2. Kapitel

Die Asselhöhle

Die Asselhöhle war eigentlich gar keine richtige Höhle, sondern ein riesiger toter Baumstamm, der über viele Jahre hinweg von Tausenden von Asseln grottenartig ausgehöhlt worden war. Die Asseln fraßen das Holz, verdauten es, fraßen es nochmal, verdauten es, fraßen es nochmal, verdauten es und so weiter. Dadurch entstand eine wunderbar feine, fruchtbare Erde. Die meisten Zwingelwichte fanden diese Art der Erdherstellung ziemlich abstoßend, obwohl ständig ein großes Blabla von wegen Einheit mit der Natur gemacht wurde. Aber Liguster war das egal. Er mochte die Asseln mit ihren mattgrau schimmernden Rüstungen und ihren Antennen am Kopf. Bei seinen heimlichen Ausflügen in den Wald hatte er viel Zeit mit ihnen verbracht. Deswegen wusste er, dass sie wie Fische durch Kiemen atmen konnten, obwohl sie an Land lebten. Damit das funktionierte leiteten sie jeden Wassertropfen durch spezielle Rinnen in ihrem Panzer direkt zu den Kiemen an ihrem Hinterleib hin. Liguster fand das witzig. Als wären Sie sowas wie Landtaucher in einem vierzehnbeinigen Tauchanzug. Reichte das nicht, pumpten sie mit ihrem Hinterleib Luft in ihre Behelfslungen an den Hinterbeinen. Auf und ab, auf und ab - wie ein kleiner Blasebalg. Am besten fand er aber, wie sie ihre Eier ausbrüteten. Anstatt dazu ins Wasser zu gehen, trugen sie einfach einen wassergefüllten Beutel unter dem Bauch mit sich rum. Liguster klopfte einer vorbeieilenden Assel freundlich auf den Panzer, stieß die Schaufel kräftig in den lockeren Humus und lud seine Eichelhutkarre randvoll. Dann machte er sich auf den Weg zurück zum Mutterbaum. Die riesige hohle Eiche und die inneren Gartenebenen mussten regelmäßig mit frischem, nährstoffreichem Humus versorgt werden, um gesund und stark zu bleiben. Und weil es ohne Eiche kein Gundelfingen gab, hatte die Baumpflege höchste Priorität.


Liguster brauchte fast zwanzig Minuten zurück nach Gundelfingen. Unterwegs kamen ihm laufend andere Wichte mit leeren Karren und missmutigen Gesichtern entgegen. Sie waren wie er mit dem Asselhöhlen-Dienst bestraft worden, wahrscheinlich, weil irgendeine Kleinigkeit, die sie getan hatten, einem Mitglied der Gundelgroß-Familie missfallen hatte. Dabei gingen die Herrscher ziemlich willkürlich vor. Hauptsache, es waren stets genügend Wichte im Asselhöhlen-Dienst, um den Baum gesund zu erhalten. Freiwillig übernahm nämlich keiner der faulen Wichte irgendeine Arbeit, erst recht nicht bei der Asselhöhle.  Eine anderen Zwangsarbeit fand weit oben über ihren Köpfen statt. Dort wurden die Blätter der Eiche geputzt, von Pilzsporen befreit und Schädlinge vertrieben. Die Rinde wurde auf Verletzungen überprüft und bei Bedarf verarztet. Obwohl das Arbeitssystem der Zwingelwichte nicht besonders gerecht war, stellte es niemand in Frage. Vielleicht außer den Wichten, die das Pech hatten, besonders oft zum Strafdienst abkommandiert zu werden. Er hatte gehört, dass das in der Nähe des nächsten Thronfolgers, Trumpert Gundelgroß, besonders häufig geschah. Gehörte man nicht zu seinen frenetischen Anhängern oder zeigte auch nur das geringste Grinsen angesichts seiner seltsamen gelb-weißen Frisur, schon war man für den Strafdienst eingeteilt. Gerüchten zufolge war Trumpert von Geburt an glatzköpfig und hatte sich diese merkwürdige Haarwelle von Weberameisen als eine Art Haarersatz und Krone in einem anfertigen lassen. Zwingelwichte waren eben genauso eitel wie faul, launenhaft und schadenfroh. Außerdem liebten sie die Pflanzenwelt und konnten beim Anblick farbenprächtiger Waldblumen in einen geradezu andächtigen Zustand der Verzückung versinken. Sie waren abenteuerlustig und mutig, ritten Schmetterlingsrodeos und wetteten auf Rothirsch-Kämpfe. Zwingelwichte waren die besten Hirschkäfer-Surfer weit und breit, dirigierten unvergessliche Singvogel-Konzerte und veranstalteten nachts im Mondschein spektakuläre Tänze. Na ja, jedenfalls die anderen Zwingelwichte taten das. 


