VERLIEBT 4

Der Rattenfänger

Sanft und getragen tanzten die Flötentöne durch den Garten, zogen durch die Luft, umschmeichelten zart Bäume, Blumen und Gräser. Sie waren so voller Sehnsucht und Gefühl, dass sie das Herz schwellen und die Gedanken träumen ließen. Es war wie ein Ballett von Sonnenstrahlen und Musik, für das der Garten die bunt und satt grün dekorierte Bühne war.

"Da ist das Vieh", schrie da auf einmal Hannelore in einem heiseren Flüsterton und ergänzte mit aufgeregt zitternder Stimme: "Los, hau' drauf."

Schwerfällig raffte ihr Mann Jörg sich und seinen Bauch auf und schlich mit erhobener Schaufel auf das Tier mit den langen, gelben Zähnen und dem fetten, nackten Schwanz zu. Die Ratte ihrerseits spazierte vollkommen ungeniert durch die sorgfältig gepflegten Blumenrabatten, so langsam und gelassen als könne sie kein Wässerchen trüben. Zwischendurch hielt sie immer wieder inne, legte den Kopf schief, putzte sich ein wenig und schien zu lauschen. Plötzlich schlug Jörg zu. Nur haarscharf sauste das harte Metall der Schaufel an der Ratte vorbei und traf scheppernd einen Gartenzwerg aus der 'Rumpelstilzchen-Szene'. Hannelore kreischte und die Ratte sprang quiekend auf und rannte so schnell davon, dass Jörg und sein Bauch keine Chance mehr hatten, sie zu erwischen.

 

Es dauerte nur eine Sekunde, bis Hannelore schwer schnaufend neben ihrem Mann auftauchte. "Du hast vorbeigehauen", stellte sie in einem säuerlichen Ton fest und sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. "Dabei saß das ekelhafte Vieh doch wie auf dem Präsentierteller da... Und sieh' nur, was Du meinem kleinen Rumpelstilzchen angetan hast." In diesem Moment verstummte die Flötenmusik und das schien Hannelore noch mehr aufzuregen. "Na toll! Jetzt läuft das widerliche Ungeheuer hier weiter frei und ungehindert herum und wir können gar nichts dagegen tun. Gar nichts. Du weißt doch, dass wir sie nur erwischen können, wenn der Junge von nebenan auf seiner Flöte übt! Ach, ich hätte damals auf meine Mutter hören sollen und den Schulz von gegenüber nehmen sollen. Der hätte bestimmt dafür gesorgt, dass sich keine ekligen Ratten in meine schönen Blumen einnisten. Drei Läden hat der Schulz jetzt schon. Eine richtige Kette. Und seine Frau, die dürre Marie aus der Frau-Holle-Straße bekommt das Geld nur so in den Allerwertesten gepustet..."

 

Der 'Junge von nebenan' zog gerade die Teile seiner Querflöte auseinander, reinigte sie sorgfältig und verstaute sie in seinem Kasten. Kopfschüttelnd strich er sich mit der flachen Hand über seinen Drei-Tage-Bart und grinste vor sich hin. Natürlich hatte er durch das offene Fenster jedes Wort der streitsüchtigen Hannelore mitbekommen, die er still für sich Ilsebill nannte nach dem Märchen Der Fischer und seine Frau. Er fand es genauso lächerlich, dass sie ihn mit seinen 30 Jahren noch immer als Junge bezeichnete, wie dass sie der Meinung war, sein Flötenspiel würde die Ratten hervorlocken. Wenn er mit seiner Musik tatsächlich irgendwas anlocken könnte, dann würde er bestimmt keine Ratten fangen wollen. Er war ja schließlich Programmierer und kein Kammerjäger. Sein aktuelles Projekt war ein Spiel, das auf Grimms Märchen basierte. Er hielt einen Augenblick inne und sah gedankenverloren ins Leere. Tja, wenn er mit seinem Flötenspiel wirklich jemandem den Kopf verdrehen könnten, dann eher dieser Schönheit, die er jeden Morgen in der Bahn sah. Augen, so dunkelbraun wie flüssige Schokolade, eine helle, ebenmäßige Haut, schwarzes, leicht gewelltes Haar und ein kirschroter Mund, von dem er kaum den Blick abwenden konnte. Nach ihrem Vorbild hatte er sein Schneewittchen im Spiel programmiert. Sein Schneewittchen. Auch die reale Vorlage nannte er so. Doch davon, dass sie sein Schneewittchen war, schien sie genauso wenig zu wissen, wie dass es ihn überhaupt gab. Er war eben nicht so der extrovertierte Casanova-Typ, der sich überall in den Mittelpunkt drängte. Seine Flöte sprach für ihn oder – wenn er bei der Arbeit war – seine Programme. Er lächelte versonnen. Das wär was! Wenn er sie mit seinem Flötenspiel wirklich verzaubern könnte. Sein Schneewittchen. Die Idee von ihm als Rattenfänger oder vielmehr Schneewittchenfänger ließ ihn nicht mehr los und verfolgte ihn bis in die Nacht.

