WÜTEND 1

Der Abfluss

Nichts. Da tat sich rein gar nichts. Nicht einmal der Hauch von etwas. Christiane Vohwinkel starrte auf das Wasser in dem Spülbecken. Nein, nein, nein. Das konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen. Sie versuchte mit der geballten Kraft ihrer Gedanken, das Wasser zum Abfließen zu bewegen. Ich visualisiere die Verstopfung und dann löse ich sie, dachte sie, während sie weiter unverwandt den anhaltend hohen Wasserspiegel fixierte. Fließ ab, fließ ab, fließ jetzt endlich ab! Verdammt nochmal!

 

Christiane Vohwinkel war auf Jobsuche. Gestern erst hatte sie ein Vorstellungsgespräch gehabt. Seit sechs Wochen das erste. Es war nicht gut gelaufen. Der Chef war ihr unsympathisch gewesen, das Firmengebäude lag im Nirgendwo eines Industriegebietes und auch inhaltlich war die Arbeit alles andere als eine Herausforderung. Trotzdem musste das einfach etwas werden. Sonst würde sie in siebzehn Tagen vom Arbeitslosengeld zu Hartz IV wechseln. Hartz IV! Sie, die fleißige, die korrekte, die immer pünktliche Christiane Vohwinkel.

 

Entschlossen griff sie abermals zum Pümpel, setzte ihn auf den Abfluss und begann heftig zu pumpen. Das Wasser schäumte auf, spritzte durch die Gegend. Zweimal landete ein Schwall Wasser direkt in ihrem Gesicht und lief tropfend an ihrem Kinn hinunter. Kleine Rinnsale schlängelten sich weiter abwärts, durchtränkten ihre Bluse. Obwohl es nur Wasser war, fühlte sie sich beschmutzt und besudelt. Es war nass und unangenehm und ekelhaft. Nach und nach lösten sich durch das Pumpen schleimige, dunkelbraune Ablagerungen aus dem Abflussrohr und trudelten durch das noch immer stehende Wasser. Widerlich, dachte Christiane Vohwinkel und verfolgte das taumelnde Treiben mit einem angewiderten Blick.

"Das kann doch nicht wahr sein", murmelte sie leise durch einen schmalen Spalt zwischen ihren Lippen. Sie hatte kein Geld für einen Sanitärtechniker. Und außerdem sah sie das auch gar nicht ein. Sie würde ja wohl ihren Abfluss wieder freibekommen. Nein, auf keinen Fall würde sie sich von einer lächerlichen Ansammlung von Dreck klein kriegen lassen. Ihr Unterkiefer schob sich leicht nach vorne, die Lippen pressten sich fest aufeinander. In ihrem Kopf wechselten Visionen davon wie sie mit einem Baselballschläger auf die widerwillige, bockige Spüle eindrosch und von einem voll funktionsfähigen Abfluss, in dem das Wasser in einem perfekten kleinen Strudel problemlos abfloss. Pling. Die saubere Spüle blitzte und sie stand daneben, strahlend, siegreich, wie aus dem Ei gepellt und mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche.

Dann eben anders, dachte sie und holte sich einen Eimer. Sie öffnete den Schrank unter der Spüle und räumte alles aus. Aus schmalen Augen musterte sie die Abflussrohre eine Zeit lang eindringlich und stellte dann kurz entschlossen den Eimer darunter. Vorsichtig begann sie die Verbindungen zwischen den Rohren zu lösen. Wasser quoll hervor, tropfte unablässig über ihre Finger, steigerte sich zu einem stetig plätschernden Wasserfluss. In ihrem Bauch machte sich Unbehagen breit. Dennoch zog sie das Rohr schließlich ganz ab. Mit einem Schwall rauschte das Wasser aus der Spüle in den Eimer. Der Eimer war zu klein. Verdammt!

