3. Kapitel

Abschied aus Gundelfingen

"Eigentlich hast du das ja nicht verdient, du ungehobelter Findelwicht", keifte Malizia Gundelgruß und reichte Liguster widerwillig einen roten Zwingelhut. "Aber wenigstens bin ich dich Grobian dann endlich los. Räum nach dem Frühstück deinen Korb aus und hinterlasse dein Bett in einem ordentlichen Zustand." Es sah aus, als würde es sie eine große Überwindung kosten, als sie schließlich noch den traditionellen Zwingelwichtgruß zur Feier des sechzehnten Lebensjahres herauspresste:


Mögest du unter deinen Füßen immer fruchtbares Schwarz,
vor deiner Nase frisches Grün
und über deiner Mütze wärmendes Gelb spüren.
Mögen deine Sinne stets wachsam
dein Herz mutig
und deine Gedanken fröhlich sein.
Möge dich der Segen deines Volkes begleiten
wo auch immer der Wald dich hinführe
und was auch immer dir im Forst begegne

Elaū keleñadí

 

Liguster neigte mit ernstem Gesicht den Kopf und erwiderte den rituellen Wunsch für eine gute Reise: "Elaū keleñadí." Dann nahm er die Mütze entgegen und verließ, ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Frühstücksraum. Auf dem Weg in den Schlafsaal hielt er den Blick gesenkt. Es gab hier im Heim niemanden, den er vermissen würde und von dem er sich verabschieden wollte. Deswegen war er auch sehr erleichtert, als er registrierte, dass sich niemand sonst im Schlafraum aufhielt. An seiner schmalen Pritsche angekommen, strich er seine dünne Bettdecke glatt, nahm seine grüne Mütze vom Kopf und legte sie auf dem Bett ab. Dann setzte er sich seinen neuen roten Hut auf und rückte ihn sorgsam zurecht. Der rote Zwingelhut berechtigte ihn, ohne Aufsicht Gundelfingen zu verlassen und zeigte an, dass er ab jetzt für sich alleine die Verantwortung trug. Endlich konnte er hier weg, ohne dass ihn irgendein Zwingelwicht wieder zurück in die Stadt schleifen und Malizia ihn für seinen unerlaubten Ausflug bestrafen würde. Liguster bückte sich. Obwohl er wusste, dass sich nichts darin befand, zog er noch einmal den Korb unter dem Bett hervor. Erstaunt riss er die Augen auf. Was war das? Wie kam das in seinen Korb? Zögernd streckte Liguster seine Hand aus und strich ehrfürchtig über den fein gewebten Stoff. Vor ihm lag eine grün-goldene Tasche mit einem kunstvoll geflochtenen Schultergurt aus Schilfgras. Der Verschluss war aus einem Holz geschnitzt, das er noch nie zuvor gesehen hatte und auf der Vorderseite war mit zierlichen Stichen und goldenem Faden das Bild einer Kröte gestickt. So etwas Schönes hatte er bisher noch nicht einmal von Weitem gesehen. Wo zum großen Mutterbaum nochmal kam die Tasche her? Verwirrt nahm Liguster die Tasche in die Hand und öffnete sie. Nacheinander räumte er ein kleines Messer aus geschliffenem Stein, eine Spule mit Spinnenfaden, zwei Feuersteine und ein zusammengerolltes, helles Blatt auf das Bett. Er verstand nicht, was hier los war und schüttelte irritiert den Kopf. Als er das Blatt auseinanderrollte, sah er auf eine detaillierte Karte, auf der der Wald mit allen fünf Zwingelwicht-Städten, das Khadija-Moor im Norden, die Dünen-Heide im Süden, der Rosen-See im Westen und die Nebel-Berge im Osten verzeichnet waren. Fassungslos starrte Liguster auf die Karte und die anderen Utensilien. Das war fantastisch und würde ihm sein Leben außerhalb von Gundelfingen so viel einfacher machen. Wer nur meinte es so gut mit ihm? Und warum hatte er bisher noch nie etwas davon zu spüren bekommen? Hatte das etwas mit dem Kröten-Angriff zu tun? Warum sonst sollte ein Kröten-Bild auf der Tasche sein? Wollte ihm auf diese Weise jemand danken, dass er die Kröte weggeführt hatte? Liguster schwirrte der Kopf vor lauter Fragen. Doch er hatte keine Zeit, sich näher mit ihnen zu befassen. Denn in diesem Moment hörte Liguster, wie sich Schritte näherten.

* Die Landkarte wird im Verlauf der Geschichte immer weiter be- und ausgearbeitet...