 

Am Morgen packte er, ohne eigentlich zu wissen warum, seine Flöte in seinen alten Military Rucksack. Er zog sich seine Kapuzenjacke an, schob die Kapuze wie üblich weit in die Stirn, setzte seinen Rucksack auf und machte sich auf den Weg zur Bahn.

Da saß sie. Wie immer im selben Waggon wie er. Sein Schneewittchen. Neben ihm las eine Mutter gerade ihrer kleinen Tochter das Märchen vom Froschkönig vor und die Frau ihm schräg gegenüber mit ihren beigen Kompressionsstrümpfen und der haarigen Warze im Gesicht hatte definitiv etwas von der Knusperhäuschenhexe an sich. Jetzt holte sie auch noch einen Beutel Süßigkeiten aus ihrer Tasche und hielt ihn dem kleinen Mädchen auffordernd entgegen. Er schüttelte den Kopf. Seit er an diesem Spiel programmierte, sah er nur noch Märchen, wohin er schaute.

 

Da dachte er wieder an Ilsebills Überzeugung, er wäre sowas wie der Rattenfänger. Die Flöte in seinem Rucksack fühlte sich auf einmal schwer wie ein Gewicht aus Blei an. Warum hatte er sie mitgenommen? Sollte er jetzt tatsächlich einen auf Rattenfänger machen und wie ein Straßenmusikant in aller Öffentlichkeit spielen, um sein Schneewittchen zu verführen? Nee. Das war definitiv nicht sein Ding. Außerdem war das hier kein Märchen mit Zauberei und einem 'Sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage'. Na ja, aber in seinem Spiel, da könnte er doch so eine Szene einbauen. In Gedanken spielte er sie bereits durch, sah wie das Schneewittchen den Rattenfänger auf einmal wahrnahm, mit lasziv wiegenden Hüften zu ihm ging, ihm mit ihren schlanken Fingern über die Brust strich und sich verführerisch auf die roten Lippen biss, während sie ihm aus ihren Schokoladenaugen schmachtende Blicke zuwarf. Schluss jetzt, bremste er sich, bevor das noch eine handfeste Porno-Fantasie wird.

 

In dem Moment sah er aus den Augenwinkeln eine junge Frau im Gothik-Look mit unvorstellbar langen Haaren den Bahnwaggon betreten und dachte grinsend: Rapunzel, lass dein Haar herunter. Kurz darauf setzte sich ein pickeliger Jugendlicher neben die Frau. Auf dem Arm trug er eine Katze, deren Hinterläufe eingegipst und wie Stiefel angemalt waren. Seine Gedanken ratterten. Könnte er nicht das Figurenauswahlmenü wie einen Bahnwaggon anlegen und die Märchenfiguren als moderne Versionen ihrer selbst? Der Zug würde dann nicht nach Hogwarts, sondern ins Märchenland fahren mit Rapunzel als Gothik-Tante, der Knusperhäuschenhexe als Seniorin mit Süßigkeitentüte und so weiter. Als dann noch ein Mädchen in knallrotem Trainingsanzug und passender Basecap mit einem riesigen, irischen Wolfshund an der Leine den Zug betrat, kamen ihm zum ersten Mal ernsthafte Zweifel an der Realität der Situation. Träumte er? War er beim Programmieren eingeschlafen? Quatsch, so ein Nerd war er jetzt auch nicht, dass er Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden konnte. Oder doch? Also, jetzt mal so ganz theoretisch... wenn das hier nur ein Traum war oder wenn er komplett in sein Spiel eingetaucht war, dann war doch alles möglich. Rein theoretisch. Dann konnte er auch mit seiner Musik sein Schneewittchen für sich gewinnen. Dann konnte er diese wunderschöne Frau mit den roten Lippen und der ebenmäßigen Haut dazu bringen, sich in ihn zu verlieben. Und mal ganz ehrlich: rote Käppi und Wolfshund, Katze mit Gipsstiefeln... das musste doch einfach ein Traum sein. Also, worauf wartete er noch?! Das war hier doch gar nicht echt. Also war es auch vollkommen egal, wenn er sich zum Volltrottel machte.