Im Nu stand der Schrank unter Wasser, die braunen Bröckchen trieben phlegmatisch hindurch, segelten auf den Abgrund zu und stürzten hinter den Schrank. Auch nach vorne hin strömte das Wasser stetig in die Küche hinein, eroberte Millimeter für Millimeter den Küchenboden. Christiane Vohwinkel sah dem Schauspiel entsetzt und wie gelähmt zu. Dann griff sie voller Wut den Eimer, um ihn zu entleeren. Im letzten Moment fiel ihr ein, dass das mit der Spüle nicht funktionierte. Und so floss nur ein kleiner Schwall von dem trüb schmutzigen Wasser erneut ungehemmt in ihren Küchenschrank, schwappte ihr über die Füße und ergoss sich in alle Richtungen auf den Boden. Sie fluchte.

Mit knirschend zusammengepressten Zähnen entsorgte sie das Wasser in die Toilette, wischte den Schrank aus und den Boden sauber. Danach entfernte sie die Sockelleiste. Ein knirschender Knall informierte sie darüber, dass eine Halterung abgebrochen war. Christiane Vohwinkel atmete schnaufend durch die Nase ein und aus. Knack, die zweite Halterung war hinüber. Der Baseballschläger, den sie nicht einmal besaß, nahm in ihren Vorstellungen einen immer größeren Platz ein. Aber auch das Bild vom friedlich abfließenden Wasserstrudel tauchte zwischendurch noch einmal vor ihrem inneren Auge auf. Ich werde das Problem lösen, dachte sie und warf sich wie ein störrisches Pony das Haar aus dem Gesicht. Ich muss das Problem lösen. Ich bestimme, was geht und was nicht. Und ich werde bestimmt nicht einfach hinnehmen zu versagen.

 

Zwei Stunden später, in denen sie eigentlich mehrere Bewerbungen hätte schreiben und abschicken müssen, stand sie mit zerzaustem Haar und irrem Blick vor ihrer Küchenspüle. Vor ihr auf dem Boden lag ein aufgebogener Drahtbügel, mit dem sie in dem Rohr herumgestochert hatte. Eine leere Flasche Chlor lag daneben. Den Pümpel hatte sie unlängst in die Ecke geschmissen. Noch immer hing der ätzende Geruch von Chlorgas in der Luft. Gebracht hatte das alles nichts.

In diesem Moment hörte sie das Geräusch, das entstand, wenn die Waschmaschine Wasser abpumpte. Sie maß dem keine Bedeutung zu. Doch kurz darauf sah sie, wie aus dem Rohr, das in der Wand verschwand, schmutzig graues Wasser sickerte. Erst zaghaft, dann mit Nachdruck und schließlich sprudelte ihr voller Enthusiasmus eine ganze Waschladung Schmutzwasser entgegen.

Der Abfluss verarscht mich, dachte sie. Dieser Haufen Dreck macht sich über mich lustig. Christiane Vohwinkel spürte, wie ihr Herz heftig schlug, wie ihr die Wut den Hals zupresste, wie schwarz wabernder Hass in ihr hochstieg. Sie stapfte durch die Lache Wasser auf dem Boden. Platsch, platsch, platsch. Ihre Füße waren klitschnass, ihr Haar hing ihr wirr in die Stirn. Die Bluse klebte nass und kalt an ihrem Körper. Mit einem Ausdruck größter Verachtung griff sie nach dem Telefon, blätterte im örtlichen Telefonbuch nach "Sanitärtechnik", rief an und vereinbarte einen Termin für den nächsten Tag. Noch eine Minute nachdem sie aufgelegt hatte, hielt sie das Telefon fest umklammert. Ihre Knöchel traten weiß hervor, ihr Atem ging stoßweise und ihr Kiefer bewegte sich in grotesken Kreisen. Schließlich drehte sie sich zur Spüle, starrte sie sekundenlang an und schleuderte ihr dann mit einem markerschütternden Brüllen das Telefon in den höhnisch verzerrten Rachen. Friss' das, du verkacktes scheiß System!

 

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