In Windeseile räumte er alles wieder zusammen, stopfte die Tasche unter sein Grasblatt-Wams und wandte sich zum Gehen. Beinahe hätte er laut aufgestöhnt, als er sah, wer da zur Tür hereinkam. Es wäre ja zu schön gewesen, wenn er ohne einen weiteren Zusammenstoß mit Lysopril und seinen dödligen Freunden hier weg gekommen wäre. Liguster spannte jeden einzelnen Muskel in seinem Körper an und ging langsam und mit einem wachsamen Blick auf sie zu. Er sah, wie die Vier zusammenrückten und ihn aus schmalen Augen und mit einem bösen Lächeln musterten. Doch gerade als er dachte, dass er gleich den ersten Schlag parieren müsste, betrat Malizia den Raum. Und zum ersten Mal überhaupt war er erleichtert, sie zu sehen. Ohne anzuhalten, öffnete er seine mittlerweile schon geballten Fäuste wieder und drängte sich mit trotzig erhobenem Kinn zwischen ihnen hindurch zur Tür. Das Letzte, was er im Fichtelkindheim von Gundelfingen hörte, war Lysoprils Stimme, die ihm ins Ohr zischte: "Komm' nie wieder zurück, du Kröten-Brut."

Liguster verließ Gundelfingen, ohne sich umzuschauen. Nur außen am Tor machte er noch einmal Halt und wandte sich zu seiner Rechten. Dort in einem Loch an der Unterseite einer Baumwurzel wohnte Freerk , ein sehr alter, sehr wunderlicher Wicht, der vor Ewigkeiten aus Gundelfingen verbannt worden war. Warum genau, wusste nicht mal mehr Freerk selbst. So schlimm konnte es allerdings nicht gewesen sein, sonst wäre er nicht so nah an Gundelfingen geduldet worden. Liguster mochte Freerk und hatte von ihm mehr über den Wald und die Tiere gelernt als von sonst jemandem.
"Freerk?" Liguster sah suchend durch die offene Tür und wich etwas erschrocken zurück, als wie aus dem Nichts das alte, runzelige Wichtgesicht direkt vor ihm auftauchte.
"Ah, der junge Findelwicht. Kommt er den alten Freerk mal wieder besuchen, was?" Prüfend musterte Freerk Liguster von Kopf bis Fuß mit einem undurchsichtigen Grinsen im Gesicht. Seine Stimme klang hoch und ächzend wie ein morscher Baum, der vom Wind gerüttelt wurde. "Einen roten Hut hast du jetzt also und gehst in den Forst hinaus, was? Aha, und eine interessante Tasche trägst du..."
"Ja, ich wollte dir noch Lebewohl sagen. Und die Tasche... keine Ahnung, wo die herkommt", gab Liguster schulterzuckend zu. "Hast du vielleicht eine Idee?" Obwohl Freerk außerhalb der Stadt wohnte, war er stets bestens informiert. Manchmal hatte Liguster den Eindruck, dass Freerk schon Bescheid wusste, bevor die Dinge überhaupt geschahen.
Freerk sah Liguster aus schmalen Augen an und spitzte seinen Mund nachdenklich. Ein Geflecht aus tiefen, runzeligen Falten überzog sein Gesicht und sein Haar stand unter seinem selbst genähten Hut wild in alle Richtungen ab. Dann verschränkte er seine mageren Hände hinter seinem Rücken und ging murmelnd in seiner kleinen Behausung hin und her: "Liguster Zwingelwicht fragt den alten Freerk, ob er was über die kostbare Tasche weiß.... mmh, mmh..., sagen wir's ihm oder sagen wir's ihm nicht? Mmh... mmh... Keine leichte Entscheidung für Freerk."
Liguster beobachtete den alten Wicht gespannt. Er wusste, dass er Freerk nicht dazu überreden konnte, ihm etwas zu erzählen. Wenn er drängeln würde, würde Freerk sofort dichtmachen und ihn aus seiner Wohnung scheuchen. Davon konnte er schon ein Lied singen. Also biss Liguster sich auf die Lippen und wartete ab. Schließlich seufzte Freerk  und sah Liguster mit einem fast traurigen Gesichtsausdruck an. "Freerk wünschte, du hättest die Tasche nicht bekommen, junger Findelwicht. Keine leichten Aufgaben warten auf dich. Nein, nein, nein. Wer die Kröte lenkt, ist auserwählt... auserwählt, die große MutterMeyunwå Luoña zu schützen und zu retten." Freerk zog nervös an seinen verfilzten Haarspitzen. "So eine große Last für so junge Schultern. Das ist nicht schön. Nein, nein." Freerk seufzte.  "So, und jetzt geh'. Los, los. Genieß' deine letzten unbeschwerten Tage." Freerk schob den verdatterten Liguster resolut aus seiner Wohnung und schloss die Tür. Ganz leise hörte Liguster ihn noch murmeln "Elaū keleñadí, junger Freund. Freerks Gedanken werden bei dir sein."
Liguster blieb einen Augenblick verwirrt vor der Tür stehen und schüttelte dann den Kopf. Was war das denn gewesen? Der alte Freerk wurde auch immer seltsamer. Was hatte er, Liguster Zwingelwicht, bitte mit der Urmutter, der Quelle allen Lebens zu tun? Pfff, so ein Quatsch...  Auf ihn wartete jetzt die Freiheit und er war für niemanden sonst, als sich selbst verantwortlich. Kein Asselhöhlen-Dienst mehr, keine dödligen Findelwichte, keine bösartige Malizia.  Liguster atmetet tief und befreit durch und marschierte munter drauf los. Er konnte ja nicht wissen, dass ihm wirklich nur noch wenige unbeschwerte Tage bleiben würden.

 

 

 

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