 

Kurz darauf hatte er seine Flöte zusammengesetzt, war aufgestanden und hatte zu spielen begonnen. Und auch wenn es nur ein Traum war, starrten ihn auf einmal alle an. Er hasste das. Also machte er einfach seine Augen zu, lehnte sich an die Haltestange, dachte an sein Schneewittchen und spielte, was ihm in den Sinn kam. Dabei sah er ihr Gesicht ganz deutlich vor sich. Sie lächelte ihn mit ihren prallen roten Lippen an, ihre schwarzen Haare umspielten ihre blassen Wangen. Er ertrank in ihren  Augen und glaubte, fast zu spüren, wie sie ihren atemberaubenden Körper an ihn schmiegte. Als schließlich seine Haltestelle ausgerufen wurde, schrak er kurz zusammen, hörte aber nicht auf zu spielen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit verließ er den Waggon und ging Richtung Ausgang. In seiner Vorstellung folgte ihm sein Schneewittchen, auch wenn das in der Realität natürlich totaler Unsinn wäre. Würde er das hier in der Wirklichkeit tun, mit geschlossenen Augen und flötespielend durch die Straßen laufen, wäre er einfach nur ein peinlicher Irrer.

Er ging an einer alten Villa vorbei, die vollkommen von Kletterrosen zugewuchert war, passierte den Brunnen auf dem Marktplatz, auf dessen Rand ein Schulmädchen saß, das einen golden glitzernden Flummi in die Luft warf und sah unter halbgeschlossenen Lidern einen Zirkusmitarbeiter, der Werbung für die nächste Vorstellung machte und einen Esel, einen Hund, eine Katze und einen Hahn vor sich her scheuchte. Nicht eine Sekunde hörte er auf zu spielen. Er war wie im Rausch. Das Gefühl, sein Schneewittchen bei sich zu haben, sie auf sich aufmerksam und in sich verliebt gemacht zu haben, erregte ihn, euphorisierte ihn. Erst als er an seinem Arbeitsplatz angekommen war, der Castle & Prince Agency for Game-Solutions, unterbrach er sein Spiel. Kurz hielt er inne, lauschte den Tönen in seinem Kopf nach und strich in seiner Vorstellung Schneewittchen sanft über die Wange, legte seine Lippen auf ihre und atmete ihren verführerischen Duft. Was war er nur für ein Nerd!

Als er sich mit der Hand durchs Gesicht fuhr und seine Bartstoppeln fühlte, war er aufs Neue irrtiert. Verdammt.  Das war gar kein Traum. Das hier ist definitiv die Realität, dachte er.  Ein Auto fuhr gerade mit aufheulendem Motor und quietschendem Keilriemen an ihm vorbei. Direkt vor ihm beruhigte eine Mutter ihr weinendes Baby und aus der Bäckerei neben dem Firmengebäude drang der Geruch nach frisch gebackenem Brot. So konnte man nicht träumen. So detailliert und intensiv. Tja, da hatte er sich wohl zum Volldeppen gemacht und sollte ab jetzt in einem anderen Bahnwaggon mitfahren...

Er ließ seinen Rucksack von den Schultern gleiten, um die Querflöte wieder zu verstauen. Als er sich dabei ein wenig drehte, zuckte er erst erschreckt zusammen und starrte dann mit leicht geöffnetem Mund in das Gesicht seines Schneewittchens. Ihre schokoladenbraunen Augen waren fest auf ihn geheftet und ihre Zähne bissen in Zeitlupentempo auf ihrer Unterlippe herum. Was tat sie hier? Hatte er nicht gerade festgestellt, dass das die Realität war? Was ging hier ab, verdammt nochmal!

"Hi", sagte sie und lächelte ihn mit einem verträumten Gesichtsausdruck an. "Ich bin Whitney und du bist definitiv der faszinierendste Mann, dem ich jemals begegnet bin."

 

 

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