Liguster war mittlerweile am Mutterbaum angekommen und schob die Karre durch das Stadttor auf den Seilzug zu. Seine Ladung war für die oberste Gartenebene bestimmt. Liguster lud den Humus in einen Samenkapseleimer um und begann kräftig zu ziehen. Dabei richtete er den Blick nach oben und verfolgte den schwankenden Aufstieg des Eimers. So sehr er sich danach sehnte, endlich hier wegzukommen, war er doch immer wieder von dem Anblick überwältigt. Ebene um Ebene wand sich Gundelfingen in Spiralen nach oben. Pilze in allen Formen und Größen reihten sich dicht an dicht in den Wohnebenen aneinander. Davor zogen sich Wege, Brücken und Plätze aus geflochtenem Gras und Ästen. Durch die Astlöcher fielen dicke Lichtbündel in den Stamm und tauchten die Veilchen und Erdbeeren, den Klee, den Sauerampfer und Löwenzahn der Gartenebenen in das rotgelbe Licht der Abendsonne. Dabei gab es in Gundelfingen - warum auch immer - keine Jahreszeiten und keinen Verfall. Irgendein ein seltsames Zwingelwicht-Ding machte irgendwas mit der Zeit im Inneren des Baums. Liguster sah auf den Eimer, der gerade die Ebene des Findelkindheims passierte. Wütend dachte er an das Abendessen zurück. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatten sich die Blödwichte von ihm von vorn bis hinten bedienen lassen, ihn dabei mit hämischen Kommentaren überschüttet und jedes Mal, wenn Malizia gerade nicht hinschaute, geschubst oder ihm ein Bein gestellt. Da war ihm das Erdschaufeln bei den Asseln deutlich lieber. Liguster zog weiter kräftig am Seil und endlich war der schwere Eimer ganz oben angekommen. Er griff nach dem Band für die oberste Ebene und zog kräftig dran. Auf der Gartenebene wurde jetzt der Eimer ausgekippt und auf die andere Seite des Seilzugs transportiert.


