstück zu pflücken. Dann sah er hinüber zur Dünen-Heide. Ein gewaltiges Brummen erfüllte in der Ferne die Luft und er sah unzählige Bienen zwischen den dunkelroten Heideblüten hin und her fliegen. Eine seltsame Begegnung war das gewesen. Es war ungewohnt gewesen, mit jemandem zu reden, der offensichtlich weder wusste, dass nur Findelwichte Zwingelwicht hießen, noch dass Liguster soviel wie Schreihals bedeutete. Und sie hatte so anders ausgesehen. So... gelb. Vielleicht war es das Beste, wenn er schnellstmöglich das Weite suchte. Andererseits - stellte er erstaunt fest - fühlte sich der Gedanke daran, morgen wieder von ihr besucht zu werden, gar nicht so übel an. Irgendwie hatte er sich das mit dem Alleinsein doch etwas besser vorgestellt, als es in Wirklichkeit war.

 

Am nächsten Tag kam Lori wie versprochen wieder vorbei und brachte eine Samenkapsel gefüllt mit leuchtend gelbem Honig mit. Als Liguster ihr seine Bedenken mitteilte, Läusepipi zu essen, lachte sie laut auf. "Das gilt vielleicht für Waldhonig, du Schratling. Bei uns in der Dünenheide wird der Honig aus Blütennekater gemacht." Dann dachte sie kurz nach und ergänzte mit gerümpfter Nase: "Na gut, dass der von Bienenmagen zu Bienenmagen weitergeben und dazu immer wieder hochgewürgt wird, ist auch nicht unbedingt appetitlich... Aber das Ergebnis ist so sensationell lecker, dass man da ruhig drüber hinwegsehen kann." Liguster zörgerte noch einen Augenblick. Doch dann gab er sich einen Ruck. Schließlich wollte er weder unhöflich, noch feige sein. Und als er ersteinmal gekostet hatte, konnte er kaum genug bekommen. Als die Samenkapsel bis auf den letzten Tropfen leergegessen war, sah er Lori zufrieden und mit leuchtenden Augen an, neigte den Kopf und bedankte sich höflich. Dann setzten sie sich nebeneinander auf die Baumwurzel, sahen auf die Dünenheide und Lori erzählte ihm etwas über die Freundschaft zwischen den Heidelingen und den Honigbienen. "Vielleicht verstehen wir uns deswegen so gut, weil unsere Völker sich so ähnlich sind. Wir leben wie die Bienen die meiste Zeit in unserer Höhle, die Frauen haben bei uns das Sagen und die Heidelinge sind widerlich fleißig. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Wir haben keine Drohnenschlacht, keinen Hochzeitsflug und sind auch keine Wachsfabriken oder Ventilatoren oder stellen Honig her. Aber dafür...", Lori machte eine kurze Pause und sah Liguster mit unverhohlendem Stolz an, bevor sie fast flüsternd fotfuhr, "sind wir die Hüter des gesamten Wicht-Wissens." Sie machte noch eine dramatische Pause und sagte : "Das soll uns erstmal jemand nachmachen. Haben die Zwingelwichte auch irgendeine besondere Aufgabe?"

Liguster zuckte mit den Schultern und dachte nach. Schließlich sagte er zögernd: "Spaß haben?"

Lori lachte. "Du bist ja ein Witzling!" Dann erhob sie sich und machte Anstalten wieder aufzubrechen.

"Warte mal", sagte Liguster erschrocken. "Du kannst doch jetzt nicht gehen. Ich weiß doch noch gar nicht, was eine Drohnenschlacht ist. Und das mit den Venti-Dingern und Wachsfabriken habe ich auch noch nicht verstanden."

Lori sah ihn seufzend an. "Du weißt ja echt gar nichts, oder? Also, beim Hochzeitsflug heiratet die Bienenkönigin weit, weit oben im Himmel alle Bienen-Männer auf einmal. Das reicht dann, damit sie ihr ganzes Leben Eier legen kann. Und weil die Männer danach nicht mehr gebraucht werden, werden sie bei der Drohnenschlacht aus dem Bienenstock geschmissen. Denn kennen die Bienen nichts... Den Bienenstock bauen die Bienen aus dünnen Wachsplatten, die aus ihrem Unterleib herauswachsen und wenn es zu heiß im Stock wird, schlagen sie so doll mit ihren Flügeln, dass der Wind den Stock abkühlt. Das nennen wir Ventilation." Die letzten Worte hatte Lori ihm schon im Davongehen zugerufen. Jetzt blieb sie noch einmal kurz stehen und sagte: "Wenn ich das nächste Mal komme, erzähle ich dir von den anderen Völkern außer Heidelingen und Zwingelwichten. Du hast ja offensichtlich nicht die geringste Ahnung von irgendwas." Und dann war sie verschwunden.

 

Liguster saß nachdenklich auf der Baumwurzel und sah auf die summende und brummende Dünen-Heide. Ja, ihm kam es tatsächlich vor, als hätte er nicht die geringste Ahnung von irgendwas. Und auf einmal musste er er wieder an die mysteriösen Worte des alten Freerk denken. 

 

 

 

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