Zwanzig Minuten später war Liguster wieder an der Asselhöhle angelangt. In der feuchten Erde neben dem toten Baumstamm wuchsen breite Teppiche von Lebermoos. Die fleischigen, dunkelgrünen Blätter glänzten leicht in der Abendsonne und die Sporenstengel mit ihren dicken Köpfen ragten wie kurvige hellgrüne Säulen in die Luft. Liguster blickte sich zufrieden um, atmete den Geruch nach feuchter Erde und altem Holz ein und griff nach einer Schaufel. Gerade als er sie in die lockere Erde sroßen wollte, erklang ein lautes Warnsignal. Kurz darauf hörte er mehrere Wichte durcheinander schreien: "Kröte, Achtung, Kröte!" Um ihn herum begann ein wildes Herumgerenne. Hektisch brachten sich die Wichte in Sicherheit, sprangen unter die Blätter des Lebermooses, krochen in die schmalen Risse des Totholzes. Und da sah Liguster das riesige Tier auch schon gemächlich auf die Asselhöhle zukriechen. Ohne zu zögern, öffnete der braune Gigant sein schmallippiges Maul und ließ seine  dicke, fleischige Zunge herausschnellen, mitten in eine Ansammlung von Asseln hinein. Panisch ruderten die Asseln mit ihren vielen Beinchen, bevor sie mit einem schmatzenden Laut im Maul der Kröte verschwanden. Liguster war einen Augenblick lang wie erstarrt und beobachtete, wie Zwingelwichte und Asseln gleichermaßen versuchten, der klebrigen Krötenzunge zu entkommen. Zwar fraß normalerweise kein Tier freiwillig Zwingelwichte, aber im Eifer des Gefechts geschahen immer wieder Unfälle. Es war also kein Wunder, dass auch die Zwingelwichte panisch die Flucht ergriffen. Die Kröte wuchtete ihren massigen Leib noch weiter in die Höhle hinein. Ein Zittern lief durch ihr weiches Fleisch und brachte die dicken giftgefüllten Warzen zum Beben. Liguster sah kurz zu den Asseln hinüber, die kopflos durcheinander wuselten und lief dann einem Impuls folgend direkt auf die Kröte zu. Er konnte einfach nicht dabei zusehen, wie sie alle aufgefressen wurden. Liguster stellte sich direkt vor das riesige Auge der Kröte, in dem die tiefschwarze Pupille wie ein dicker Balken  in flüssigem Bernstein schwamm. "Komm, mein Freund", sagte Liguster. "Wir gehen woanders hin." Dann sprang er mit einigen Sätzen auf den Kopf der Kröte. Dabei achtete er darauf, nicht aus Versehen, eine der giftigen Warzendrüsen zu berühren. Oben angekommen, klopfte er der Kröte sanft auf die rechte Seite. Liguster hielt den Atem an. Würde es klappen? Bisher hatten die Tiere irgendwie von selbst meist das getan, was er sich wünschte. Aber bewusst hatte er es noch nie versucht, erst recht nicht bei einem so großen Tier. Doch nach einem kurzen Zögern drehte sich der dicke Froschlurch schwerfällig um und kroch davon. Liguster lenkte sie mit vorsichtigen Klapsen durch den Wald. Er wusste, dass er sie nicht davon abbringen konnte, Lebewesen zu fressen, aber er wollte zumindest nicht dabei zusehen. Als sie nahe am Khadija-Moor angekommen waren, sprang er ab, dankte der Kröte noch einmal und lief so schnell wie möglich zurück zur Asselhöhle.


Als er dort ankam, war die Sonne schon untergegangen. Trotzdem herrschte noch reger Betrieb und Liguster sah die anderen Zwingelwichte in Gruppen zusammenstehen und aufgeregt miteinander reden. Er musste noch seine letzte Fuhre zu Ende bringen, sonst würde er Ärger mit Malizia bekommen. Mal wieder. Also begann er damit die Nusskarre vollzuschaufeln. Doch als er die Karre anhob und sie in Richtung Mutterbaum schob, fiel ihm plötzlich auf, dass es totenstill geworden war. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Irritiert ließ er kurz seinen Blick schweifen. Als niemand etwas sagte, zuckte er mit seinen Schultern und marschierte einfach los. Doch kaum näherte er sich den anderen Zwingelwichten, wichen sie ängstlich einige Schritte zurück. Liguster seufzte. Na toll. Jetzt war er auch noch Liguster, der gruselige Krötenflüsterer. Als würde sein bescheuerter Name allein nicht reichen. Als wäre es nicht genug, dass er mit seinem schmaleren Gesicht, seiner eher spitzen als flachen Nase und  den großen grüngolden gesprenkelten Augen auffällig anders aussah. Nein, er musste sich mit seiner unüberlegten Kröten-Aktion auch noch selbst zum absoluten Freak abstempeln. Ach was soll's. Noch 21 Tage, dachte er, packte die Griffe der Karre so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten und schob sie an den anderen Wichten vorbei zielstrebig nach Gundelfingen. 

 

 

 

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